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Europa Holland Travel 7. Juli 2026

Rotterdam oder Amsterdam? Warum sich der Städtetrip nach Rotterdam lohnt

Wer mit dem Amsterdam-Bild im Kopf anreist, könnte enttäuscht sein: geneigte Giebelhäuser, verwinkelte Gassen, in denen man sich gut und gerne verläuft, Grachten an jeder Ecke. Rotterdam hält sich nicht an dieses Bild, zumindest nicht dort, wo man als Tourist zuerst landet.

Tatsächlich gibt es Grachten, mit Giebelhäusern und einer alten Windmühle, im historischen Hafenviertel Delfshaven: ein Kontrastprogramm zur Skyline, ruhig genug für einen Spaziergang am Wasser oder einen Kaffee an der Kaimauer. Nur liegen sie am südwestlichen Stadtrand, abseits des touristischen Stadtzentrums, und wer sie nicht gezielt sucht, wird dort auch eher nicht hinkommen. Genau darin liegt schon die erste Lektion dieser Stadt: Rotterdam präsentiert sich nicht sofort, sondern man muss sich die Stadt erschließen. Auf der Erasmusbrücke merkt man dann schnell, wonach man eigentlich suchen sollte: nicht nach Idylle, sondern nach Mut zum Neuen.

Delfshaven © Hester Blankestijn

Rotterdam war schon immer eine Stadt des Stapelns. Früher waren es Container, Millionen von ihnen, im größten Seehafen Europas. Heute stapelt die Stadt sich selbst, Stockwerk um Stockwerk, in einer Skyline, die mit jedem Jahr beeindruckender wird. „Manhattan an der Maas“ nennt sich Rotterdam gern selbst, ein Werbeslogan, der etwas übertreibt, aber die Richtung stimmt. Es ist eine Stadt im Rohbau-Zustand, ein Versuchslabor für Architekten und Stadtplaner, die hier Dinge ausprobieren dürfen, die anderswo niemand mehr wagt.

Dass das so ist, hat einen bekannten und traurigen Grund. Am 14. Mai 1940 legten deutsche Bomber die Rotterdamer Altstadt in wenigen Minuten in Schutt und Asche. Übrig blieb, schwer beschädigt, nur die spätgotische Laurenskerk und mitten in der Stadt eine Bronzefigur des russischen Bildhauers Ossip Zadkine, ein Mann ohne Herz, der die Wunde bis heute offenhält. Rotterdam entschied sich damals gegen die Rekonstruktion und für das Risiko: Kein Wiederaufbau nach altem Vorbild, sondern ein Neuanfang, dessen Ausgang niemand kannte. Diese Entscheidung ist bis heute die DNA der Stadt. Und ist so progressiv, dass man sich in anderen europäischen Städten mehr davon wünschen würde. Wie man dieser Stadt am besten begegnet, zeigt sich erst unterwegs.

Wilhelminapier © Rotterdam Partners

Drei Tage, ein grober Fahrplan und genug Zeit für Abzweigungen.

Ankommen: Vom Bauhaus aufs Wasser

Eine sehr gute Übernachtungsmöglichkeit ist das Morgan & Mees, ein Boutiquehotel nur einen Steinwurf vom Nieuwe Binnenweg entfernt, jener belebten, multikulturellen Straße, die für Kunst, Vintage-Läden und kulinarische Vielfalt steht. Das Haus, ein Bauhaus-Bau von 1938, war früher Ausbildungsstätte, später Sitz des Regionalsenders RTV Rijnmond: zwanzig Zimmer, ein Penthouse, eine überdachte Terrasse, und viel vom Originalholz und den alten Fliesen, die man klug stehen ließ, statt alles glatt zu schleifen. Ein fantastisches, aber simples Frühstück gehört zum Zimmerpreis, Räder nicht, die sich aber problemlos leihen lassen. Und das lohnt sich: Rotterdams Radwege sind großzügig ausgebaut und getrennt vom Autoverkehr, was das Fahren spürbar entspannter macht als im notorisch überfüllten Amsterdam.

