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Design Fashion Kunst Lifestyle 18. Januar 2015

11 Fragen an Jessica Dettinger „Form of Interest“

Endlich wieder Zeit für 11 Fragen an. Diese Woche habe ich mir die in München lebende Modedesignerin und Künstlerin Jessica Dettinger ausgesucht, um über ihre Mode und neue Kollektion „Form of Interest“ zu sprechen. Im Gegensatz zu Joachim Baldauf, der vergangene Woche meinen 11 Fragen beantwortete, ist Jessica deutlich ausführlicher in ihren Antworten gewesen. Wer deswegen nun das Interview nicht bis zum Ende lesen wird, ist selbst schuld. Helmut Kohl und Jean Baudrillard kommen auch vor. Und hier geht es zu den Fragen:

Bohème oder Avantgarde?

J.D.: Erster Gedanke – AVANTGARDE
Zweiter Gedanke – AVANTGARDE
Mein Bestreben ist das radikale Hinterfragen von Normen und bestehenden Systemen. Mich interessieren neue Menschenbilder – die Frage nach dem Individuum – nach dem Ich! Im Moment bin ich sehr an einem neuen Männerbild interessiert. Ich denke, dass wir uns sehr hinter vorgefertigten Bilder verstecken. Mein Wunsch ist es neue Bilder zu generieren. Sowohl in der Mode als auch in der Kunst.

Fleisch oder Gemüse?

J.D.: Klar Gemüse. Ich esse seit fast 17 Jahren kein Fleisch.
Ich habe sogar als kleines Mädchen Helmut Kohl einen Brief geschrieben, weil ich es nicht gut fand, dass es Tiertransport gibt.

Rotwein oder Weißwein?

J.D.: Für hochtragende, lange philosophische Gespräche bitte Rotwein. Für laue Sommerabende bitte Weißwein.

Dein Label „Form of Interest“ steht für konzeptuelles Modedesign. Versteckt sich hinter Mode nicht immer ein Konzept?

J.D.: Konzept kann vieles sein. Dennoch finde ich nutzt man diesen Begriff zu oft und er beinhaltet lange nicht mehr einen tiefen durchdachten Inhalt. Von dieser Art und Weise Mode zu gestalten möchte ich mich entfernen.
Die Betonung der Bezeichung bei „Form of Interest“  resultiert aus der Wichtigkeit und den Grundgedanken sehr tiefgreifende, analytische Konzepte zu erarbeiten. Sinn zu erschaffen. Ich finde Design muss in einer Welt die überfüllt ist an Produkten erst recht durchdachter und weitgreifender sein als nur ein simples Farbkonzept der Trends für den Sommer. Über diese Form des Konzepts geht es bei „Form of Interest“ hinaus. Es ist das Intuitive erarbeiten – nach inneren Bildern, die sich formen durch Recherche und lesen. Im Vordergrund steht hinter „Form of Interest“ immer ein sozialkritische Meinung die sich in Form des Mediums Mode manifestiert und abbildet. Der narrative Moment, der sich in erster Form in Moodboards abbildet, wird in einem analytischen konzeptionellen Konzept wissenschaftilch erarbeitet und in den fertigen Outfits visualisiert. Manchmal denke ich, wäre es eine ganz schöne Idee an jedem Hashtag ein kleine Erklärung zu hängen, die die Geschichte des Kleidungsstück erzählt.

Wenn man sich dein aktuelles Lookbook anschaut, wird zumindest mir relativ schnell klar, dass Du nicht „nur“ Modedesignerin bist, sondern vielmehr Künstlerin. Wann würdest Du von Mode sprechen?

