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Feuilleton Musik 16. Oktober 2016

11 Fragen an Von Wegen Lisbeth

„Voldemort, du Opfa. Gib Elderstab!“ Der gesprayte Schriftzug prangt auf einem PKW-Anhänger vor der Konzerthalle. Dort werden heute Abend noch die Indie-Popper von Von Wegen Lisbeth spielen. Der finstere Widersacher von Harry Potter findet sich auch im Song Wenn du tanzt der fünf Berliner Jungs in besonderer Gesellschaft wieder („Ackermann, Merkel, Jan Fleischhauer, Voldemort. Nette Menschen, wenn du tanzt“). Der Ohrwurm ist Teil des Debütalbums Grande, das dieses Jahr im Sommer herauskam und gleich auf Platz 25 der deutschen Charts einstieg. Nach mehreren Touren im Vorprogramm großer Acts wie AnnenMayKantereit oder Element of Crime hat die Band nun ihre eigene Tour am Start. Dabei sind fast alle ihrer Konzerte schon lange im Vorfeld ausverkauft. Wir trafen Sänger Matze Rohde und Bassist Julian Hölting vor ihrer Show in München.

Provokant oder prüde?

Matze: Weder noch.

Morricone oder Moroder?

Matze: Morricone.

Julian: Moroder.

Sushi oder Schnitzel?

Beide: Sushi.

Von Wegen Lisbeth © Marian Lenhard
Von Wegen Lisbeth © Marian Lenhard

Wir steigen gleich mal mit einem eurer Texte ein und fragen: „Was ist heute so passiert?“

Matze: Wir haben heute bereits eine extreme anstrengende Autofahrt von unserem gestrigen Gig in Wien nach München hinter uns – ich habe drei Stunden gepennt, Julian eine und Robert gar nicht. Wir waren den ganzen Tag alle ziemlich im Eimer.

Julian: Also bei mir geht es langsam wieder. Im Moment geht es eher bergauf als bergab, würde ich behaupten. Der Soundcheck eben war auch gut. Ansonsten ist heute nicht gerade viel passiert.

Zuletzt noch Vorband für bekannte Acts spielt ihr jetzt eure eigene Tour. Was ist das für ein Gefühl?

Matze: Krass geil, natürlich. Als Vorband hast du ja immer so deine Struggles: Du darfst beispielsweise nur eine Stunde spielen und du weißt, die Leute sind eigentlich gar nicht wegen dir auf dem Konzert. Da gibt es dann viele kritische Blicke von Leuten, die ihre Arme vor der Brust verschränken. Jetzt kennen alle, die da sind unsere Songs und singen mit. Das ist schon ein ganz geiles Gefühl, aber auch ungewohnt. Ist ja noch gar nicht lange so.

Julian: Ungewohnt ist auch die viele Arbeit, die so eine eigene Tour mit macht. Das war vorher schon leichter. Als Vorband ist alles ultraentspannt: Man muss wenig Zeug mitnehmen, spielt nur kurz, trägt keinerlei Verantwortung und kann wesentlich früher anfangen, sich zu betrinken (lacht). Das Catering bei den großen Bands ist auch meistens ziemlich klasse. Man könnte behaupten, dass auf einer eigenen Tour alles intensiver ist – Arbeit und Spaß gleichermaßen.

Verfolgt man den aktuellen Hype um euch, könnte leicht der Eindruck entstehen, dass euer Erfolg über Nacht kam. Ist das so?

Matze: Angefangen mit Musik haben wir bereits 2004. Da waren wir in der 7. Klasse. Auch die Besetzung war damals schon dieselbe wie heute, auch wenn wir immer wechselnde Bandnamen hatten. Wir krebsten so rum und taten musikalisch, was wir eben konnten. Das ging Jahre lang so und nach der Schule taten wir uns dann erstmals als „Von Wegen Lisbeth“ zusammen. Von da ab, also so von 2012 an bis jetzt – ging es stetig weiter. Keiner hat mit den Fingern geschnippt und so: Zack, da wären wir! Das hat schon alles seine Zeit gedauert.

