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Personal 7. November 2018

1 Tag, 1000 Worte #3

Das Leben, es lässt sich einfach nicht abstreiten, ist in seiner Fülle nicht zu begreifen. So unfassbar schön und enttäuschend zugleich, unberechenbar sowie oft überfordernd. Ich stehe an der Bushaltestelle Adalbertstraße / Oranienstraße in Kreuzberg und warte, als mich ein Mann, vielleicht um die 50 Jahre alt, nach Geld bittet.

Wobei er vielleicht auch erst Mitte 30 ist, aber aufgrund von Drogen und Alkohol zwei Jahrzehnte übersprungen hat. Konkret, 3,50 Euro, um sich die heutige Nacht in einer barrierefreien Notunterkunft leisten zu können. Ich krame in meiner Hosentasche nach ein paar Münzen, die ich meistens für solche Fälle dabei habe und wünsche viel Glück in der Hoffnung, dass er möglichst schnell das restliche Geld für heute Nacht und die kommenden Tage zusammenbekommt. Nichts besonderes in Berlin und fast schon normal. Leider.

Anstatt einem Danke, das ich an dieser Stelle schon gar nicht mehr erwartete, so neben sich stand der junge Mann mit einem Schlafsack über seinen Schultern, rief mir das Häufchen Elend hustend „Viel Glück“ hinterher, kurz bevor ich in den Bus eingestiegen bin.

Knapp 30 Minuten dauert meine Fahrt zum nächsten Termin. Ich habe mich mit Andreas im Kreuzberger Himmel (wer es nicht kennt: ein syrisches Restaurant ) verabredet, um mich mit Ihm über seine Arbeit bei Be an Angel auszutauschen. Wobei an dieser Stelle das Wort „Arbeit“ unpassend ist. Vielleicht besser Berufung. Andreas steht hinter dem Tresen, spült Gläser, macht mir einen Kaffee, nimmt seine Mitarbeiter in den Arm, deren Schicht gerade startet, beantwortet alle paar Minuten eingehende Anrufe, immer mit einem Lächeln und erzählt mir zwischendurch von seinem Engagement für geflüchtete Menschen. Wir sprechen über Ausländerbehörden, über Bürokratie und über die Tatsache, dass der Großteil der Menschen unglaublich viele Vorurteile gegenüber Flüchtlinge hat, aber statistisch belegt, noch nie in Berührung mit eben jenen Menschen gekommen sind. Und wir teilen beide die Meinung, dass geflüchtete Menschen in Deutschland zwingend unterstützt werden müssen.

Der Grund, wieso ich Andreas besucht habe, ist ganz einfach: Ich möchte mich engagieren und dazulernen. Von Menschen, die eben nicht so viel Glück haben, wie ich und viele von uns. Wer Lust hat, aber nicht weiß, wie er helfen kann, darf sich gerne bei Be an Angel und natürlich auch bei mir melden.

Am Morgen habe ich eine Mail von Bekannten aus Genua erhalten. Wie ihr wisst, ist vor wenigen Monaten die Morandi Brücke in Genua eingestürzt und viele Menschen haben dort ihr zu Hause verloren. Beruflich und privat war ich vor wenigen Wochen selbst vor Ort und habe die Brücke mehrmals aus der Ferne gesehen. Ein erschütterndes Bild. Um den Menschen vor Ort finanziell unter die Arme zu greifen, findet vom 19.-25. November der weltweite #pastapestoday statt. Hier findet ihr die Liste aller teilnehmenden Restaurants. Für jedes Gericht gehen 2 Euro direkt nach Genua. Es würde mich natürlich freuen, wenn ihr alle eure Familien und Freunde einpackt und Pasta essen geht. In Berlin beteiligt sich leider bisher noch kein Restaurant…

Ein Leser schrieb mir, dass er das neue Format „1000 Worte, 1 Tag“ sehr gut findet. Mit der Begründung, dass es einfach Spaß macht vom Alltag zu lesen. Weitere Leser schrieben mir, dass Berlin sich wunderbar als Schauplatz eignet, weil dort auch ständig was passiert, aber in ihrer Heimat hingegen nix los ist. Die folgende Geschichte hätte aber wahrscheinlich überall passieren können.

Ich stehe an der Kasse eines Supermarkts, um zu bezahlen, als mich die Kassiererin danach fragt, ob der Pfandbon, der seelenallein auf dem Band liegt, mir gehöre? Knapp 4 Euro in Form eines kleinen, etwas zerknüllten Zettels. Meine Antwort: Nein und bezahle.

Auch die Personen hinter mir, ich wartete aus Neugierde ab, ob sich jemand um die 4 Euro reißen würde, verneinten. Die Kassiererin nahm den Zettel und zerriss ihn in mehrere Teile. In diesem Moment muss ich an den Mann, an der Bushaltestelle denken. Und an die Tatsache, wie verrückt unlogisch das Leben manchmal ist.

Ich habe übrigens Eurojackpot gespielt. Die Chance zu gewinnen, habe ich mal gelesen, ist noch unwahrscheinlicher, wie mit einem Flugzeug abzustürzen. Ich habe trotzdem mein Glück versucht. Sind ja im besten Fall nur 90 000 000 Euro bei einem Einsatz von 2,50 Euro…

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