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Feuilleton Fotografie Kunst 31. August 2015

Begegnungen mit Juri Gottschall

Mir persönlich haben urbane Bilder und Fotos ohne Menschen schon immer gut gefallen. Sei es beispielsweise ein verlassener Platz, eine verfallene Architektur oder schlicht die Oberflächenstruktur einer Hauswand. Die Schönheit im Unscheinbaren gewissermaßen. Dabei fielen mir besonders die Fotoserien des Münchner Fotografen und Gewinner einiger renommierter Fotowettbewerbe Juri Gottschall auf. Egal ob leerstehendes Parkhaus, Hotel im Abrisszustand, das typische Restaurant am italienischen Belvedere oder ein städtisches Schaufenster – Juris Bilder laden ein, sich die Geschichten hinter den Bildern selbst zu erzählen und ziehen damit den Betrachter in den Bann.

Wir sind stolz, einiger seiner Bilder und Sujets auf Blog Bohème vorstellen zu dürfen.

Der Mensch als Randerscheinung

In seinen unaufgeregten und ehrlichen Arbeiten gelingt es dem Fotokünstler Architekturen des Alltags in all ihren Erscheinungsformen abzubilden. Personen tauchen darin meist nur am Rande auf. Schließe ich die Augen und denke an Juris Bilder, fallen mir sofort seine Aufnahmen von Parkhäusern in München und anderen urbanen Architekturen ein. Hier geht es nicht nur um ein Bild, das vor meinem inneren Auge entsteht. Nein. Da ist auch ein Gefühl. Ist es Freiheit? Melancholie? Oder sogar Einsamkeit? Schwer zu sagen. Juri meint: „Schon immer faszinieren mich große, leere, aber trotzdem bebaute Flächen, die zwar allgemein nicht als „schön“ empfunden werden, aber eine große Freiheit und Ordnung ausstrahlen.“ Dabei geht es dem Fotografen hauptsächlich darum, gesellschaftliche Phänomene, Entwicklungen und Ideen aufzuzeigen. Seiner Meinung nach lässt sich sehr viel mehr über die Menschen erfahren, wenn man genau betrachtet, was sie bauen und hinterlassen, als wenn man sie selbst fotografiert. „Die Parkhäuser habe ich ja z.B. besonders mit der These fotografiert, dass diese innerstädtischen Dinosaurier bald aussterben und gerade in München Innenstadtlagen immer seltener, begehrter und teurer werden. Heute würden diese niemals mehr für Parkhausprojekte verschwendet werden. Damals, als die Dinger gebaut wurden, hat man da noch anders gedacht. Da waren Autos das Maß aller Dinge – und man hat ihnen die besten Lagen in der Stadt gewidmet. Das ist heute vorbei.“ Übrigens: die Parkhäuser sind in einem eigenen Buch erschienen, dem jeweils ein Original-Abzug beiliegt.

Aus der Serie "Parkhäuser in München" © Juri Gottschall
Aus der Serie „Parkhäuser in München“ © Juri Gottschall
Aus der Serie "Parkhäuser in München" © Juri Gottschall
Aus der Serie „Parkhäuser in München“ © Juri Gottschall
Niemandsland? © Juri Gottschall
Aus der Serie „Architektur“ © Juri Gottschall
Aus der Serie "Architektur" © Juri Gottschall
Aus der Serie „Architektur“ © Juri Gottschall
Aus der Serie "Architektur" © Juri Gottschall
Aus der Serie „Architektur“ © Juri Gottschall

