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Feuilleton Musik 31. Juli 2017

11 Fragen an Den Sorte Skole

Vor wenigen Wochen fand das Roskilde Festival statt. Das DJ-Kollektiv Den Sorte Skole (Deutsch: „Die schwarze Schule“) aus Dänemark war einer der (nationalen) Headliner und spielte Freitag Nacht eine gigantische und einmalige Show auf der größten Bühne des Festivals vor gut 80.000 Zuschauern. Insgesamt war es ihr sechster Auftritt auf dem Roskilde, jedoch ihr erster auf dieser Bühne. Den Sorte Skole wurden als HipHop-DJs bekannt, und veröffentlichten drei Mixtapes (Lektion #1-3) und ein Album. War es am Anfang noch ein HipHop-Mash-Up-Sound aus klassischen Samples und Groove, erweiterte sich ihre musikalische Landschaft immer mehr. Die dritte Lektion bestand aus tausenden Samples und Soundschnipseln von 250 Schallplatten aus 51 Ländern und diversen Genres. Wir trafen Martin und Simon zu einer neuen Folge 11 Fragen. Here we go.

110 oder 160bpm

Martin: Ach weißt du was, im Augenblick sind es 160.
Simon: Ja sind es.
M: Das ist eigentlich recht lustig…
S: Das Spannende an 160bpm ist ja auch, dass 80bpm das halbe Tempo sind.
M: Starke Eingangsfrage… das ist ganz witzig, weil wir gestern gleich mehrere Stücke in 160bpm hatten und das hatten wir vorher noch nie.
S: Genau und wir haben uns mit 110bpm immer etwas schwer getan.
M: Und 110bpm sind eigentlich ein gutes Tempo, um Leute zum Tanzen zu kriegen, aber wir machen nie was in 110.
S: Wir haben es probiert, aber gestern hatten wir auch nicht wirklich was in 110.

Eastcoast oder Westcost?

M: Eastcost bei mir. Jedenfalls in den alten Tagen. Ich bin Wu-Tang.
S: Ahhhh…
M: OK, und dann lernte ich später De La Soul und sowas kennen, aber ganz klar Eastcost.
S: Ich finde jetzt, dass es bei mir ganz klar Westcost ist. Also wenn wir jetzt über Produktion und HipHop heutzutage reden. Gaslamp Killer zum Beispiel. Für mich ist da diese ganze Beatscene aus L.A. contra diesem ganzen Rap – weiß nicht was es da alles so gibt.

„Den Sorte Skole“ ist ja auch die Bezeichnung für eine alte Unterrichtsmethode an Schulen (die auf Gewalt setzte), was beutetet der Name bei euch?

M: Das was da für uns soweit drin liegt, ist dass ein Konzert mit uns auch eine Art Herausforderung ist und es auch darum geht den Horizont der Leute für etwas anders zu öffnen.

© Jesper Palermo

Eure Musik besteht aus tausenden Samples aus allen Genres und aus allen Ecken der Welt, gibt es Länder die euch auf eurer musikalischen Landkarte noch fehlen?

M: Joar, wir sind nicht so gut in Afrika. Wir sind nicht so gut da drin groovy Sachen zu machen. Steht aber weit oben auf der Liste.
S: Ja wir sollten mal nur good-vibe Zeug machen. Wir waren jetzt eine lange Zeit ziemlich dunkel, es fehlt dieses ganze Losgelöste. Wir mögen das schon, aber es ist ganz witzig, denn wenn wir uns über etwas einig werden, ist es eher dunkel.
M: Ich glaub auch, dass das so ein nordisches Ding ist. Wenn du im Studio sitzt und es ist skandinavisches Wetter, dann wäre es merkwürdig Calypsorythmen zu machen. Obwohl unsere Musik eine Art Hybrid ist, hat sie einen Absender, der in seinem Klang nordeuropäisch ist.
S: Aber wir merken doch, jetzt wo wir etwas mehr mit diesem Typus gearbeitet haben, dass es recht erfrischend für uns ist. Und es gab zu einem Zeitpunkt auch mal die Idee nur diesen Weg zu gehen, aber so ganz können wir das nicht. Es muss schon das Dunkle und das Helle geben.

Im Gegensatz dazu, gibt es Genres oder Länder mit denen ihr am liebsten arbeitet oder wo ihr wisst, dass ihr immer brauchbares Material findet?

M: Ne, ich finde wir finden immer überall etwas brauchbares. Und dann wechselt unser Fokus auch immer etwas. So haben wir das letzte Jahr viel in früherer elektronischer Musik, Noise, Industrial und solchen Sachen gesucht. In anderen Perioden war es dann viel Psych und Krautrock. Und in wieder anderen war es viel…
S: Naher Osten, oder?
M: Genau, es geht hoch und runter.

