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Afrika Personal Travel 9. April 2019

Das Gefühl von Unendlichkeit, die Wüste und keine Deadlines

Schon seit mehreren Wochen hat sich die Sonne nicht mehr in Berlin gezeigt. Mein Vitamin D Haushalt ist dementsprechend ziemlich im Keller. Tagelang träumte ich von ausgedehnten Spaziergängen in der Sonne. Am besten auf einem anderen Kontinent. Weit weg von Deutschland. Doch die Realität sah anders aus. Unzählige Abgaben, Recherchen, E-Mails und lästige Briefe vom Finanzamt mit Zahlungsaufforderungen.

Nur zwei Wochen später lande ich in Marrakesch, um von dort gemeinsam mit einer Gruppe unter anderem in die Wüste zu reisen. (Unsere Reise führte uns außerdem auch in das Draa-Tal und nach Essaouira). Knapp 550 Kilometer und 10 Stunden dauert die Fahrt mit dem Minibus. Steinig und karg ist die Berglandschaft, auf dem Gipfel des Jbel Toubkal liegt Schnee. Ein Bild, welches ich von Marokko nicht erwartet hatte, zumal ich dem Winter, grauer Tristesse und Kälte doch entfliehen wollte?

Das Draa-Tal hingegen ist üppig grün, eine Dattelpalme reiht sich an die Nächste, warme Luft bläst mir durch das geöffnete Fenster des Minibusses ins Gesicht. Am Straßenrand tauchen immer wieder Straßenhändler auf, die neben angemalten Kristallen, fossilen Schnecken auch allerlei gefälschte Waren sowie Arganöl anbieten. Mein Favorit: Ein Football im Louis Vuitton Muster.

Am Straßenrand sitzen Kinder und blicken hinab auf die endlosen zerklüfteten Täler. Ziegenhirten kreuzen die Straße und ich frage mich immer wieder, von wo sie eigentlich kommen und wohin sie gehen? Und wie sie zu Fuß eigentlich hierhergekommen sind? Eine Frage, die ich mir auf meiner Fahrt in die Wüste ständig stelle. Ältere Männer, die im Nirgendwo unter Palmen Schatten suchen, Bauern, die ihre Ernte auf dem Rücken von Lasteneseln in das nächstgelegene Dorf transportieren, Frauen mit bunten Plastiktüten und strahlendem Lächeln.

Die Landschaft wird zunehmend einsamer und trockener, nachdem man das Anti-Atlas-Gebirge hinter sich gelassen hat. Und auch die Straßen – zumindest wenn man den Standard in Deutschland gewohnt ist – würde man hier nicht mehr als Straße bezeichnen. In der Ferne erahne ich schon von Weitem die großen Dünen der Wüste. Straßenschilder mit aufgedruckten Dromedaren verraten zudem, dass es nicht mehr weit sein kann. Jeeps mit Wüstensafariaufklebern rasen an uns vorbei. „Welcome to Merzouga“, lässt uns unser Fahrer wissen. „Das Tor zur Wüste.“

Ich werfe einen Blick auf mein Handy und stelle fest, dass die Sonne bereits in eineinhalb Stunden untergehen wird. Es ist angenehm warm, ein leichter Wind weht und endlich verstummt auch das Motorgeräusch des Kleinbusses sowie die immer gleiche Playlist marokkanischer Musik der vergangenen zehn Stunden.

Wir sind angekommen, um weiterzureisen. In ein Camp am äußersten Rand der Erg Chebbi Wüste. Jedoch auf den Rücken einer Dromedar-Karawane. Die Sonne taucht den Sand und die Dünen in ein goldenes Licht. Und bereits nach wenigen Minuten befinden wir uns mitten in der Wüste. Und ich mich endlich mal wieder bei mir selbst. Niemand spricht. Es ist fast windstill, hin und wieder spüre ich ein paar wenige Sandkörner auf meinem Gesicht und zwischen meinen Zähnen. Und meine Lippen sind trocken von der Luft. Es ist schwer zu beschreiben, was mit einem passiert, wenn man zum ersten Mal durch die Wüste reitet. Wahrscheinlich, weil es nichts Vergleichbares gibt.

© Madlen Krippendorf

Angekommen im Camp (ein riesiges Baumhaus), werden wir mit großem Hallo von Omar, der sich um das Camp kümmert, begrüßt. Wie immer, gibt es zunächst „Morocan whiskey“ also Minztee zur Einstimmung. Ich verzichte an diesem Abend auf das Abendessen. Zu überwältigt fühle ich mich von den Eindrücken der vergangenen Stunden, zu durchgeschaukelt von den Dromedaren und mache es mir unter freiem Himmel auf einer Düne bequem. Es ist faszinierend. Während die Sonne untergegangen ist, ging nahezu gleichzeitig im Osten der Mond auf. Hell, klar und silbrig weiß, wie ich den Mond zuletzt in einer sternenklaren Nacht vor wenigen Jahren auf Mauritius gesehen habe. Und es ist so still, als wäre man in einem schalldichten Raum.

© Madlen Krippendorf

Für einen Moment zucke ich zusammen, da ich diese Stille schon lange nicht mehr erlebt habe. Neben mir bahnt sich ein Skarabäus-Käfer den Weg durch den Sand und hinterlässt kurvige Linien aus nadelstichkleinen Fußabdrücken. Es ist mittlerweile ziemlich dunkel geworden, wobei ich schon lange das Gefühl für die Zeit verloren habe, das in der Wüste sowieso keine Rolle mehr spielt. Vielmehr erinnert die Wüste einen pausenlos daran, dass es wichtig ist, jeden Augenblick bewusst zu leben, wie es bereits Paul Bowles in die „Taufe der Einsamkeit“ schrieb. Ich schlafe in dieser Nacht wie bewusstlos und werde am nächsten Tag glücklicherweise rechtzeitig zum Sonnenaufgang wach.

© Madlen Krippendorf

Aufwachen, Yoga, lesen, etwas essen und wieder schlafen. Und zwischendurch immer wieder das Wunder der Wüste bestaunen. Hier braucht niemand Pläne. Und hier gibt es keine Deadlines, kein Stress, keine unerwünschte Post. Ich las einst, dass es ein Leichtes sei, dass sich der Fremde in Marokko verliert. Verstanden habe ich hingegen nie, was damit eigentlich gemeint sei? Nach drei Tagen in der Wüste, verstehe ich es nun ein bisschen besser. Und zudem habe ich gelernt, wie sich Unendlichkeit anfühlen muss.

Meine Reise in die Wüste war Teil einer 12-tägigen Marokko-Rundreise gemeinsam mit NOSADE Yoga Retreats & Venues. Hier gibt es mehr Informationen zur vollständigen Reiseroute durch Marroko.

Dieser Beitrag ist in Kooperation mit NOSADE Yoga & Retreats entstanden. Der vorliegende Beitrag spiegelt die persönliche Meinung des Autors wider.

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