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Personal 22. August 2018

Raus aus dem Hamsterrad

Folgendes Szenario: Ich habe mich mit einem Freund zum Abendessen verabredet. Interessant dabei ist vor allem, dass wohl jeder von euch einen solchen Freund hat. Was für einen Freund werdet ihr euch denken? Nennen wir ihn einfach mal Lukas.

Lukas habe ich seit einiger Zeit nicht mehr gesehen. Meistens kam etwas dazwischen. Zu viel Arbeit beispielsweise. Doch bereits nach wenigen Minuten scheint alles wie immer. Lukas hat das Gespräch an sich gerissen und beginnt wie so oft, wenn wir uns sehen, vorwiegend darüber zu sprechen, wie wahnsinnig genervt er von seinem Job und der Arbeitswelt ist. Lukas ist ein toller Mensch, sonst würde er schließlich nicht zu meinen Freunden zählen. Doch sein Jammern ist symptomatisch für unsere Zeit, vielleicht für unsere Gesellschaft. Und der Grund, wieso ich diesen Text schreibe.

Vor mittlerweile fast fünf Jahren habe ich für meinen Blog den Beinamen „Bohème“ gewählt. Wer „Bohème“ bei Wikipedia eintippt erhält folgende Begriffserklärung: „(…) ungebundenes, ungezwungenes Künstlerdasein.“ Ja, ungezwungen und ungebunden. Zwei Eigenschaften, die ich wahnsinnig wichtig finde.

Jedes Mal, wenn ich Lukas vorschlage, dass es für Ihn vielleicht an der Zeit ist, dem Angestelltenverhältnis zu entfliehen, schlägt er reflexartig die Hände über dem Kopf zusammen und gibt mir zur Antwort, dass man ja heutzutage damit zufrieden sein muss, einen festen Job zu haben und eine Wohnung, wo sich doch so viele Menschen gerade danach sehnen. Auf die Frage hin, ob er seinen Job eigentlich gerne macht, schüttelt Lukas mit dem Kopf. „Ich mache meinen Job halt“, weil mir nichts anderes übrig bleibt. Lukas hat BWL und Kommunikationswissenschaften studiert, ist Anfang 30, hat eine tolle Freundin, lebt in einer 100 qm großen Altbauwohnung im Prenzlauer Berg und möchte Kinder. „Zwar nicht gleich, vielleicht bei der nächsten Gehaltserhöhung“, so Lukas.

Okay, sicher, das Leben ist nicht einfach. Das möchte ich an dieser Stelle auch gar nicht behaupten. Aber eine Frage, die ich mir seit Jahren stelle, mal mehr, mal weniger, ist, wieso wir trotz unseres gigantischen Reichtums, den unsere „moderne“ Gesellschaft angehäuft hat, wir dennoch in einer geistigen Armut vor uns hinvegetieren und Dinge tun, die eigentlich so gut wie gar nichts mit unseren persönlichen Vorlieben zu tun haben? Viele von uns fügen sich freiwillig und sehen keine Alternativen mehr.

Doch gerade im Internet, oft auch im Freundeskreis, finden wir zahlreiche Beispiele, dass es durchaus andere Lebensmodelle und Arbeit gibt und die Möglichkeit besteht, einen wesentlich angenehmeren Platz in der Welt einzunehmen als im Hamsterrad. Die Kritiker unter euch werden nun sicherlich rufen, dass man über den noch so langweiligsten Job glücklich sein sollte, da in der ausgebeuteten Dritten Welt die Menschen für unsere Möglichkeiten töten würden.

Ich gehöre zu der Gruppe von Menschen, die sich bewusst gegen das Modell entschieden hat, im Hamsterrad zu verharren. Ja, ich bin sogar der Meinung, dass es nicht nur dumm, sondern sogar falsch ist, etwas zu tun, was man nicht leidenschaftlich mag. Sich Tag für Tag wie Lukas einer Situation zu fügen, in der seine Talente verschleudert werden und Tage wie Hürden genommen werden müssen, ist traurig, fast schon armselig.

Bitte versteht mich nicht falsch: Garantiert gibt es Menschen, ich kenne gerade mal eine Handvoll, die exakt mit der Geschäftspolitik ihrer Firma übereinstimmen und für die es völlig in Ordnung ist, sich ihrem Chef unterzuordnen, um dafür vermeintliche Sicherheit zu bekommen. Ich glaube, wissen kann ich es nicht, dass die Mehrheit von uns einen Weg beschreitet, der uns von der Schule, unsere Bekannten und unserer Familie sowie Kollegen vorgeschrieben wird, eingezwängt in bestimmte Rollenmuster, die unseren wahren Bedürfnissen nicht entsprechen.

Wer jetzt der Meinung ist, dass mein Denken selbstsüchtig, engstirnig, hyperindividualistisch und auch wahnsinnig privilegiert ist, hat sicherlich irgendwie recht. Doch ich bin auch davon überzeugt, dass es völlig legitim ist, sich auf die bewusste Verwirklichung der eigenen Wert und seines Lebensstils zu konzentrieren. Gerade in unserer Welt, in der es eben möglich ist, sollte es doch erlaubt sein, so viele Lebensweisen auszuprobieren, bis man die für sich passende gefunden hat? Aber so wie Lukas tun das – so zumindest mein Eindruck – noch zu wenige Menschen. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass eine ganze Reihe Menschen nach dem strebt, was gerade angesagt ist. Oder eben das tut, was erwartet wird. Aber von wem eigentlich?

Lukas meint immer, wenn ich ihn frage, wieso er noch nicht gekündigt hat, dass ihm seine Arbeit teilweise gleichgültig geworden ist. Und, dass er zumindest am Abend und am Wochenende noch genügend Zeit hat, einen Bruchteil des Lebens zurückzuholen, das er eigentlich führen will. Ich bin dankbar, dass ich u.a. durch meine Arbeit als Journalist in der Vergangenheit zahlreiche Menschen kennenlernen durfte, die mir gezeigt haben, dass es möglich ist, seine Energie für sich zu nutzen und damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Der Mensch ist nämlich in der Lage, originelle und wertvolle Dinge zu schaffen, wenn er nicht permanent gezwungen wird, seine Zeit irgendwelchen ausschließlich geldorientierten Unternehmen zu opfern.

Wer die klassische Arbeitswelt hinterfragt, stellt sich gleichzeitig auch immer die Frage „Wie sollen und wollen wir leben?“

Lukas hat mich vor wenigen Tagen angerufen. Er hat seinen Job in einer Berliner Kommunikationsagentur gekündigt und möchte ab sofort das machen, was er am besten kann: Schreiben. Auch wenn es nicht leicht wird, habe ich Lukas schon lange nicht mehr so euphorisch sprechen gehört. Ich bin mir sicher, dass es klappen wird…

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