Wer sich am ersten Abend auf die Stadt einlassen will, fährt am besten mit dem Fahrrad hinüber zum Rijnhaven: Dort liegt das Café Putaine, ein schwimmendes Lokal mit einem Namen, der an die verrufene Vergangenheit des Hafenviertels erinnert. Die kleine Café-Karte reicht für den schnellen Teller, das Fünf-Gänge-Menü für den langen Abend. Das Lokal ist die kleine Schwester des Fine-Dining-Restaurants Héroine. Wichtig für alle, die nachreisen: Die jetzigen Betreiber schließen das Café Putaine Ende Juli 2026. Danach soll das Restaurant von neuen Besitzern weitergeführt werden. Wer das aktuelle Konzept noch erleben will, sollte sich also beeilen.

Café Putaine © Studio Unfolded

Der Schwan über der Maas 

Von dort ist es nicht weit zur Erasmusbrücke. 802 Meter lang, getragen von einem 139 Meter hohen, blassblauen Pylon, der der Brücke ihren Spitznamen einbrachte: de Zwaan, der Schwan. Am vierten September 1996 eröffnete Königin Beatrix nach sechs Jahren Bauzeit das 6.800 Tonnen schwere Bauwerk mit einer integrierten Klappbrücke, die noch immer als größte und schwerste ihrer Art in Westeuropa gilt, damit auch die großen Schiffe in den Hafen können.

Wer sie überquert, verlässt das historische Zentrum und betritt Kop van Zuid, früher Hafengebiet, heute internationales Schaufenster für Architektur mit weltberühmten Namen: Rem Koolhaas etwa, dessen Bau „De Rotterdam“ mit seinen leicht versetzten Türmen aussieht wie ein Stapel hochkant gestellter Bauklötze, oder Renzo Piano mit seinem KPN-Tower direkt am südlichen Brückenkopf.

Mitten zwischen diesen Neubauten wirkt das Hotel New York wie ein Fremdkörper, das einmal die Verwaltung der Holland-America-Linie beherbergte. Fast eine Million Auswanderer traten von hier aus die Überfahrt nach Amerika an, viele nahmen für immer Abschied, tränenreich genug, dass der Wilhelminapier den Beinamen „Taschentuchpier“ bekam. Heute ist das Haus Restaurant und Hotel, dessen hölzerne Drehtür, schmiedeeisernes Treppenhaus und bleiverglaste Fenster den Umbau zum Glück trotz allen Fortschritts überstanden haben.

Weiter Richtung Fluss, hinter der Rijnhavenbrücke, im Volksmund „De Hoerenloper“genannt, beginnt Katendrecht, einst Rotterdams berüchtigtstes Hafenarbeiter- und Rotlichtviertel, heute eines seiner  charaktervollsten Quartiere. Und zwischen Kop van Zuid und Katendrecht wächst schon das nächste Kapitel heran: Rijnhaven, ein völlig neues Viertel mit mehr als 3.000 Wohnungen und einem künftigen Stadtstrand mitten im Hafenbecken.

Migration und Museumsdepot 

Wer tiefer in Katendrechts Geschichte eintauchen will, findet sie am eindringlichsten im Museum Fenix, das vergangenes Jahr im Mai eröffnet hat und seither zu den meist beachteten Neubauten der Stadt zählt: Ein ehemaliges Hafenlagerhaus von 1923, das sich komplett dem Thema Migration widmet.  Herzstück ist der Tornado, eine 30 Meter hohe doppelte Wendeltreppe aus Stahl und Holz vom chinesischen Büro MAD Architects, gesäumt von 297 spiegelnden Edelstahlpaneelen, in denen man sich immer wieder selbst begegnet, während man aufsteigt.

Fenix © Iris Van den Boek

Wer das Museum verlässt, muss dafür nicht an Land bleiben: Keine fünf Gehminuten weiter, beim Hotel New York, legen die gelb-schwarzen Wassertaxis ab, die Katendrecht in wenigen Minuten mit dem Zentrum verbinden. Längst fährt ein Großteil der Flotte elektrisch, ein Boot sogar mit Wasserstoff. Nur pünktlich sollte man sein, denn gewartet wird auf niemanden.

