Wer in Griechenland nur an Athen denkt, hat Thessaloniki noch nicht kennengelernt. Die Metropole im Norden des Landes ist lauter, rauer, unverstellter als die Hauptstadt. Und hat sich kulinarisch einen Ruf erarbeitet, der weit über Griechenland hinausreicht.
Die Stadt hat mehr Metzger und Gewürzhändler als Athen, aber auch deutlich weniger Postkarten-Gastronomie. Das hat historische Gründe: Thessaloniki war jahrhundertelang ein Knotenpunkt zwischen Orient und Okzident, osmanisch geprägt, mit einer großen sephardischen Gemeinschaft, die ihre Küche mitbrachte. Diese Einflüsse schmeckt man noch heute.
Griechen streiten sich gerne darüber, wo das beste Essen des Landes zu finden ist: In dieser Debatte fällt der Name Thessaloniki zuverlässig früh. Die Stadt ist eine Reiseempfehlung, die sich noch nicht herumgesprochen hat, und das macht sie umso reizvoller.
Wer hier übernachten will, sollte es gleich richtig machen: Das ON Residence gehört zu den besten Hotels der Stadt. Es liegt direkt an der Nikis Avenue, der Uferpromenade, und wirkt, als hätte sein historisches Gebäude die Jahrzehnte des Leerstands einfach übersprungen. Die Lage hält Abstand vom Altstadttrubel mit seinen engen Gassen, nah genug jedoch, um beide Welten zu vereinen. Eine Adresse, die kaum zu überbieten ist.

Ein Haus mit Geschichte
Das Gebäude stammt aus den 1920er-Jahren und war über Jahrzehnte eine der bekanntesten Adressen der Stadt. Nicht wegen seiner Gästezimmer, sondern wegen des Olympos Naoussa, eines Restaurants, das sich tief ins kollektive Gedächtnis Thessalonikis eingeschrieben hat. Dann stand das Haus leer, fast dreißig Jahre lang.
Die TOR Hotel Group hat das Gebäude behutsam restauriert und dabei das Richtige getan: Die historische Substanz wurde erhalten oder originalgetreu rekonstruiert: die aufwendigen Deckenverzierungen, die Stuckelemente, die Fliesen. Darüber hat man schlicht neue Stockwerke gesetzt, in denen die Gästezimmer untergebracht sind, zeitgemäß gestaltet, ohne den Kontext zu verleugnen.

Die Promenade vor der Tür
Die Nikis Avenue ist die große Flaniermeile Thessalonikis: Meerseite links, die Stadt im Rücken. Vom Hotel aus läuft man in wenigen Minuten zum Weißen Turm, dem Wahrzeichen der Stadt, oder taucht ins Treiben der Gassen dahinter ein. Die Lage ist nicht laut, aber lebendig: Restaurants, Bars, kleine Läden, Abendlicht auf dem Wasser. Von den Zimmern in den oberen Stockwerken öffnet sich der Blick vollständig auf den Thermäischen Golf und bei klarem Wetter sieht man am Horizont den Olymp.
Das Restaurant Olympos Naoussa
Dass das Restaurant im Erdgeschoss wieder geöffnet hat, ist mehr als ein gastronomisches Detail. Das Olympos Naoussa hat Geschichte, und diese Geschichte gehört zu Thessaloniki wie der Hafen. Jetzt kehrt es zurück, neu interpretiert, in einem eleganten Rahmen. In den 1920er-Jahren eröffnet, war es einst Treffpunkt von Politikern, Dichtern und Prominenten; in den 1960er-Jahren galt es als bestes Restaurant Griechenlands.
Heute gibt es dort ein reichhaltiges und ehrlich griechisches Frühstück: Käse, Bougatsa, guter Kaffee. Abends kocht Küchenchef Dimitris Tasioulas saisonal und produktgetrieben, mit Eingriffen, die sitzen: Seafood Dolma mit Krabbe, Reis und Kaviar auf Fischbouillon-Essenz, hausgemachte Pasta mit Ziegenragout und einem Schuss Vinsanto, Manti nach korfiotischer Art mit Anthotyro-Schaum. Zum Abschluss Baklava mit Rosenwasser-Eis oder Haselnuss-Nougatkuchen mit karamellisiertem Mandel-Semifreddo.

Wer im Haus bleibt, findet außerdem die Tiger Loop Bar, mit bemalten Wänden, beleuchteten Tigerskulpturen und Cocktails nach dem chinesischen Tierkreiszeichen. Und ganz oben, nur für Hotelgäste: eine Rooftop-Bar mit Blick über die Stadt und aufs Meer.

Das ON Residence hat 60 Zimmer, einen winzigen Fitnessraum und leider keinen Wellness-Bereich, wer eine Massage möchte, bestellt sie sich einfach ins Zimmer. Das Hotel ist Mitglied bei Small Luxury Hotels of the World und wurde 2025 mit einem Michelin-Schlüssel ausgezeichnet, eine Anerkennung, die man dem Haus anmerkt, ohne dass es sich darauf ausruht. Thessaloniki braucht kein weiteres Hotel, das austauschbar wäre. Es braucht Häuser wie dieses: mit viel Charakter und Geschichte.






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