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Feuilleton Literatur 12. November 2018

Literarisches Sixpack mit Karla Paul

Karla Paul arbeitet für diverse Medien als freiberufliche Journalistin und Autorin im Kulturbereich. Zudem zählt sie zu den reichweitenstärksten Literaturbloggerinnen/ -blogger Deutschlands. Nach mehrjährigen Stationen als Redaktionsleiterin der Literaturplattform LovelyBooks.de, Leitung für Digitales Publizieren bei Hoffmann & Campe sowie Verlegerin bei der Edel AG machte sie sich Anfang 2018 als Literaturlobbyistin, freie Kulturjournalistin und Autorin selbstständig.

Jährlich stellt Karla Paul mehrmals deutschlandweit in Buchhandlungen und Literaturhäusern Lesenswertes vor und setzt sich u.a. als Botschafterin der Stiftung Lesen für Leseförderung ein. Uns hat Sie ihre sechs aktuellen Lieblingsbücher verraten. Obwohl für Karla Paul das Format wohl auf mindestens 6000 Bücher ausgeweitet werden müsste.

Zeit für eine neue Folge „Literarisches Sixpack“.

1.) André Mumot: „Geisternächte“

Ein Kind wird ermordet, ein junger Mann wird brutal zusammen geschlagen. Über beide Fälle spricht bald niemand mehr, nur die Hinterbliebenen ertragen die Ungewissheit kaum, wie es dazu kam. In einem Land, in dem die Gewalt und soziale Verwahrlosung, in dem Rechtsextremismus, Hass und Intoleranz zum Alltag gehören, schreibt Mumot dagegen an und verleiht so denen Gehör, die sonst keine Stimme haben. Eine spannende, brutale, literarische Mischung aus Friedrich Ani und Neil Gaiman – ebenso düster wie schmerzhaft.

2.) Wolf Lotter: „Innovation – Streitschrift für barrierefreies Denken“  

Wir leben in Zeiten der Innovations-Inflation, das weiß insbesondere der Autor und „Brand Eins“ Mitbegründer Wolf Lotter. Was also bedeutet heute noch tatsächliche Veränderung, Erneuerung, was ist dafür nötig? Diese Kulturfrage leuchtet der Autor philosophisch und streitbar aus, er diskutiert mit uns Möglichkeiten, Notwendigkeiten und auch Grenzen. Für mich eines der wichtigsten Sachbücher unserer Zeit und ein ebenso fordernder wie motivierender Begleiter durch gesellschaftliche Herausforderungen.

3.) Tara Westover: „Befreit“

Die Lebensgeschichte der jungen Autorin wurde bereits von Barack Obama empfohlen – ich schließe mich an. Westover wuchs als jüngstes von sieben Geschwistern im US Bundesstaat Idaho auf einem Schrottplatz auf. Ihre Eltern sind fundamentale Mormonen, sie verbieten den Kindern den Unterricht, Brutalität und vollkommene Verwahrlosung gehören zum Alltag. Mit 17 Jahren kommt Tara doch zur Schule und von da aus, über die Welt der Literatur, der Bildung, der Informationen erschließt sie sich eine neue Welt, ihr Leben beginnt. Eine ebenso grausame wie lehrenswerte biografische Erzählung, die uns das Trump-Amerika wesentlich klarer sehen lässt und hoffentlich verdeutlicht, wie wichtig Bildung nicht nur für den/die Einzelnen ist, sondern welchen Wert das Verstehen dieser Welt für unsere Gesellschaft hat. 

4.) Katja Klingel“Girlsplaining“ 

Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene – in ihrer Comickolumne „Girlsplaining“ erklärt Katja Klengel ebenso humorvoll wie deutlich die modernen Probleme von Frauen und jungen Mädchen im Lebensalltag. Weshalb ist z.B. die Vulva der Voldemort unter den Geschlechtsorganen? Wieso stehen so wenige Frauen in der Wikipedia oder spielen Hauptrollen im Film? Warum ist Menstruationsblut blau? Manch Herausforderungen werden einem bzw. einer erst beim Lesen klar und die Entscheidung danach ist klar: hier muss was geändert werden! Moderne Genderlektüre für alle.

5.) Oliver Guez: „Das Verschwinden des Josef Mengele“

Nach Kriegsende verschwindet der „Todesengel von Auschwitz“ nach Südamerika – das Peron-Regime nimmt ihn bei sich auf und die deutschen Verwandten helfen mit viel Geld bei der Vertuschung. Der französische Journalist Guez geht dem NS-Arzt nun nochmal literarisch nach, interpretiert alle Lücken belletristisch, versucht sich geradezu ekelhaft spannend an der Aufarbeitung der folgenden Jahre. Wie denkt dieser Massenmörder, wie handelt er, wie fühlt er – fühlt er überhaupt? Bis zu Mengeles Tod 1979 kann er relativ unbehelligt weiterleben, eine Schuld sieht er bis zuletzt nicht ein, er stirbt für sich als verkannter Held. Mögen uns diese schriftliche Wiederauferstehung eine erneute Lehre sein.

6.) Ömür Iklim Demir: „Das Buch der entbehrlichen Gedanken“

Der unabhängige Binooki Verlag übersetzt moderne türkische Literatur – nicht nur die Texte in deutsche Sprache, sondern auch die politischen und gesellschaftlichen Themen, die Botschaften. Auch ihr Autor Ömür Iklim Demir erzählt uns in zehn Geschichten von seinem Land und dessen Menschen. Vom Buchhändler, einem Bombenanschlag, einem Zirkus, einer neuen Liebe und alten Verlusten. Demir verbindet uns über Ländergrenzen hinweg und schafft mit Worten neue Bindungen. 

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