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Feuilleton Film People 2. Oktober 2015

11+2 Fragen an Franz Xaver Gernstl

Mindestens so ein Original wie die Menschen, die er dokumentiert: Franz Xaver Gernstl. Im oberbayerischen Bad Feilnbach als Sohn eines Handwerkers geboren, zählt der mittlerweile 64-Jährige zu den bekanntesten Filmemachern in Deutschland. Vor allem seine Dokumentarfilmreihe „Gernstl unterwegs“ erfreut sich seit über 30 Jahren großer Beliebtheit. Darin fährt er mit seinen beiden Freunden und Arbeitskollegen, Kameramann Hans-Peter Fischer und Tonmann Stefan Ravasz, quer durch die Bundesrepublik. Jüngst war er sogar in Israel unterwegs. Dabei interviewt Gernstl Menschen, die ihm auffallen und erforscht ihren Alltag. Wer das noch nie gesehen hat, dem sei dringend der Kinofilm Gernstls Reisen – Auf der Suche nach dem Glück empfohlen. Dieser fügt einige der ursprünglich für das Fernsehen gedrehten Episoden von „Gernstl unterwegs“ zusammen – und regt zum Nachdenken an. Für uns gehören Gernstls Reisen und Begegnungen so ziemlich zum bohèmsten, was das Bayerische Fernsehen, jemals fabriziert hat. Und Franz Xaver Gernstl ist dabei der Inbegriff eines bohèmen Bayers.

Klar, dass wir deshalb besonders stolz sind, dass er uns unsere Fragen beantwortete – und das am ersten Tag des Münchner Oktoberfests. Dabei verriet er uns auch, wo wir ihn vermutlich einmal als Betreiber einer „schlecht gehenden Strandbar“ treffen können. Eines ist sicher: Wir würden auf jeden Fall vorbeischauen!

Hippie oder Realist?

Realist

Wiesn oder Wirtshaus?

Wirtshaus

Unterwegs oder daheim?

Mal so, mal so.

Seit 30 Jahren auf der Suche nach spannenden Persönlichkeiten: Franz Xaver Gernstl; Foto: megaherz gmbh
Seit 30 Jahren auf der Suche nach spannenden Persönlichkeiten: Franz Xaver Gernstl; Foto: megaherz gmbh

Grüß Gott, Herr Gernstl. Wo kommen Sie denn gerade her? Heute schon was spannendes erlebt bzw. jemand interessanten getroffen?

Ich war nur schnell Gemüse kaufen und hab beim Barkeeper um die Ecke eine Zigarette geschnorrt. Denn heute geht die Wies’n los, da halte ich mich lieber auf meinem Balkon auf. Es sind mir zu viele aufgekratzte Lederhosenträger unterwegs.

Sie haben ein besonderes Gespür für Menschen und Situationen. Worauf achten Sie auf Ihrer Suche nach Geschichten?

Ich suche charismatische Gesprächspartner. Im Idealfall authentische Menschen, die mit sich und der Welt im Reinen sind. Die Kunst ist dann, sie nicht allzu sehr mit der Kamera durcheinander zu bringen.

Wir lieben „Gernstl unterwegs“ seit dem ersten Mal schauen.  Wann hatten Sie die Idee zu diesem Format und was ließ den Bankkaufmann und studierten Sozialpädagogen Franz Xaver Gernstl zum fahrenden Filmproduzenten und Dokumentarfilmer werden?

1979: Ich war mit meinem Freund und jetzigen Kameramann Hans Peter Fischer für ein paar Wochen in Amerika unterwegs. Männerurlaub, nachdem wir beide von derselben Frau verlassen wurden. Wir hatten einen schönen Straßenkreuzer und machten Unmengen Fotos aus dem fahrenden Auto. Da kam uns die Idee, dass man rumfahren könnte und einfach filmen, was einem unterkommt. Ich war damals zwar schon als redaktionelle Hilfskraft für den BR tätig, aber es war noch ein langer Weg, bis wir einen Redakteur davon überzeugen konnten, dass Rumfahren und irgendetwas drehen eine gute Idee ist.

Bei der Arbeit; Foto megaherz gmbh
Bei der Arbeit; Foto: megaherz gmbh

Gernstl und seine Crew auf Fahrt durch die Lande, ohne zu wissen, was und wen sie eigentlich suchen – bohèmer geht es für uns kaum. Welche Flecken der Welt möchten Sie noch bereisen?

