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Personal 2. November 2018

1 Tag, 1000 Worte #2

Knapp 59 Euro kostet eine Monatskarte innerhalb Berlins. Zumindest, wenn man nicht früher als 10 Uhr fährt. Und das versuche ich in der Regel zu vermeiden und schaffe es trotzdem nie. Wer sich ein wenig in Berlin auskennt oder für ein paar Tage zu Besuch war, wird festgestellt haben, wie groß Berlin ist. Und das es vollkommen normal ist, immer mindestens 30 Minuten mit der Bahn unterwegs zu sein, wenn man irgendwohin möchte. Meistens mehr. Eine kleine Reise. Immer. 

Berlin, eine Stadt, viele verschiedene Stadtteile und unendlich viele Überraschungen. Meine Monatskarte ist zugleich ein Stück Freiheit. Wenn ich Zeit habe und Inspiration suche, steige ich einfach in die S-Bahn. Wenn ich das Leben in seinen vielen Facetten spüren möchte, reicht schon eine Fahrt mit der Berliner U-Bahn. Was übertrieben klingt, ist so. 

Gestern an der Haltestelle Prenzlauer Allee saß ein junger Mann und spielte auf seinem Cello Leonhard Cohens „Hallelujah“. Das war so schön, dass ich meine Bahn verpasst habe. Auf den Visitenkarten des Musikers, welche er vor sich ausgebreitet hat, stand neben der Berufsbezeichnung Cellist auch „Moment Creator“ und „Improviser“. Was für ein schöner Beruf, denke ich. Der junge Mann heißt übrigens Guilherme Rodrigues und sollte meiner Meinung nach dort immer sitzen. 

Knapp eine Stunde später, komme ich an meinem Ziel an. Haltestelle Seekorso, Berlin Kladow, Bezirk Spandau. Mein Freund Robin, der in Kladow aufgewachsen ist, hat mich eingeladen, mir seine Heimat zu zeigen. Wer schon mal in Kladow oder Gatow war, weiß, dass die beiden Ortsteile zwar zu Berlin gehören, aber völlig anders sind.  Viel Wasser, viel Wald, zahlreiche Villen, dicke Autos, Alteingesessene, Häuser aus einer anderen Zeit, Alarmanlagen und Videokameras. Schauplatz für einen Tatort. Ein Mikrokosmos in dem großen, verrückten Kosmos Berlin. Und so viel Geschichte.

Apropos Heimat: Was bedeutet eigentlich Heimat? Ist Heimat immer der Ort, an dem wir aufgewachsen sind oder der Ort an dem wir aktuell wohnen? Oder kann Heimat auch überall sein? Sozusagen dort, wo wir uns wohl fühlen? Für mich ist Heimat immer dort, wo ich mich gerade wohl fühle. Und wie viele von uns haben eigentlich ein unglaubliches Glück, sich ihre Heimat aussuchen zu können? Und man nicht gezwungen wird, seine Heimat zu verlassen? Eine Tatsache, die ich viel zu oft im Alltag vergesse.

Robin und ich laufen durch Sacrow, ein verträumter Ort vor den Toren Berlins und Potsdams. Mit der Errichtung der innerdeutschen Grenzanlagen im Jahr 1961 ging das Idyll Sacrows für die Öffentlichkeit verloren. Sacrow lag im Sperrbezirk und konnte nur mit einem Passierschein erreicht werden. Diese Isolation endete erst mit dem Fall der Mauer im Jahr 1989. Komisch und zugleich nicht verwunderlich, dass ich mir genau hier, Gedanken über den Begriff „Heimat“ mache. Heute hingegen ist Sacrow der Inbegriff von „Landlust“ verträumter wohlhabender Berliner Städter.

Was ganz anderes: Nick Cave & The Bad Seeds ist der ideale Soundtrack, um einen Text zu schreiben. „We go down with the dew in the morning“. Musik ist sowieso das Beste, um überhaupt zu schreiben. Ich kann gar nicht verstehen, wie es ohne Musik funktionieren soll? Genauso wie alleine reisen ohne Musik undenkbar ist. 

Aktuell gibt es bei Lidl Flixbus-Tickets für europaweite Fahrten für 12,99 Euro Festpreis. Was für eine unglaubliche Freiheit in der viele von uns mittlerweile leben. Stellt sich nur die Frage: Wie kommt eigentlich der Preis zustande? 

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