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Best Of Personal Travel 21. November 2017

Digital Detox: Mode oder längst notwendig?

Langsam und etwas skeptisch lege ich mein Smartphone in den geflochtenen Korb, den mir Nicol Lobis, Hoteldirektorin der ADLER Mountain Lodge, gleich nach Ankunft an der Hotelrezeption mit einem Lächeln entgegenstreckt.

„Sie können sich jederzeit ihr Smartphone bei uns abholen, wenn Sie möchten.“, lässt mich Nicol wissen. „Doch eigentlich sei das nicht der Sinn unserer „Digital Detox“ Woche“, fährt sie in ihrem reizenden Südtirolerisch fort und versteckt den Korb in ihrem Büro. Meine Augen folgen aufmerksam dem Korb, damit ich zur Not weiß, wo sich mein Smartphone befindet, falls die Rezeption nicht mehr besetzt ist.

Nur wenige Minuten später, nachdem ich mein nach Fichtenholz duftendes Zimmer bezogen habe, greife ich wie antrainiert zum ersten Mal in meine rechte Hosentasche nach meinem Smartphone, das ich jedoch vor wenigen Minuten abgegeben habe. Etwas erschrocken und gleichzeitig erleichtert, öffne ich die Balkontüre meines Zimmers und schaue nach oben. Der Sternenhimmel funkelt, die Nacht wirkt magisch und es ist nur das brummende Geräusch vereinzelter Schneekanonen zu hören. Müde von der längeren Anreise aus Berlin, lasse ich mich auf mein Bett fallen. Blöderweise habe ich mir keinen analogen Wecker mitgenommen, der mich morgens rechtzeitig zur Yoga-Stunde und zum Auftakt meiner „Digital Detox“ Woche weckt, schießt mir in diesem Moment durch den Kopf und gebe der Rezeption daraufhin Bescheid, mich doch bitte zu wecken.

Tags darauf wache ich wie von alleine in meinem Bett auf, noch bevor mich die Rezeption wecken konnte. Automatisch greife ich nach dem Nachtkästchen und meinem Smartphone, das nicht zu finden ist. Normalerweise wische ich als erstes mit meinem Daumen über das Display meines Smartphones, um meine Mails zu checken, ein paar Herzchen bei Instagram zu vergeben, mich über das Wetter zu ärgern oder zu freuen und kurz meine Facebook Timeline rauf und runter zu scrollen. Heute hingegen, schmeiße ich mich in meine Sportklamotten für eine morgendliche Yoga-Stunde. Mit Blick auf die verschneite Langkoffelgruppe bringe ich langsam meinen Kreislauf mit einem Sonnengruß in Schwung.

Während ich noch gestern vom kalten Handy-Entzug irritiert, mir Gedanken darüber machte, ob ich mein Smartphone vermissen werde, fühlt es sich heute richtig gut an. Alles andere, wäre auch krankhaft, denke ich und atme langsam tief ein und aus, auch wenn mir immer wieder vereinzelt Gedanken in den Sinn kommen, ob ich nicht doch etwas Wichtiges vergessen habe. Doch was ist schon wichtig, denke ich und begebe mich in die Position des herabschauenden Hundes und atme erneut tief ein.

Zur Yoga Stunde sind etwa 10 Leute gekommen. Nicht alle sind hier, um digital abzuschalten, stelle ich fest, als ich am Nachbartisch beim Frühstück den immer wieder gleichen, nervtötenden Klingelton höre, der beispielsweise beim Empfangen einer Push-Benachrichtigung ertönt. Wie ein penetranter Nichtraucher, der gerade mit dem Rauchen aufgehört hat, ärgere ich mich über das Verhalten meines Tischnachbarn, obwohl gerade ich im Alltag der Erste bin, der vermutlich auf sein Handy schaut.