J.D.: Mein Verständnis von Mode und somit auch das kreative Spannungsfeld von Form of Interest umfasst sowohl den Bereich der Kunst als auch den Bereich der Kleidung. Mode an sich geht ja über die Begrifflichkeit „Kleidung“ weit hinaus.
 Womöglich ist es sogar Mode, heute zu behaupten man wäre Avantgarde oder Bohème oder man isst kein Fleisch. Die Frage “Wann ist Mode” ist darum für mich eine sehr wichtige und ausschlaggebende für mein Label und das Medium “Fashion”. Die Art und Weise wie Moden Menschen – gesellschaftliche Strömungen und Gegebenheiten visualisiert, ist herrlich und steht immer in Bezug zur Kunst, die auch den Moden und Strömungen unterworfen ist. Mal ist es die Kunst die avantgardistisch ist und dann wieder die Mode. Die Überschneidungen sind genau das, was mich interessiert.

Mode kann Performance, Happening und Subkultur sein. So wie Kunst stylisch einem Trend folgen und in Mode kommen kann. Ich bin dennoch der Meinung dass Mode keine Kunst sein kann und muss. Sondern gerade das Spannungsfeld dazwischen als Grauzone verstanden – macht es für mich spannend. Eine schon etwas zurückliegende Arbeit von mir zeigt den Aspekt des interdisziplinären Agierens zwischen Kunst und Kleidung sehr gut. Es ist ein Videofilm bei dem eine lebende Person, als eine Art lebende Fotografie gefilmt wird und gleichzeitig von mir angefertigte „Photoshopcollagen“ auf sie projiziert werden. Hierbei verschwimmt die Wirklichkeit mit der der Hyperrealität. Das Medium Video bedient sich beider Systeme: sowohl der Kunst als auch der Kleidung. Gerne würde ich mein Tun mit dem von Matthew Barney beschreiben, weil ich seinen Ansatz als Künstler äußerst spannend und modern finde.

Und wann von Kunst?

J.D.: Kunst bietet mir einen radikaleren Ansatz als Kleidung. Mein Art und Weise Kunst zu machen hat sicherlich mit meiner konzeptionellen, analytischen Arbeitsweise zu tun. Kunst mach ich ganz konkret in Form von Collagen – Wachsobjekten – und andere Materialexperimenten. Darüber hinaus auch das Medium Film. Mit meinem Freund zusammen habe ich dieses Jahr das Künsterlkollektiv “Labor für magischen Realismus” gegründet. Hierbei verfolgen wir einen non – konformistischen Ansatz, Kunst zu hinterfragen. Die Arbeiten sind immer Versuchsaufbauten, die das Experiment, die Interaktion mit dem Betrachter als Hintergrund haben. Es geht nicht um den ästhetischen Kunstgedanken sondern die Versuchsanordnung. Damit wollen wir sicherlich irritieren, radikal uns selbst hinterfragen und auch das gängige Kunstverständnis in Frage stellen.

Ist es eigentlich nicht wahnsinnig heutzutage noch ein Modelabel zu gründen, während gleichzeitig alles teurer wird und viele Menschen dann doch lieber Klamotten von der Stange vom Textildiscounter kaufen?

J.D.: Vermutlich ist es ein Wahnsinn, da gebe ich Dir recht. Geplant habe ich das nie. Wenn ich ganz ehrlich bin, hat sich die Sache durch die so positive Resonanz meiner Mitmenschen auf meine erste Kollektion nach dem Studium ergeben, dass ich einfach ein Label gegründet habe. Der Name “Form of Interest.” stammt noch aus Studiumszeiten. Er beschreibt aber genau meine Art und Weise Modedesign als ein Interesse zu definieren. Mein Interesse an der Welt, an dem was mich im großen und kleinen umgibt. Hierfür bietet mir die Mode die beste Sprache meine inneren Bilder zu visualisieren.