Hotel New York © Iris van den Broek

Von der Anlegestelle sind es noch gut zehn Minuten zu Fuß bis zum Depot Boijmans Van Beuningen, dem weltweit ersten öffentlich zugänglichen Kunstdepot. Schon von außen ist der Bau schwer zu übersehen: Eine schüsselförmige, komplett verspiegelte Fassade, in der sich Park und Stadt brechen, gekrönt von einem begrünten Dachgarten mit Birken und Kiefern. Eine wahnsinnig eindrucksvolle Architektur, die für sich allein schon einen Umweg rechtfertigen würde. Statt kuratierter Ausstellungsstücke zeigt sich hier eine umfangreiche Sammlung mit über 150.000 Objekten aus mehr als 175 Sammlungsjahren, verteilt auf vierzehn klimatisierte Lagerräume. Es ist kein Museum im klassischen Sinn, sondern ein Blick hinter die Kulissen dessen, was Museum eigentlich bedeutet.

Depot Boijmans Van Beuningen © Willem de Kam

Um 17 Uhr schließt das Depot. Draußen steht die Sommersonne hoch, aber die Stadt schaltet langsam auf Feierabend um. Später, an der West-Kruiskade, ist das Café Marseille laut, voll und öffnet sich mit einer Terrasse zum Gehweg. Auf den Tellern landet Südfrankreich ohne Allüren: Panisse, Bouillabaisse, Confit de Canard. Gekocht wird mit dem, was die Region frisch hergibt, der Fisch stammt aus nachhaltigem Fang. Wer hier ohne Reservierung aufschlägt, steht sich oft die Beine in den Bauch.

Markt und Nachbarschaft 

Wer einen Samstag in der Stadt einplant, sollte ihn auf dem Noordplein beginnen, mitten im Oude Noorden. Hier findet jeden Samstag der Rotterdamse Oogstmarkt statt, eine Bauernmarkt-Idee mit klarer Grundregel: Man setzt die Zirkelspitze auf die Coolsingel und zieht einen Kreis von 50 Kilometern um die Stadt. Alles, was innerhalb dieses Radius wächst oder verarbeitet wird, zählt als Rotterdamse Oogst: Weintrauben aus dem Westland, Apfelsaft aus Rhoon, Sambal aus der Kaap, Schafssalami aus der Hoeksche Waard. Ganz so strikt wird die Grenze in der Praxis nicht gezogen, vereinzelt findet sich auch Vanille aus Madagaskar oder Öl aus Marokko im Angebot. Der Anspruch bleibt trotzdem klar: Möglichst kurze Wege zwischen Erzeuger und Teller, und ein Verkäufer, der noch weiß, woher die Ware kommt und meist gern davon erzählt.

Vom Markt ist es nicht weit ins Zwaanshalskwartier, ein paar Straßenzüge weiter: nachhaltige Modeboutiquen, Vintage-Läden, kleine Galerien, dazwischen Cafés: Wer Glück hat, trifft Maarten Reijgersberg in seinem Laden im BLAUWcc an. Der Gründer und Vorsitzende des Viertelvereins erzählt gern und ausführlich über die Geschichte ringsum: Über die Zeit, als das Viertel noch als Problemzone galt, und darüber, wie eine Handvoll Ladenbesitzer daraus in wenigen Jahren einen der interessantesten Straßenzüge der gesamten Niederlande gemacht haben.

Zwaanshalskwartier © Iris van den Broek

Praktisch für die Rückreise: Unweit vom Hauptbahnhof, serviert das Lunchcafé Multi Multi eine kleine, wöchentlich wechselnde Karte, geführt von Laurence van Bergeijk und Lieke van der Wel, die aus Jahren voller Pop-up-Konzepte und Catering-Projekte wissen, wie man aus wenigen, guten Zutaten viel macht. Ein guter letzter Stopp vor der Abreise.

Praktisch: Die Rotterdam City Card 

Wer mehrere Tage bleibt, kommt an ihr kaum vorbei: Mindestens 25 Prozent Rabatt auf Museen, Touren und Restaurants, dazu unbegrenzte Fahrten mit Tram, Bus und Metro. Wahlweise für ein, zwei oder drei Tage.

Dieser Beitrag ist in Kooperation mit Rotterdam Partners entstanden. 

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