Steve Jobs stellte am neunten Januar 2007 das erste iPhone vor und sprach damals von einem „revolutionären Produkt, das alles verändern wird“. Und damit hat er bis heute Recht behalten. Gerade jetzt mit Blick auf das Bergpanorama, den wolkenlosen blauen Himmel und die strahlende Sonne, wird mir bewusst, was für eine bedeutende Rolle mein Smartphone in meinem Leben eingenommen hat und erschrecke etwas: Telefon, Kamera, Wecker, Terminkalender, Zeitung, Stereoanlage, Wegweiser und Einkaufszentrum. Alles in einem. Auch wenn das völlig klar ist, wurde es mir erst wieder bewusst, als ich das Handy komplett weggeben habe.

© Michael André Ankermüller

Heutzutage hat fast jeder Deutsche unter 30 Jahren ein Smartphone. Mehr als vier Stunden sind sie im Schnitt täglich online. Eher mehr. Das ergab der D21-Digital-Index, der vom Wirtschaftsministerium gefördert wird. Fast jeder zweite zwischen 18 und 29 Jahren findet seinen Internet-Konsum zu hoch, zeigte eine Studie der Techniker Krankenkasse im vergangenen Jahr.

Mittlerweile sind bereits vier Tage vergangen und mein digitaler Entzug hat bald ein Ende, obwohl ich problemlos noch tagelang auf mein Handy verzichten könnte. Ich habe das Gefühl konzentrierter und ausgeglichener zu sein und laufe mit Schneeschuhen durch den wadenhohen Schnee. Anstatt ständig auf mein Handy zu starren, kann ich mich voll und ganz auf die Natur einlassen, spüre die Kälte an meinen Fingern und auf meiner Stirn und beginne zu Tagträumen. Eigene Ängste werden in mir wach und auch Probleme, die aber kurzerhand wieder von alleine verschwinden. Normalerweise, jeder kennt das, kann man sich ganz einfach von seinen Emotionen ablenken. Man setzt seine Kopfhörer auf, liest E-Mails, lässt sich von Netflix berieseln, tippt Belangloses bei WhatsApp. Hier in der Natur auf 1680 Meter ohne Handy kann man endlich auch mal alleine mit seinen Gefühlen und sich sein.

© Michael André Ankermüller

Nur wenige Tage später sitze ich vor meinem Laptop und schreibe diesen Text. Mein Smartphone liegt ausgeschaltet neben mir, um mich besser konzentrieren zu können. Zudem habe ich mein Smartphone seit vergangener Woche aus meinem Schlafzimmer verbannt, sowie jegliche Push-Benachrichtungen deaktiviert und mir einen analogen Wecker gekauft. Digital Detox ist keine Mode, sondern eine tolle Sache. Der temporäre Verzicht auf etwas, hat meistens zur Folge, dass man bewusster wird. Ich werde sicherlich später nochmal mein Handy einschalten, um meine Mails zu checken. Doch ab sofort nicht mehr 50 mal am Tag. Denn wer ist eigentlich früher 50 mal zum Briefkasten gelaufen? Niemand. Eben.

ADLER Mountain Lodge © Michael André Ankermüller

Dieser Beitrag ist in Kooperation mit der ADLER Mountain Lodge entstanden. Der vorliegende Beitrag spiegelt die persönliche Meinung des Autors wieder.

2 Comments

  1. […] Um sicherzustellen, dass das Erscheinungsbild seinen strengen Standards entspricht, beachteten die Samurai drei Dinge: Training des Körpers, Ernährung und Körperpflege von Kopf bis Fuß. Und natürlich eine ausgewogene innerliche und äußerliche Ausgeglichenheit. Beispielsweise mit Hilfe von Meditation und Yoga. Oder einem Tag ohne Smartphone. […]

  2. […] Der Himmel hat sich leicht rosa gefärbt, während die Sonne bereits hinter den Berggipfeln der Langkofelgruppe verschwunden ist. Matthias, freier Journalist und Beauty Editor-at-Large bei Flair fashion&home, Anna, freie Journalistin und ich teilen seit wenigen Tagen das gleiche Glück. Wir sind gemeinsam, ohne uns davor gekannt zu haben, auf Einladung der ADLER Mountain Lodge nach Südtirol gereist, um uns digital abzunabeln. Das Stichwort: Digital Detox! […]

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