Da treibt es mich gar nicht so sehr herum. Das Reisen ist langweiliger geworden. Überall kriegt man das gleiche Zeug zu kaufen. Ganz Europa hat eine Währung. Kaum mehr exotische Verkehrsschilder. Die Globalisierung hat’s versaut. In Zeiten als man hierzulande noch vermurksten Mokka getrunken hat, war es immer eine große Freude, an der ersten Tankstelle nach dem Brenner den ersten Espresso zu trinken.

Wir heulen ja selten vor dem Fernsehen. Aber in einer der letzten Episoden ihrer „Zeitreisen“ waren wir kurz davor. Dabei ging es um den Schiffsbauer, den sie vor 30 Jahren getroffen hatten und wieder ausfindig machen konnten. Wie war dieser Moment für Sie, als sie ihn im Altersheim wieder begegneten?

Sie können ruhig mal ein bisschen heulen vor dem Fernseher, passiert mir auch gelegentlich. Das war natürlich trostlos, den ehemals kraftstrotzenden Kerl als hilfsbedürftiges Männlein im Pflegeheim zu finden. Sein ursprünglicher Plan, mit der selbstgebauten Yacht in die Südsee zu fahren und einer Eingeborenen 14 Kinder zu machen – für die 14 Schlafplätze auf dem Schiff – , ging ja leider auch nicht auf. Tröstlich nur, dass ihn sein Eigensinn nicht verlassen hat.

Haben sich aus mancher ihrer Begegnungen nähere Bekanntschaften oder sogar Freundschaften entwickelt?

Ganz selten. Das waren ja bisher gut tausend Menschen, die ich getroffen habe, eher zweitausend. Zu viele. Ich denke, wenn man eine handvoll guter Freunde hat, dann passt das schon.

Hat das Reisen Sie verändert? Wenn ja, inwiefern?

Weiß ich nicht. Wenn man nicht bekloppt ist, verändert man sich ja eh im Laufe des Lebens. Ob ich ohne Reisen ein anderer geworden wäre? Vielleicht. Jedenfalls habe ich einige weise Menschen kennengelernt, von denen ich mir was abgeschaut habe.

On Tour; Foto: megaherz gmbh
On Tour; Foto: megaherz gmbh

Den Bayern sagt man ja nach, dass sie selten über den eigenen Tellerrand blicken. Sie sind auch einer und beweisen mit ihren Dokumentationen und anderen TV-Produktionen das Gegenteil. Wenn Sie aktuell einen kritischen Blick auf Ihre Heimat werfen: was macht Ihnen Sorgen und was wünschen Sie sich für sie?

Ich wünsche mir, dass die Bayern die Warmherzigkeit, mit der sie derzeit die Flüchtlinge begrüßen nicht verlieren. Vielleicht gelingt es uns ja, die fremden Kulturen der Einwanderer als Bereicherung für unser eigenes Leben zu begreifen. Sorgen mache ich mir nicht. Ist noch nie ein Mensch eine Sekunde älter geworden, weil er sich Sorgen gemacht hat, heißt es doch.

Sie sind jetzt über 60. Schon mal an den Ruhestand gedacht?

Na ja, daran gedacht schon, aber was sollte ich dann tun? Ich finde, Filme machen ist eine prima Beschäftigung und so lange noch einer von uns Autofahren kann, werden wir das weitermachen. Den Kameramann können wir auch noch im Rollstuhl rumschieben, und wenns den zweiten erwischt, machen wir eine schlecht gehende Strandbar auf. Wir haben da schon ein Objekt auf Formentera im Auge. Mehr kann ich nicht verraten.

Worauf dürfen wir uns als nächstes von Ihnen und Ihrer Produktionsfirma Megaherz freuen?

Ich selbst drehe im nächsten Jahr Filme über einige Bayern, die doch über den Tellerrand schauen. Menschen, die in Bayern aufgewachsen sind und ihr Glück im Ausland suchen. Die erste Folge drehen wir in Kalifornien. Dann gibt es einen Kinodokumentarfilm für Kinder mit Checker Tobi. Und Fiktionales, eine Mystery-Comedy-Serie, die in Thüringen spielt – „Halbstark“. Alles von hoher Qualität und sehr amüsant.

Weitere Folgen von „Gernstl unterwegs“ gibt es in der BR Mediathek.

 

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