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Feuilleton Literatur 12. März 2018

Literarisches Sixpack mit Victor Boy Lindholm

Gold ist dekadent, aber auch Alltag. Genau so wie das Leben in der westlichen Welt”, sagt Victor Boy Lindholm (geb. 1990), dessen Debüt „GOLD“ im Jahr 2014 erschien, und in Dänemark die gängigen Vorstellung davon, was man in der Lyrik auf welche Art und Weise besprechen darf und was nicht, veränderte. Es war eine Herausforderung des Etablierten und eroberte die dänische Literaturszene im Sturm.

In „GOLD“ tauchen Thomas Bernhard und Nelly als unmittelbare Bilder eines Kulturkrieges auf, der die Diskussion zwischen Hoch- und Popkultur entzündet, während die Welt vor den Augen des Ichs unaufhaltbar einstürzt: Klimakrise und Kinderarbeit sorgen für Konflikte im Inneren des jungen Erzählers, der sich, mit einem iPhone in der Hand, auch einfach mal „nice“ fühlen will.

Ein große dänische Tageszeitung schrieb damals: „Victor Boy Lindholm meldet sich mit einer Goldkette um den Hals als Zeuge des Fiebers und des Elends der Zeit und zeigt damit eine zeittypische Doppelseite in der Attitüde auf.“

Am 14. März erscheint „GOLD“ auf Deutsch beim neu gegründeten Nord Verlag. Am Freitag den 16. gibt es im Rahmen der Leipziger Buchmesse eine öffentliche Releaseparty.

 

1.) Julie Mendel: Relikvie

Julie Mendels Debüt „Relikvie“ von 2017 war für mich der ganz große Gedichtband. Eine roter Faden ist die Ohnmacht gegenüber der Welt, die sich wie Wahrheiten durch den ganzen Gedichtband ziehen. Es ist ein kleines Buch, das sagt: Schau, so ist es heute ein Mensch zu sein und so wird es für immer sein ein Mensch zu sein.

2.) Theis Ørntoft: Digte 2014 

Ørntoft hat mit diesem Buch alles klar gestellt. Digte 2014 war ein neuer Schritt, ein Wendepunkt für die dänische Literatur. In dem eine tiefe und bedrohliche Endzeiterzählung durch Ørntofts genau ausbalancierte Bildsprache Luft bekam, wo Zeit und Raum sich genussvoll auflösten. Im Gedichtband bewegt man sich fast unbemerkt von einem atomaren Mikroniveau hin zu einem kosmischen Makroniveau, wo das Ich sich in allen Zeiten gleichzeitig befindet. In „Digte 2014“ ist jede Hoffnung verloren und diese Hoffnungslosigkeit ist unendlich schön.

3.) Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft

Dieses Jahr wünsche ich mir, dass alle Politiker Kapitel 13. in Hannah Arendts „The Origins of Totalitarianism“ lesen. Das Kapitel handelt von Ideologie und Terror, und wie Isolation und die Auflösung der Gemeinschaft, der erste Schritt hin zu einer totalitären Gesellschaft sind. In einer Zeit, in der Solidarität und Mitmenschlichkeit verschwinden, ist Arendts genaue Analyse eines totalitären Wesens essentiell. Ihre Aufmerksamkeit dafür, wie eine Regierungsform Einsamkeit produziert und damit Individuen paralysieren kann, ist ein imponierendes Werk in der Zeit des Neoliberalismus. Hannah Arendt lässt uns verstehen, warum Gemeinschaft, das Wichtigste ist, das wir haben.

4.) David Foster Wallace: Consider The Lobster / A Fun Thing I’ll Never Do Again / Both Flesh and Not

Wallaces gesammelte Essays sind so wichtig für meine eigene Essayarbeit, dass ich glaube, dass ich ohne sie, kein einziges geschrieben hätte. Ich mache mir keine Illusionen darüber, eines Tages auf sein Niveau zu kommen. Sein Talent mit Ernst und Humor zu balancieren, ohne dass es platt und beliebig wird, ist unheimlich imponierend. Sein Kreuzfahrt-Essay sollte überall auf der Welt Pflichtlektüre sein.

5.) Dantes: Die Göttliche Komödie

No words needed. Inferno ist das Wildeste, was ich je gelesen habe.

6.) Juliana Spahr: This connection of everyone with lungs

Spahrs Talent, ihre unmittelbare Gegenwart in poetisches Material zu verwandeln, hat in Verbindung mit der Arbeit an meinem letzten Gedichtband „Ressort“, enorm viel für mich bedeutet. Etwas zu schreiben ist schwer, ohne dass es zu einem Meinungsartikel verkommt, und man muss sich die ganze Zeit fragen: Warum man eigentlich damit arbeitet? Warum soll es Lyrik sein? Was bedeutet diese Linie in dem Zusammenhang, der das Material ist, der keine Poesi verlangt, sondern akutes Handeln? Was ist der Zusammenhang zwischen Lyrik und politischem Engagement. Das sind gute Fragen, nach deren Antworten ich immer noch suche.

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