Ihr habt im Laufe eurer Kariere eine musikalische Entwicklung durchgemacht. Am Anfang ward ihr klar HipHop orientiert und heute ist es viel breiter ausgerichtet, Worldmusic im wahrsten Sinne des Wortes und mit einer politischen Dimension. Könnt ihr diese Entwicklung für mich skizzieren?
S: Erstens, ist es ja die Zeit. Also es sind dreizehn Jahre vergangen, seitdem wir das erste Mixtape gemacht haben. Zu diesem Zeitpunkt kauften wir Hip Hop-Platten, und gute alte Alben, Klassiker und wir fühlten, dass wir ein neues Element in die HipHop-Mixtape-Welt bringen. Wir starteten ja als HipHop-DJs und mit der Zeit begannen wir mehr in die Samplewelt einzutauchen.
M: Wir wollten dann auch gerne etwas samplen, dass noch niemand vor uns benutzt hatte und wir waren natürlich große Fans von DJ Shadow und RJD2. Die und andere haben ja Nordamerika und Europa quasi totgesamplet. Das war dann die Möglichkeit etwas anderes zu machen und wir begannen aus der ganzen Welt zu samplen. Es ist ja so: Wenn man eine amerikanische Platte samplen will, die noch niemand vorher gesamplet hat, dann muss man einige ziemlich schlechte Platten hören. Aber wenn man eine indonesische Platte samplen will, die noch niemand benutzt hat, dann kannst du damit anfangen, die beste indonesische Musik zu hören. Das ist einfach ein cooler Prozess.
M: Das politische liegt in unsere Arbeitsmethode. Es lässt sich nie schaffen, dass wir all die Samples, die wir benutzen clearen können. (Anm. d. Red. die Rechte für das jeweilige Sample bei den Urhebern erwerben). So ist die DNA unsere Projektes…
S: eine politische.
M: Wir finden das interessante politische darin, ist die kulturelle Vielfalt. Das ist auf jeden Fall in einem dänischen Kontext interessant, weil da sind so viele die Angst haben vor dieser Hybridgesellschaft, die die Zukunft ist. Ob wir wollen oder nicht. So das kommt eigentlich ganz natürlich, und dann war es ziemlich spannend auf der Platte mit einer gewissen Thematik zu arbeiten. Ich glaube wir sind ziemlich gut darin solche Rahmen zu machen, die dann den Prozess steuern. Das ist sehr angenehm, weil es Dinge gibt die man potentiell machen könnte, über die man dann nicht mehr nachdenken braucht, ne? Heute ist es ja schwer für die Leute, dass man machen kann, was man will, wenn man nur einen Computer hat, und du alle Arten an Plug-ins runterladen kannst, mit denen man den einen Augenblick Trompete spielen kann und im nächsten Bongotrommeln. Aber was ist es, was du musst, was du willst? Deswegen funktioniert diese Konzeptualisierung für uns ganz gut.

© Jesper Palermo

Könnt ihr eure Zugangs- bzw. Arbeitsmethode zu einer neuen Platte oder neuem Song erklären?

M: Es startet immer mit einem Sample und dann entwickelt sich das oft in eine ganz andere Richtung, aber es fängt immer mit einem Klang an.
S: Ja, aber ich würde sagen, dass wir oft auch dazu gezwungen sind eine Nummer an der vorherigen anzupassen, weil es immer zusammenhängt. Und deswegen geht es in den Songs auch darum, wie der Verlauf ist und nicht nur darum was der einzelne Song an sich kann, sondern auch wie es zusammenhängt, mit dem davor und dem danach. Und das bedeutet ehrlich gesagt viel, sowohl längenmäßig, energiemäßig als auch stilmäßig.

Wir haben schon über eure HipHop-Wurzeln gesprochen. Technisch gesehen habt ihr mit Turtablelism angefangen, heute spielt ihr mit Samplern, Drumpads und anderen, auch klassischen Instrumenten. Was ist der Unterschied als Band zwischen früher und heute?

