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Lifestyle Personal 20. April 2015

Von Generation Praktikum zur Generation Burnout. Ein Kommentar

„Sag mal, hast Du eigentlich keine Angst vor der Zukunft?“ Ein Satz, den ich komischerweise in den letzten Monaten immer häufiger höre. Schließlich bin ich ja bald mit meinem Studium fertig und sollte mir Gedanken machen: Wer wird mal meine Rente bezahlen? Ich bin jetzt 26 Jahre alt – uralt, wenn man bedenkt, dass man heutzutage mit 17 Jahren das Gymnasium verlässt, um sich anschließend schnellstmöglich durch ein Studium zu beißen, um dann frisch studiert – und um im „Wording“ der aktuellen Job-Welt zu bleiben- asap in den Beruf zu starten. Erste berufliche Erfahrungen und Praktika sind dafür essentiell. Dumm nur, dass dafür oft nur wenig Zeit bleibt – und die Sache mit dem Geld ist da ja auch noch.

Erfahrungen sammeln

Natürlich habe ich während des Studiums ständig gearbeitet. Mal hier, mal da. Ich habe für Print- und Online Medien geschrieben, Platten aufgelegt und mir Nächte um die Ohren geschlagen. Eine gute Zeit. Dann in einer kleinen Galerie ausgeholfen, in einer Kommunikationsagentur gearbeitet, unzählige Promotion- und Modeljobs gemacht. Bei mehreren Umzügen  und Haushaltsauflösungen geholfen und dadurch das Fitnessstudio gespart, auf einem Wertstoffhof Müllmann gespielt und auf dem Oktoberfest Bierkrughüte verkauft, Kinokarten abgerissen, für ein bekanntes Museum gearbeitet und beim Fernsehen und Hörfunk hospitiert. Kaum eine Woche verging, in der ich weniger als 60 Stunden gearbeitet habe und parallel studierte. Auch am Sonntag. Trotzdem eine wunderbare Zeit, in der ich wahnsinnig viele tolle Menschen getroffen habe. Eine Zeit, die wichtig für jeden jungen Menschen ist, um sich und andere kennenzulernen. Und eine entscheidende Phase, um wenigstens in Grundzügen festzustellen, worauf es einem ankommt und worauf eher nicht.

Studium trotz Arbeit

Nichtsdestotrotz: ein Studium kostet Geld und nicht gerade wenig, auch wenn es in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern eher günstig ist. Ja, ich kenne die Diskussion bezüglich Studiengebühren, auch wenn ich an dieser Stelle keine Lust habe ausführlich darauf einzugehen: ich war live dabei, als Bayern auf die Idee kam, die Studienbedingungen durch Gebühren zu verbessern. Aber außer neuen Stühlen, Tischen und PCs für die ein oder andere Fakultätsbibliothek veränderte sich kaum etwas. Deutlich spürbar dagegen war die Tatsache, dass ab sofort nicht mehr nur die Noten entscheidend für ein erfolgreiches Studium sein sollten, sondern auch der Geldbeutel der Eltern. Ja, ich weiß, dass es Studienkredite gibt. Und Bafög. (Übrigens eine tolle Sache). Und, dass jeder Studierende die Möglichkeit hat, zu arbeiten. Nur blöderweise habe ich im Lauf meines Studiums mehrere Leute kennengelernt, die ihr Studium aufgrund finanzieller Not abbrechen mussten, obwohl sie wie verrückt arbeiteten. Zu gering waren die Stundenlöhne, die meist nur für das nötigste wie Miete und Lebensmittel reichten. Langte das Geld, waren sie von den vielen Nebenjobs meist zu erschöpft, um auf entscheidende Prüfungen zu lernen. Andere haben gar nicht erst angefangen zu studieren, weil es einfach zu teuer war.

Ernten was man sät, oder nicht?

