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Feuilleton Literatur 30. Mai 2018

Literarisches Sixpack mit Ingvild Lothe

Dank der TV-Serie Skam war Norwegen plötzlich das Hype-Land des Jahres 2017. Ingvild Lothe könnte problemlos in Skam mitspielen: Sie kommt aus Oslo, ist jung und beschäftigt sich mit den Herausforderungen des Jungseins: Dem eigenen Körper, Beziehungen und dem Druck in eine moderne Gesellschaft zu passen. Herausforderungen die sich in den Gedichten ihres Debüts “Warum bin ich so traurig, wenn ich doch so süß bin?” wiederfinden lassen.

Das Houellebecq Girl norwegischer Literatur“ wurde Ingvild Lothe von der norwegischen Zeitung Morgenbladet genannt, nachdem ihr Debüt „Hvorfor er jeg så trist når jeg er så søt“ dort 2016 erschien.

Es hätte damit eigentlich einen Preis für Titel des Jahres verdient, der nicht nur eine der großen Fragen des Alltags ist, sondern auch die beste Eigenschaft des Gedichtbandes illustriert: „Die natürliche Mischung des Unzumutbaren, des Lustigen und des Empfindlichen, die das Buch sowohl rührend als auch sonderbar charmant macht”, schrieb ein dänischen Kritiker im Dagbladet.

„Warum bin ich so traurig, wenn ich doch so süß bin?“ lässt sich als Gedichtband beschreiben, könnte aber genau so gut ein Sammlung kurzer Bemerkungen, flüchtiger Momente des Jungseins oder schöner Facebookupdates sein. Das Buch erschien am 14. März in der deutschen Übersetzung von Karl Clemens Kübler beim Nord Verlag.

1.) Unica Zürn: Dunkler Frühling

Dunkler Frühling, ist wie der Titel andeutet: Dunkel und schön, erotisch und grenzüberschreitend. Als ich Zürn zum ersten Mal laß, flimmerten mir Assoziationen zu Georges Batailles Geschichte über die Augen. Ich hab das Gefühl der Text hat eine materielle, taktile Qualität. Zürn schreibt mit der Stimme der Übersehenen und Machtlosen, und sie macht das ganz einzigartig gut.

2.) Colette: Sido

Im Sommer lese ich immer Colette. Auf Seite 43 liegt, festgeklemmt, eine tote Fliege, die ich, vor einigen Jahren an einem Sommertag im Sofienbergpark aus Versehen tötete.
 Das Buch handelt von einer Mutter und einer Tochter, und sollte von allen Müttern und allen Töchtern gelesen werden. Colette hat den stärksten Eröffnungssatz geschrieben, den ich je in einem Roman gelesen habe: Mutter starb vorgestern. Ich werde nicht an der Beerdigung teilnehmen. Ich sage es keinem, und ich will keine äußeren Zeichen von Trauer tragen.

3.) Clarice Lispector: Nahe dem wilden Herzen

Lispector gibt Gefühlen auf eine gewissen Art eine Sprache, die für mich sehr einzigartig ist. Dynamisch instinktiv, gefühlvoll und roh, voller unerwarteter Formulierungen und absurdem Humor.
 Das elternlose Mädchen Joana wird Natter genannt, weil sie schon als Kind kalt und erschreckend auf die Tante wirkte, bei der sie wohnt. Sie empfindet starke Freude an ihrem inneren Leben, was problematisch wird, als sie sich als Erwachsene verliebt – wie soll sie genügend Zeit für sich alleine finden? Und wer soll es aushalten, länger mit ihr zusammen zu bleiben; sie, die so intensiv ist, so überlegen unabhängig, sie die andere Wünsche hat, als einfach nur Frau und Mutter zu sein.

4.) Mircea Cărtărescu: Orbitor Trilogie (Die Wissende / Der Körper / Die Flügel)

Mircea Cărtărescu ist der einzige Autor, der mir ein mythisches Erlebnis beschert hat.
 Die Handlung spielt in Rumänien und Bukarest in der Zeit des Kommunismus. Die Sprache ist poetisch, metaphorisch, schwer und bisweilen überwältigend. Menschen gebären Schmetterlinge, Löcher öffnen sich im Hügel, Dämonen tauchen auf, die ganze Welt verwelkt in Tattoos. Schmetterlinge werden zu Menschen; wir werden geboren, wir leben, und wenn wir sterben, verlassen wir die Schale der Seele und fliegen in die Ewigkeit. Es ist einfach schön, alles.

5.) Anne Carson: Glas, Ironie und Gott

Glas, Ironie und Gott ist eine Meditation über eine beendete Liebe, dass mit einer scharfen Analyse von Emily Brontes Werk und Biografie wieder zusammen gewebt wird. Carsons Dichtung wirkt sowohl leicht, als auch zugänglich, mit der außergewöhnlichen Kombinationen aus intimen Bekenntnissen und kalter Analyse, Witz, Ironie und Humor.

6.) Marguerite Duras: Emily L

Ich liebe alles bei Duras, aber Emily L ist wahrscheinlich das Buch, das ich am öftesten gelesen habe.
 In einer Bar in Quillebeuf sitz ein Paar und trinkt Bourbon und dunkles Bier. Sie beobachten ein englisch sprechendes Paar, und durch die Beobachtung erzählen sie dessen Geschichte. Aber ich bin mir nie sicher, ob sie über das Paar sprechen oder ob es ihre eigene Geschichte ist, die sie erzählen.

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