Julian: Ich denke, der öffentliche Eindruck des plötzlichen Erfolgs ist unvermeidbar. Schließlich kriegen die Leute ja erst von einem mit, wenn eh schon eine gewisse Aufmerksamkeit erreicht ist. Bis dahin ist es ein langer Weg, den nur die kennen, die ihn auch gegangen sind. Der Rest hat davon keine Ahnung – die ganze Arbeit und Zeit, die bis dahin dahinter steckt, kennen nur wir.

Von Wegen Lisbeth © Marian Lenhard
Von Wegen Lisbeth © Marian Lenhard

Was hat euch motiviert, als Band so lange Zeit am Ball zu bleiben?

Julian: Ganz klar die Musik, die man gemeinsam macht. Ein Teil der Band zu sein und immer wieder eigene Konzerte zu spielen. Wie Matze ja vorhin meinte, machen wir das schon echt lange. Auch wenn wir damals mehr Leute auf der Bühne hatten, als im Publikum waren. Trotzdem waren Konzerte immer eine wichtige Motivation für uns – egal wen sie interessierten. Wäre da von Anfang an großer Andrang gewesen, hätte uns die vielleicht damit verbundene höhere Erwartungshaltung eher verunsichert. So machen wir von Anfang an nur die Musik, die uns gefällt und auf die wir Bock haben. Das bedeutet, dass wir uns niemals für irgendein weiteres Album verbiegen würden, nur um weiterhin zu gefallen – auch wenn wir es selbstverständlich sehr genießen, dass die Leute uns gerade so hart feiern. Ein weiterer Grund ist auch, dass wir einfach gerne miteinander rumhängen. Die Musik ist dabei das verbindende Element. Playstation spielen allein, wäre uns zu langweilig.

Matze: Wir haben uns nie irgendwelche konkreten Ziele gesetzt, die wir mit unserer Musik erreichen wollen. Diese Einstellung verhindert wo möglich auch eine Frustration, die sich einstellt, wenn man seine Erwartungen nicht erfüllt kriegt. So konnten wir einfach Jahre lang machen, worauf wir Bock hatten und es war uns egal, was am Ende dabei raus kommt. Als wir das Album aufgenommen haben, war das ganz genauso. Wir hätten nie im Leben daran gedacht, dass wir damit krass auf Tour gehen und beispielsweise in Österreich hart gefeiert werden würden. Das war nie der Plan – auch wenn gestern Abend in Wien natürlich der Hammer war.

Euer Album „Grande“ war auch in der Produktion eine große Nummer. Dafür arbeitete ihr zum ersten Mal mit einem Major Label zusammen. Wie war es für euch, bei so einer Produktion dabei zu sein?

Julian: Wir waren nicht einfach nur dabei – wir gestalteten die gesamte Produktion maßgeblich mit. Das war uns krass wichtig. Ebenfalls achteten wir darauf, bei allen Entscheidungen und Prozessen die größtmögliche Freiheit zu haben und stets unsere eigene Handschrift zu behalten. Das uns das gelungen ist, merkt man neben dem Sound beispielsweise auch den visuellen Elementen unseres Albums an. Dahinter steckt vor allem Dominik, der damals wie heute alle Ideen für unsere Videos hat und auch das Artwork für „Grande“ entwarf. Für mich persönlich war am wichtigsten, dass die Platte am Ende geil klingt. Keiner von uns hätte schlicht die Kohle gehabt, zwei Monate unter professionellsten Bedingungen in einem Studio aufzunehmen. Die Zusammenarbeit mit einem Label war da schon sehr hilfreich.