Ein Punkt, der mich ebenfalls nachdenklich stimmt, ist folgender: Warum höre ich von so vielen Unternehmen, und ich meine damit keine Startups, die junge, motivierte Studierende einstellen, um sie dann nach einer kurzen „Einarbeitungsphase“, sukzessive auszubrennen? 40 bis 60 Stunden für einen Hungerlohn? Nein, Danke. Und trotzdem meine ich: Arbeit darf anstrengend sein. Oft muss sie sogar anstrengen. Das unterscheidet Arbeit eben von Freizeit. Und klar: nicht alle Unternehmen sind gleich. Das hängt vermutlich von der Branche ab. Als Geisteswissenschaftler bleibt einem neben Lehramt und der Universität eben meist nur die Medienbranche als potenzieller Arbeitgeber – eine Branche mit hohem Konkurrenzdruck und einer hohen Fluktuation. Und kommt man zu dem Schluss: „Jetzt reicht’s, es muss sich was ändern, hier mache ich nicht mehr weiter“, findet sich garantiert wer, der unter denselben Bedingungen und Gehalt weitermacht. Die Nachfrage bestimmt eben das Angebot. Oder nicht? Versucht man, sich nicht unter seinem Wert zu verkaufen und geht in Gehaltsverhandlungen heißt es meist:  „Wir haben leider nicht mehr Geld für Dich.“ Also viel und ständig arbeiten für lau, das Motto meiner Generation?

Schluss mit dem Verheizen

Aber vielleicht kommt das nur mir und vielen meiner Studienkollegen so vor. Denn der Clevis-Praktikantenspiegel 2015 hat kürzlich ergeben, dass fast neun von zehn Praktikanten (86 Prozent) hierzulande mit ihrem Praktikum zufrieden sind. Über 7500 Studierende und Hochschulabsolventen haben sich in den letzten Monaten an der Umfrage beteiligt. Wozu also Motzen? Ist doch alles palleti. Ich finde nicht. Denn wie repräsentativ kann schon eine Umfrage sein, die von über 2 500 000 immatrikulierten Studierenden an deutschen Hochschulen nur eine so kleine Anzahl berücksichtigt? Was würde der Rest sagen? „Kein Stress. Wir müssen nur an unserem Lebensstil arbeiten, vielleicht ein bisschen bescheidener sein?“ Ich persönlich glaube, dass die meisten jungen Akademiker die Nase gestrichen voll haben – u.a. davon, dass sich Praktika nur noch diejenigen leisten können, deren Eltern großzügig den Geldbeutel aufmachen. Oder Studenten, die sich einen Schuldenberg für universitäre Bildung anhäufen. Kurzum: Junge Menschen sind nicht dazu da, verheizt zu werden. Aber wie lässt sich das verhindern? Was denkt ihr? Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Oder sollte man sich einfach nicht so leicht stressen? Irgendwie wird schon alles glatt gehen?


Illustriert wurde der vorliegende Text von der wunderbaren Claudia Klein. Sie arbeitet unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, den Focus, Nido, GQ Germany, das Indie Magazine und Jetzt.de. Danke, danke, danke für deine Kunst!

 

 

4 Comments

  1. chrissy

    Du hast mich mit deinem Post völlig abgeholt. Ich habe 5 Jahre studiert, war im Ausland, habe relevante Werkstudententätigkeiten und Praktika absolviert und bilde mich kontinuierlich weiter… Und ich finde als Berufseinsteiger echt schwer nen Job, der gut bezahlt ist. „Ernten, was man sät“..gefällt mir, aber den Glauben daran hab ich schon verloren….