S: Das ist ein großer Unterschied. Zuerst ist es schon einfach ein Unterschied zwischen reiner elektronischer Musik und Livemusik.
M: Es ist schwer den Studioprozess zum Liveformat umzuwandeln. Aber da wo wir können versuchen wir mehr und mehr Elemente einzubringen.
S: Trotzdem ist auch sehr befreiend, weil Samples oft eine Begrenzung erzeugen. Wenn wir z.B. gerne ein Solo verwenden wollen, aber das Sample ließ nicht zu, dass wir das Ende dabei haben, weil da plötzlich Vocals drüber lagen, dann mussten wir immer einen Umweg oder eine Lösung dafür finden. Aber mit Musikern ist es ein freies Spiel, weil wir wirklich steuern können, wo wir hin wollen. Sowie z.B. mit dem Chor beim diesjährigen Roskilde Festival. Da ist es eine Befreiung, dass wir genau das schaffen können, was wir wollen.
M: Aber wir spielen keine Samples neu ein. Es ist so wie Simon sagt, dieses Zusammenarbeiten, mit z.B. einem Chor oder anderen Musikern, dass ist ein ganz anderer Prozess.
S: Und wir können unserer Musik damit ganz neue Lagen hinzufügen.

Ihr hört so viel spezielle Musik, könnt ihr drei Künstler nennen, die noch keiner kennt, man aber unbedingt hören sollte?

S: Uh, da gibt es so viele Sachen…
M: Paul Jebanasam, den könnte ich empfehlen. Der ist jetzt schon viele Jahre zugange und ist einfach ein mega guter elektronischer Musiker, der richtig deepe und krass schöne Sachen macht.
S: Ich weiß nicht, ob ihn niemand kennt, aber ein Producer/DJ aus Belgien, der Lefto heißt, und mittlerweile etwas bekannter ist und wirklich ein paar fette Sachen macht. Er arbeitet auch zusammen mit Free The Robots an diesem Projekt das Karavan heißt, die haben gerade eine Platte rausgebracht.
M: Und vielleicht Aisha Devi, wenn man die nicht kennt? Sie kommt aus Tibet und der Schweiz und macht elektronische Musik, in der sie alte tibetanische Gedicht aufnimmt und dazu ziemlich kranke Geräusche macht.

© Jesper Palermo

Reden wir noch kurz über das Roskilde Festival. Was ist für euch als Gast das Besondere hier?

S: Die Diversität des Musikprofils.
M: Und dann ist da diese spezielle Sache für dänische Verhältnisse, dass das Publikum auf dem Roskilde Festival den Musikern unglaublich viel zurückgibt. Es ist nämlich nicht besonders dänisch so extrovertiert zu sein. Das ist ziemlich speziell, und es ist ja sogar so, dass viele große ausländische Namen ihre besten Konzerte hier auf dem Roskilde haben (Bands wie Tocotronic, Paul Kalkbrenner, Metallica, Iron Maiden u.a. veröffentlichten z.B. Live at Roskilde Alben), weil das Publikum so viel gibt. Wenn man die Dänen kennt, ist das recht verwunderlich, denn hier ist so eine Konzertkultur in Dänemark wo die Leute unglaublich viel Klatschen und woo-hooen.
S: Ich glaub auch, dass das was Roskilde kann, ist die großen etablierten Bands zu haben, aber auch Bands von denen man noch nie gehört hat. Und dadurch gibt es die viele Möglichkeiten was zu lernen und zu erleben. Oft endet man zufällig in irgendeinem Zelt und hat dann ein riesiges Erlebnis mit einer Band, von der man nichts wusste. So kann man viel entdecken und erlebt nicht nur so Headliner-Festivalshows. Oder umgekehrt, wie wenn man jetzt zu einem kleinen Nischenfestival in Deutschland geht, wo es nur unbekannte oder verhältnismäßig kleine Bands gibt, dagegen gibt es hier sowohl als auch, finde ich.

Gestern habt ihr wieder ein komplett neues und wildes Konzept aufgeführt. Es gab einen 22-köpfigen Chor aus Exilanten, 9 Tänzer, 7 musikalische Gäste (inkl. Omar Suleyman). Wie sah die Entwicklung dieses Prozesses aus?

M: Der war lang.
S: Es war ein großer Prozess. Wir haben wirklich viel gearbeitet, damit das hier passieren konnte. Aber es hat mit einer kreativen Idee angefangen und dann mussten wir rausfinden, was sich logistisch umsetzen lassen konnte. Wir mussten in diesem Prozess auch viele Darlings töten, aber andererseits sind auch neue Dinge von der Seitenlinie hinzugekommen.
M: Es war eine sehr große Herausforderung für uns etwas zu machen, dass nicht zu eng wird. Ich glaube immer noch, dass es schlussendlich semi-eng war, aber es hat trotzdem viel bewirkt, dass wir unserem Universum so viel mehr und neue Energie hinzufügen mussten. Es war war ein stetiger Dialog mit dem Roskilde Festival und es war ein Teil der Aufgabe von ihrer Seite aus, dass wir Gäste und alles dabei haben.

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