Meine Kleidung hängt auch auf der Stange: anders ist das nicht möglich. Aber Du hast recht: die Einzelstücke gibt es nur exklusiv in zwei Läden in München und in meinem Atelier. Mein Anliegen ist es aber auch nicht mein Leben dadurch zu finanzieren. Dafür habe ich einen Job bei BMW als Color und Trim Designerin. Der Spagat zwischen einem festen Job und einem Label ist natürlich nicht ohne und das Arbeiten endet nie. Vermutlich liegt hier eher de Wahnsinn verborgen, wenn Du Freunde aus meinem Umkreis fragen würdest. Auch das Konsumverhalten, dass sich im Bereich Mode drastisch verändert hat würde mich nicht daran hindern mein Label unter welchem Namen ich auch Kooperationen und andere Projekte realisiere zu machen. Das sollte nie der Bewegrund sein, sondern das Dagegenhalten gegen eine sich negativ entwickelnde Strömung.

Du sagtest mir mal, dass Mode nahezu immer gesellschafts- und kulturbildend sei. Wenn ich so durch die Straßen laufe, sehe ich viele Menschen, die sehr uniform gekleidet sind. Manche sehen aus, als wären sie aus einem Schaufenster ausgebrochen. Ist das etwa kulturbildend?

J.D.: Vermutlich nicht, aber irgendwie schon. Ich denke, dass es heute viel schwieriger ist durch Mode eine Gesellschaft noch zu formen. Im Moment ist es wohl eher das Internet, dass uns bildet und die Fotos, die durch das Internet fliegen. Hier ist dennoch Mode ein großer Hebel für Kultur.
Ich denke jedoch dass es uns immer schwerer fällt die Zeichen, die früher von Mode ausgingen zu deuten. Kleidungsstücke verlieren ihre semiotische Bedeutung. Dies hat sich drastisch verändert. Darum würde ich sagen, dass es durchaus schwieriger ist hier noch Innovationen anzubringen. Dennoch haben die Kleiderstangen auf der Straße nichts mit dem Ansatz zu tun, das Mode kulturbildend ist. Hätte es Coco Chanel nicht gegeben, würden Frauen vielleicht bis heute keine Hosen tragen. Diese Uniformität hat sicherlich nur mit dem Internet zu tun und macht es schwierig der Mode den Glanz der Einzigartigkeit zu verleihen.

In deinem theoretischen und praktischen Ansatz von Mode geht es Dir um die Frage, wie sich die Welt und Wirklichkeit kritisch hinterfragen lässt. Aber wie denn eigentlich?

J.D.: Beide Ausdrucksformen als Medium verstanden, dienen dazu wichtige Aspekte und Zusammenhänge im Weltgeschehen zu diskutieren, zu hinterfragen und neu zu ordnen. Suchen, finden, weiterziehen. Die Dekonstruktion als Stilmittel und das wissenschaftliche Arbeiten im Bereich Design, finde ich hier sehr passend und wichtig. Zu meiner Abschlussarbeit habe ich auch eine 400-seitige Theoriearbeit geschrieben. Gerade Mode muss mit Inhalt und Sinnfragen gefüllt werden, die weit über den ästhetischen Wert hinausgehen.

Ich lese sehr viele zeitgenössische, philosophische Bücher wie zum Beispiel gerade Byung Chul Han “Duft der Zeit” oder eben Jean Baudrillard. Ich finde als Designer hat man nicht nur die Aufgabe die Welt visuell zu formen, sondern auch zu wissen, was sie im Innersten bewegt und zusammenhält oder auseinander fallen lässt. Manche mögen sagen, dass Mode dies nicht leisten kann. Dem stimme ich nicht zu! Gerade mit Mode konnte man schon immer gegebene Normen und Systeme deformieren, sowie dekonstruieren und wieder zu neuen Konstrukten zusammensetzen. Meiner Meinung nach haben beide Disziplinen einen gesellschaftlichen hohen Wert, wenn man versucht die Systeme zu verstehen und offen ist für Neues.

Form of interest 1
Abbildungsnachweis: © Milena Wojhan
Form of interest 10
Abbildungsnachweis: © Gunnar Lillehammer
Form of interest 7
Abbildungsnachweis: © Raphael Krome
Form of interest 8
Abbildungsnachweis: © Raphael Krome
Form of interest 9
Abbildungsnachweis: © Raphael Krome
Form of interest 12
Abbildungsnachweis: © Raphael Krome


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