Matze: Bevor wir unterschrieben haben, machten wir uns auch ziemlich lange Gedanken, was uns in der Zusammenarbeit wichtig ist. Wir wollten uns in unsere Musik von keinem rein quatschen lassen und haben immer ganz klar gesagt, was wir wollen und was wir erwarten. Im Vordergrund der Verhandlungen stand immer, dass unser Album geil wird. Ganz egal, bei welchem Major- oder Indie-Label wir schließlich unterschreiben würden.

Von Wegen Lisbeth © Marian Lenhard
Von Wegen Lisbeth © Marian Lenhard

Lisbeth, Lina und Linda – was hat es mit den drei Damen aus euren Songs auf sich?

Matze: Ich schätze gar nichts. Auch unser Bandname hat so leider gar keine Bedeutung. Das war auch das einzige was uns daran wichtig war, nämlich gar nichts auszusagen.

Julian: Das stimmt. Ich erinnere mich, dass wir bevor wir auch nur begonnen hatten, über einen möglichen Bandnamen nachzudenken, bereits beschlossen hatten, dass dieser auf gar keinen Fall irgendeine Bedeutung haben sollte. Dafür kam das Knick-Zettelchen-Spiel zum Einsatz, bei dem man in der Gruppe einzelne Wörter oder Satzteile auf einen Zettel schreibt, umknickt und reihum gibt. So lassen sich die einzelnen Bestandteile miteinander kombinieren und der Zufall bestimmt das Ergebnis.

In euren Texten behandelt ihr auch ganz konkret die Nutzung von Social Media beispielsweise zu Zwecken der persönlichen Selbstdarstellung („Lina, ich will dein Sushi gar nicht sehen“). Was bedeuten soziale Medien für euch?

Julian: Uns geht es dabei nicht um eine Kritik an sozialen Medien oder so. Diese sind schließlich ein wesentlicher Bestandteil in unserem Alltag sowie für unsere Arbeit. Wir posten fast jeden Tag über unsere Kanäle. Wir machen das dann bewusst, um unsere Fans zu erreichen, unsere Band zu promoten und einen spontanen Einblick in unseren Alltag zu geben. Unsere Postings klingen ähnlich wie wenn wir uns untereinander unterhalten. Wir sind dabei nicht darauf aus, schnelle Likes und Bestätigung zu erhalten. Vor diesem Hintergrund finden wir es dann auch bedenklich, wenn die Leute in diesen Medien so ziemlich alles von sich preisgeben, z.B. ihr Sushi auf dem Teller, um ein bisschen Aufmerksamkeit zu erhalten. Ich selbst arbeite gerade an einem eigenen YouTube-Channel für Hotel-Reviews und Unboxing-Videos. Einen Namen habe ich dafür noch nicht, aber die Sache ist ein großer Traum von mir (lacht).

Matze: Vielen Leuten ist vermutlich auch oft gar nicht klar, warum ihre eigenen Freunde bestimmte Dinge posten. Sehe ich in meiner Timeline beispielsweise ständig nur die geilen Urlaubsbilder meiner Bekannten, kann sich das schnell negativ auf meine eigene Zufriedenheit auswirken. Hier geht es der Gegenseite in der Regel nur um Aufmerksamkeit und die Bestätigung für die eigenen Aktivitäten. Ist man sich dessen bewusst, lässt es sich meiner Meinung nach wesentlich entspannter mit Facebook, Instagram & Co. umgehen.

„Wie schon Ricky Martin sagte: Buhrufe sind lauter als Applaus“ Jetzt mal ehrlich – hat er das echt jemals gesagt?

Matze: Unter uns – ich habe keine Ahnung. Den Spruch habe ich damals in der Berliner U-Bahn auf so einer Display-Werbung gesehen. Da gibt es immer so einen „Spruch des Tages“, der in der Regel von schlauen Leuten stammt. An den echten Zitatgeber kann ich mich leider nicht mehr ganz genau erinnern. Ich meine aber, Ricky Martin könnte es gewesen sein.

Das Debüt-Album „Grande“ von „Von Wegen Lisbeth“ ist im Juli 2016 bei Sony Music erschienen und seitdem überall erhältlich.

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