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Best Of Feuilleton Literatur 19. September 2018

Literarisches Sixpack mit Nadine Pungs

„Ein Glas Wein trinken, ohne Kopftuch über die Straße laufen und einfach einen Mann küssen. Da, wo Nadine Pungs sich hinbegibt, ist all das strengstens verboten, werden Frauenrechte nicht sonderlich geachtet und können alltägliche Dinge mit Peitschenhieben bestraft werden. Ihr Ziel: der Iran.

Mit Schmugglerbussen und Taxifahrern, die während der Fahrt zum Himmel beten, reist sie von Teheran über den Persischen Golf im Süden bis fast an die Grenze zu Aserbaidschan im Norden. Dabei möchte sie herausfinden, was sich hinter dem leidigen Begriff „Achse des Bösen“ verbirgt und wie der Iran abseits westlicher Klischees tatsächlich tickt. Schließlich bekommt sie nicht nur einen Wein angeboten, sondern mehrere…“ so der Klappentext von Nadines aktuellem Buch „Das verlorene Kopftuch – Wie der Iran mein Herz berührte“.

Wir haben mit Nadine über ihre sechs (aktuellen) Lieblingsbücher gesprochen. Zeit für eine neue Folge „Literarisches Sixpack“. Und Zeit für ganz viel neuen und alten Lesestoff.

1.) Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte

Ich bin ein großer Fan der deutschen Romantik und die kleine Novelle habe ich dutzende Male gelesen. Außerdem mag ich Beelzebuben. Im Jahr 1813 schrieb Chamisso die Story über Peter Schlemihl, der mit dem Teufel einen faustischen Pakt schließt und diesem leichtfüßig seinen Schatten verkauft. Dafür erhält er ein nie versiegendes Geldsäckel. Coole Sache, könnte man meinen. Der Handel ist dennoch eine saudumme Idee, denn ohne Schatten verläuft Schlemihls Leben suboptimal und er wird fortan von seinen Mitmenschen verspottet und gemieden. Von der Kohle kann sich der Schattenlose immerhin schnieke Siebenmeilenstiefel leisten und saust als eine Art märchenhafter Alexander Humboldt um die Welt. Er bleibt einsam und heimatlos – aber hey – Siebenmeilenstiefel. Die hätte ich ebenfalls gern.

2.) Khaled Hosseini: Tausend strahlende Sonnen

Ein Buch über Frauen in Afghanistan. Über die Sowjets und die Taliban, über männliche Gewalt, über Mut und Freundschaft. Wir lesen, wie die Burka die Schläfen einschneidet, und lernen, wie Kieselsteine schmecken. Eine Geschichte, die bestürzt, die wund macht. Hosseinis drastischer Realismus ist zuweilen anstrengend, gleichwohl empfand ich nach jeder Seite Erleichterung über die Gnade der Geburt. Über mein Glück, nicht in Afghanistan aufgewachsen zu sein. Der Titel schenkt trotz alledem Hoffnung, ist er doch eine Liebeserklärung an Kabul. Im 17. Jahrhundert schrieb der persische Lyriker Saib-e-Tabrizi über die Stadt am Hindukusch: „Nicht zu zählen sind die Monde, die auf ihren Dächern schimmern / noch die tausend strahlenden Sonnen, die verborgen hinter Mauern stecken.“

3.) Friedrich Schiller: Kabale und Liebe

Wie hat mich dieses Stück in meiner Jugend aufgewühlt! Ging es doch um alles; um Freiheit, Sterben, Selbstbestimmung, Aufbegehren gegen Autoritäten, um das Stürmen und Drängen. Fünfzehn muss ich gewesen sein, als mir das Büchlein zum ersten Mal in die Hände fiel, und ich erinnere mich noch, wie ich versuchte, Schillers Schreibstil nachzuahmen. Das gelang mir natürlich nicht, aber dafür brachte ich ein paar schwulstige Liebesszenen samt Gifttod zu Papier. Eher peinlich als literarisch, und ich vernichtete die Seiten später. Schiller blieb ich trotzdem treu. Bis heute.

4.) Ingeborg Bachmann und Paul Celan: Herzzeit. Briefwechsel

„Mitte August will ich in Paris sein, ein paar Tage nur. Führ mich an die Seine, wir wollen so lange hineinschauen, bis wir kleine Fische geworden sind und uns wieder erkennen.“ Diese himmelschönen Sätze schrieb Ingeborg Bachmann 1949 an Paul Celan. Erst im Jahr 2008 wurde der Briefwechsel der beiden Schriftsteller veröffentlicht und eine Schatzkiste tat sich auf. Worte, die noch lange nachschwingen, mitsamt der Stürme, Verzücktheiten und Beteuerungen, die zwischen den Zeilen toben. Und doch nimmt die Liebe der Unerlösten 1970 ein dramatisches Ende: Paul Celan stürzt sich in eben jene Seine, an die Ingeborg Bachmann einst von ihm geführt werden wollte. Drei Jahre später folgt sie ihm in den Tod. Mit angezündeter Zigarette schläft sie ein.

5.) Marquis de Sade: Gesammelte Werke

Zwölf Jahre habe ich gebraucht. Zwölf Jahre lang habe ich es immer wieder versucht. Und jedes Mal abgebrochen. Weil ich mich schütteln musste, und weil mir vor lauter Ekel das Herz stehen blieb. Jetzt, heute, kann ich mir eingestehen, dass ich für den Text zu doof war. Ich hatte keinen Sinn für de Sades wunderbare Sprache, ich begriff nicht die feine Ironie und ich unterschätzte die politische und blasphemische Sprengkraft seiner Worte. Für manche Bücher brauche ich wohl einfach etwas länger, bis sie in meinem Oberstübchen ankommen.

6.) Loriot: Menschen, Tiere, Katastrophen

„Mit Ihnen teilt meine Ente das Wasser nicht!“ Loriot. Mehr muss man nicht sagen.

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