  2. Judith

    Hallo, ich bin jetzt schon 6 Jahre berufstaetig aber kann mich noch sehr gut an diese Zeit erinnern. Hiess es doch immer, Abi, Studium, Praktika (natuerlich unbezahlt in kreativen Zweigen) und noch Auslandserfahrung. Tja und dann? Hab das alles gemacht und als es dann soweit war, der Abschluss, habe ich ewig nach bezahlter Arbeit gesucht. Denn was dann folgt fuer die meisten Medien/ Kreativ-Absolventen sind Traineeships oder Volontariate (2 Jahre und nicht gerade gut bezahlt fuer Grossstaedte). Also man bleibt ewig in diesem Kreislauf drin. Ich hab dann zum Glueck eine richtige Stelle im Ausland bekommen und den Medien etwas den Ruecken gekehrt. Schade, dass es einfach nicht besser wird. Aber es gibt auch leider zuviele Absolventen in dem Gebiet als Stellen denk ich. Dennoch schon Praktikas sollten ab einem bestimmten Zeitraum bezahlt werden, z.b. ab 1 Monat. Mir hat auch gefehlt, dass die Uni keine Jobmessen oder Veranstaltungen mit Firmen gemacht hat. Solche Partnerschaften sind auch unglaublich wichtig.
    LG Judith

  3. Hey,
    sehr coole Illustration! Hat mich gleich neugierig gemacht 😉
    Ja irgendwie kann ich dir Recht geben. Ich arbeite selbst neben dem Studium, habe aber ein irrsinniges Glück (kann meine Zeit frei einteilen, verdiene gut und arbeite in meinem Bereich Kunstgeschichte). Ich bin ein sehr offener und kommunikativer Mensch, das kommt mir zugute und das merke ich auch beruflich. Aber wie sieht es mit eher introvertierteren Studenten aus? Ich habe oft den Eindruck, dass viele nicht so offen sind und sich umschauen. Die bleiben dann noch leichter auf der Strecke und finden schwer einen Praktikumsplatz/Nebenjob für ihren Bereich.
    Eine Sache, die mich bei Praktika oft stört, sind die Anforderungen. Sie wollen jemanden, in Vollzeit, mind. 3-6 Monate (wie bringt man das im Studium unter?!?!) mit vier Sprachen fließend, soll schon einschlägige Erfahrung haben und natürlich flexibel sein. Wenn das Praktikum morgen anfängt, fängt es da an und wer sich den Kalender kurzfristig nicht freischaufeln kann, hat eben Pech gehabt.
    So jetzt habe ich ganz schön viel rumgemault, ich weiß. Bis jetzt hatte ich noch keine großen Probleme mit Arbeit und Praktikum. Ich plane da nicht viel, lasse das eher auf mich zukommen. Ich habe bemerkt, so kommt man viel besser durch, als wenn man sich denkt: Oh Gott ich studiere Kunstgeschichte und in meinem Jahrgang sind noch 300 andere und das nur in München! Ich werde arbeitslos, HILFE! –> Das bringt gar nichts! Natürlich braucht man ein wenig Glück, aber ich denke man muss mit offenen Augen durchs Leben gehen.
    Zu den ausbeuterischen Praktika: Ich habe jetzt gerade ein unbezahltes Praktikum hinter mir. 40 Stunden in der Woche oft ein bisschen drüber. 2 Stunden jeden Tag in der Straßenbahn. Es war schon anstrengend. Aber es hat mir auch mal einen neuen Einblick gegeben, Spaß gemacht und ich habe super Kontakte geknüpft. Für einen Monat war das okay, jetzt habe ich ein gutes Zeugnis in der Tasche und das ist mir wichtig. Hatte genug angespart, sodass ich ohne Probleme durchkam. Mein Papa hat nur zu mir gesagt: „Sklaventreiber, aber das Nächste solltest du nicht für lau machen“ (Man muss dazu sagen mein Papa ist da ziemlich temperamentvoll und kommt aus der Wirtschaft) Aber eigentlich hat er Recht. Das nächste Praktikum will ich auch nicht für lau machen. Wenn es nur ein kleiner Zeitraum ist, dann ist es nicht schlimm. Aber alles was über einen Monat hinausgeht ist schon ein wenig arg, wenn es nicht bezahlt ist. Eine Freundin von mir macht zum Beispiel gerade 6 Monate Praktikum im Auktionshaus für 250 Euro/Monat. Das ist wirklich ausbeuterisch. Vor allem weil die zu ihr sagen: unter 6 Monate geht bei uns nichts. Entweder du nimmst das oder auch nicht.

    LG Katharina

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