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Best Of Feuilleton Literatur 17. April 2019

Literarisches Sixpack mit Stephan Orth

Stephan Orth schreibt selbst: „Als ich 6 Jahre alt war, wollte ich Schiffsmuseumsdirektor werden, mit 11 Ägyptologe und mit 16 Rockstar. Nachdem das alles nicht klappte, wurde ich Reporter.“ Seine Bücher über seine Trips sind Bestseller. Couchsurfing im Iran, in Russland und in China. Wir haben Stephan nach seinen sechs Lieblingsbüchern gefragt. Zeit für eine neue Folge „Literarisches Sixpack“.

1.) Tiziano Terzani: Fliegen ohne Flügel

Meine Auslandsreporter-Helden aus früheren Jahrzehnten sind Terzani und Ryszard Kapuscinski, und Ersterer am Allermeisten mit „Fliegen ohne Flügel“: eine Asienreise auf dem Landweg, weil dem Autor ein chinesischer Wahrsager für das Jahr 1993 einen Flugzeugabsturz vorhergesagt hatte. Schon damals klagte er darüber, dass große Besuchermassen den Zauber magischer Orte zerstören: „Was für eine schreckliche Einrichtung der Tourismus ist! Einer der unheilvollsten Gewerbezweige! Durch ihn wurde die Welt in einen riesigen Kindergarten, in ein Disneyland ohne Grenzen verwandelt.“ Wenn ich heute reise, wünsche ich mich manchmal ins Jahr 1993 zurück, als das noch für erheblich weniger Orte stimmte als heute.

2.) Wolfgang Büscher: Berlin – Moskau – Eine Reise zu Fuß

Wenn ich manchmal das Gefühl habe, eigentlich ganz anständig schreiben zu können, lese ich Wolfgang Büscher. Zum Runterkommen. Runter vom hohen Ross, zurück auf die Schulbank. Keiner schreibt auf Deutsch so klug und so melodiös, so frei von Effekthascherei, mit solch präziser Beobachtungsgabe. Auf seiner Wanderung nach Moskau lässt der Erzähler sich treiben, versucht mehr zu reagieren als zu agieren, liefert sich ganz den Orten aus, die er besucht. Getrieben von seiner schier unendlichen Neugierde auf Menschen und Geschichten, lässt er den Leser auf jeder Seite spüren, dass er offen ist für Ungereimtheiten und Überraschungen, dass er ausdrücklich nicht unterwegs ist, um sich vorgefertigte Bilder im Kopf bestätigen zu lassen. Ganz große Reiseliteratur.

3.) Alex Garland: The Beach

Der ultimative Backpackertraum ist hier ein versteckter Strand in Thailand. Und selten hat ein Romanautor Reise-Sehnsüchte und die Unmöglichkeit ihrer Realisierung so virtuos beschrieben wie Garland in seinem Debütwerk, bei dessen Veröffentlichung er gerade mal 26 Jahre alt war. Ich habe das Buch als schlecht gedruckte Raubkopie an einem Straßenstand in Bangkok gekauft – und kurz darauf zwei Tage lang auf der Insel Koh Ngai auf eigene Stranderkundungen verzichtet, um nichts zu tun außer essen, lesen und schlafen.

4.) Peter Hessler: Über Land

Für mich das beste China-Reisebuch. Der Autor macht den Führerschein (herrlich sind die absurden Zitate aus den zu absolvierenden Prüfungsfragen), reist durch ländliche Regionen und erzählt von den Menschen, die er trifft. Der deutsche Untertitel „Begegnungen im neuen China“ ist aus heutiger Sicht interessant: Die Handlung spielt vor gerade mal 10-15 Jahren, und doch erlebt ein heutiger Chinareisender ein vollkommen verändertes Land. Seltsam antiquiert wirkt dieses China ohne Smartphones und Überwachungskameras – ein deutliches Zeichen dafür, wie unfassbar schnell sich dort alles entwickelt hat.

5.) Vladimir Nabokov: Lolita

Ein Buch zu schreiben, das 1955 ein Literaturskandal war und auch 2019 einer wäre – das muss man erstmal schaffen. Vielmehr aber beweist „Lolita“, welche verführerische und gefährliche Macht die Sprache hat: Wer mit ihr umgehen kann, wer sie in äußerster Schönheit hervorbringt, wer Framing zu Poesie veredelt, der kann Zuhörer und Leser mit einem Zauber belegen. Und in dem Moment, in dem der Leser Verständnis für den Psychopathen fühlt, wird ihm plötzlich bewusst, dass die Namensgeberin hier nicht die einzige ist, die in eine Falle gelockt wurde. 

6.) Marjane Satrapi: Persepolis

Bevor ich zum ersten Mal in den Iran reiste, habe ich viele Bücher über das Land gelesen – am meisten gelernt habe ich aus dieser Graphic Novel, die bis heute im Iran verboten ist. Satrapi erzählt von ihrer Kindheit in der neugegründeten Islamischen Republik und schildert, wie die Menschen unter den Mullahs immer mehr ihre Freiheiten verloren. Trotz vieler erschütternder Episoden gibt es auch humorvolle Momente. Zum Beispiel, als bei einem Elternsprechtag die erzkonservative Schulleiterin mehr Disziplin beim Tragen des Kopftuches anmahnt, worauf der Vater der Hauptfigur antwortet: „Wenn Haare so eine stimulierende Wirkung haben, wie Sie behaupten, dann sollten Sie sich mal den Bart rasieren!“

© Malik Verlag

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Stephan Orth: Couchsurfing in China – Durch die Wohnzimmer der neuen Supermacht 

„Wie ticken die Menschen in China? Drei Monate lang erkundet Couchsurfer Stephan Orth das Reich der Mitte: vom Spielerparadies Macau im Süden bis nach Dandong an der Grenze zu Nordkorea, von Shanghai bis in die Krisenprovinz Xinjiang. Er besucht Hightech-Metropolen, die mit totaler Überwachung experimentieren, und abgeschiedene Dörfer, in denen fürs Willkommensessen der Hund geschlachtet wird. Er wird als Gast einer Live-Fernsehshow zensiert und tritt fast einer verbotenen Sekte bei. Dabei wird immer deutlicher, wie sich das Leben hinter den Kulissen der neuen Supermacht gestaltet, welche Träume und Ängste die Menschen bewegen: Und plötzlich wirkt das schwer durchschaubare China viel weniger fremd, als man vermutet hätte.“ Hier kann man das neue Buch von Stephan Orth bestellen. 

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