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Personal 13. November 2018

1 Tag, 1000 Worte #4

„72 Stunden ohne digitale Medien wirken Wunder.“, tippe ich rasch auf meinem Smartphone und lade es samt idyllischem Waldbild bei Facebook hoch. Ein paar Freunde drücken auf „Gefällt mir“. Und ich freue mich, dass scheinbar mehr Menschen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis etwas damit anfangen können, mal wieder offline zu sein. So zumindest meine Interpretation.

Nun ist es sicherlich kein großes Problem für die Meisten, den Computer, das Tablet oder das Smartphone einfach mal auszuschalten. Für andere wiederum – mich eingeschlossen – ist es gar nicht mehr so leicht, ohne digitalen Medien auszukommen. Sowohl beruflich als auch privat. Einfach abschalten, Fehlanzeige. Wir chatten eifrig, anstatt mal anzurufen. Wir verabreden uns mit Menschen, die wir durch einen Fingerwisch kennengelernt haben. Wir scrollen durch Instagram, Facebook und Spiegel Online, wenn uns für einen kurzen Moment langweilig ist. Hauptsache Ablenkung.

Anfang November bin ich nach St. Ottilien gefahren, um dort wieder zu „üben“, wie es ist, ohne ständiger, digitaler Berieselung zu leben. Vorab: Es war nicht schwer, aber sehr ungewohnt. Und doch wichtig für mich. Und was habe ich verpasst? Nichts.

St. Ottilien liegt etwa 40 Kilometer von München entfernt und ist gleichzeitig jener Ort, wo ich zur Schule ging und mein Abitur machte, sozusagen altmodisch ausgedrückt meine „geistige Heimat“. Während ich mich damals zu Schulzeiten (2008 habe ich dort mein Abitur gemacht) darüber ärgerte, dass es dort eigentlich nichts gibt außer Kirche, Kloster, Mönche, Kühe und Landwirtschaft, ist St. Ottilien für mich heute ein Sehnsuchtsort geworden sowie Gegenentwurf zur immer schneller werdenden Welt. Kaum Ablenkung, Stille und viel Natur. That´s it.

Was meine ich aber nun mit Wunder?

Okay, ich habe maßlos übertrieben. Aber folgendes halte ich für wichtig: Wenn wir verreisen, ich rate es jedem, lasst alle eure digitalen Begleiter zu Hause oder in der Tasche.

Ich habe keine Sekunde damit verschwendet, das nächste WLAN zu suchen, weil mein Datenvolumen schon wieder knapp geworden ist. Habe mich nicht über unnütze und belanglose Nachrichten geärgert. Und habe auch überhaupt keine Zeit mit Social Media verschwendet. Wie schreibt Ilija Trojanow so schön: „Wer mit seinem Smartphone reist, hat die Tür zu seinem Alltag nicht wirklich zugemacht, der lädt alle möglichen Sorgen dazu ein, ihn (überall hin) zu begleiten.(…) Die Erde dreht sich auch ohne Pushnachrichten weiter.“

Der beste Effekt war für mich aber vielmehr die Erholung: nach drei Tagen digitaler Entgiftung fühle ich mich entspannter, als nach zwei Wochen Strandurlaub, wobei ich gar nicht weiß, wie sich zwei Wochen klassischer Strandurlaub anfühlen? Aber das sagt man doch so? Und konzentrierter.

Außerdem reiste ich bewusst alleine nach St. Ottilien. Wer noch nie alleine unterwegs war, sollte das unbedingt mal machen. Neben neuen Landschaften – obwohl ich viele Jahre in St. Ottilien zur Schule ging, habe ich vieles entdeckt, was ich davor nicht kannte. Und ich erkannte auch neue Seiten an mir selbst. Und keine Frage, seine Erlebnisse mit einem befreundeten oder geliebten Menschen zu teilen ist wunderbar. Doch es ist auch mal schön, alleine zu sein. Stille zu spüren. Dinge zu hinterfragen. Sich zu hinterfragen. Kraft zu tanken.

Notker Wolf, ehemaliger Abtprimas des Benediktinerordens schreibt sehr treffend in seinem Buch „Gönn Dir Zeit. Es ist dein Leben“: „Nur ein Muskel, der sich entspannt, wird später wieder leistungsfähig sein. In der Entspannung entsteht neue Spannung und neue Kraft.“ 

Nun habe ich mir natürlich auch die Frage gestellt, ob ich mir das überhaupt erlauben kann, einfach mal für ein paar Tage eine Auszeit zu nehmen? Schließlich muss ich doch Geld verdienen, funktionieren und für meine Auftraggeber zur Verfügung stehen. Aber die Rechnung ist ganz einfach: Dinge zu reflektieren, kostet Zeit und Zeit ist Geld. Aber Zeit aufzubringen, um zu reflektieren, spart im besten Fall viel Geld. Wir alle haben diesen einen Freund im Bekanntenkreis, der kurz davor ist, nicht mehr zu funktionieren. Stichwort: Burnout. Auch an dieser Stelle fallen mir ein paar Sätze von Notker Wolf ein:
„Es gibt körperliche, seelische, man könnte auch sagen menschliche Gesetze. Sie sind wie Naturgesetze, auch wenn ihre Wirkung subtiler ist. Man kann sie vielleicht überspielen. Aber letztlich gilt auch für unsere Neigung zur pausenlosen Anstrengung: Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Dass wir Pausen brauchen, gehört zu diesen Gesetzen. Wenn wir uns der Pausen berauben, wenn wir keinen normalen Rhythmus mehr kennen, wird es über kurz oder lang kritisch (…)“.

Eine weitere Sache, die ich während meiner kurzen Zeit in St. Ottilien wieder gespürt habe: Langsamkeit ist in Zeiten von Hektik zwar außer Mode, aber essenziell. Wie heißt es so schön: „Wer in der Gegenwart lebt und die Zeit aushält, der muss nicht mehr hetzen. Der ist einfach schon da.“

Achja: Im kommenden Jahr starte ich ein neues, weiteres Projekt, das nur indirekt mit Blog Bohème zu tun hat, aber so meine Hoffnung, großartig wird. Die Idee hätte ich garantiert nicht gehabt, wenn ich mir diese kurze Auszeit nicht genommen hätte. Nächstes Jahr gönne ich mir dann mal eine komplette Woche… Mal schauen, was mir dann so einfallen wird?

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