Urbane Show-Fenster

Wer was verkaufen will, muss sich schick machen. In Zeiten von E-Commerce, wo Waren digital auf diversen Shopping-Portalen perfekt präsentiert werden können, muten Schaufenster schon beinahe steinzeitlich an. Und oft ganz und gar nicht perfekt. Das macht aber wohl auch ihren ganz eigenen Charme aus – haben hier doch noch echte Menschen Hand angelegt, um ihre Waren feilzubieten. Dabei entstehen oft bewusst oder unbewusst Geschichten hinter Glas, die zur Betrachtung einladen. Für die Süddeutsche Zeitung hat Juri besonders auffällige Schaufenster in München fotografiert. Da wäre beispielsweise das Schaufenster eines Farbengeschäfts, wo zwischen falschen Seerosen „Blitzzement“ und „Holzimprägniergrund“ in einem Meer aus blauem Kunststoff schwimmen. Darin stehen drei Flamingos, die in pinken Eimern drei Tuben „Fugen-Spachtelmasse“ präsentieren. Auch kreativ: Ein Waffengeschäft, das passend zum Frühling Handfeuerwaffen und Maschinengewehre zwischen Krokussen drapierte. Daneben sitzen kleine Eulen auf blühenden Baumästen. „Ein Idyll – wenn auch sicherheitshalber lieber hinter Gittern“, wie Juri behauptet.

Aus der Serie "Schaufenster" für die Süddeutsche Zeitung © Juri Gottschall
Aus der Serie „Schaufenster“ für die Süddeutsche Zeitung © Juri Gottschall
Aus der Serie "Schaufenster" für die Süddeutsche Zeitung © Juri Gottschall
Aus der Serie „Schaufenster“ für die Süddeutsche Zeitung © Juri Gottschall
Aus der Serie "Schaufenster" für die Süddeutsche Zeitung © Juri Gottschall
Aus der Serie „Schaufenster“ für die Süddeutsche Zeitung © Juri Gottschall

Italien und Eisbecher

Italien ist ein schönes Land. Das findet auch Juri und hat es deshalb zum Sujet gewählt. Anders aber als die Bilder im Reiseführer oder auf diversen Travel-Blogs mit ihren Fotos von Sehenswürdigkeiten, lokalen Köstlichkeiten oder besonders schicken Hotels zeigt der Fotograf uns sein eigenes, ganz persönliches Italien. Ähnlich zu seinen Architekturen, geht es ihm darum, Geschichten zu erzählen und gleichzeitig Bilder zu erschaffen, die man als Kunst betrachten oder an die Wand hängen möchte. Auch hier liegt das Besondere im scheinbar Unscheinbaren verborgen. Menschen spielen dabei keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Im Vordergrund steht die Stimmung. „Während meiner Reisen nach Italien versuche ich in diesen Bildern die Wärme des Südens, die Schönheit und auch die Verlorenheit eines Landes zu dokumentieren. Ganz bewusst verzichte ich dabei auf technische Raffinessen und begehe diese Reisen nur mit einer einzigen analogen Kamera. Ebenfalls verzichte ich auf Porträts von Menschen und auf die Abbildung markanter, bekannter Landschaften und Gebäuden. Personen sind auf meinen Bildern nur Beiwerk”, so der Fotograf.

Auch Juris jüngste Serie Fresco, Fresco dürfte im italienischen Kontext zu sehen sein. Diese hat sich dem kulinarischen Phänomen des Eisbechers und seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen gewidmet. Herausgekommen sind Fotografien, die wohl mehr „Food Art“ als ordinärer Essensporno sind. Sie sehen einfach zu schön aus, als dass man die gezeigten Objekte einfach nur verspeisen möchte. Der Eisbecher als Kunstwerk – ein echter Augenschmaus. Die Eisbecher sind als exklusive limitierte Edition auf http://www.frescofresco.de erhältlich.

Aus der Serie "Italia" © Juri Gottschall
Aus der Serie „Italia“ © Juri Gottschall
Aus der Serie "Italia" © Juri Gottschall
Aus der Serie „Italia“ © Juri Gottschall
Aus der Serie "Italia" © Juri Gottschall
Aus der Serie „Italia“ © Juri Gottschall
Aus der Serie "Fresco, Fresco" © Juri Gottschall
Aus der Serie „Fresco, Fresco“ © Juri Gottschall
Aus der Serie "Fresco, Fresco" © Juri Gottschall
Aus der Serie „Fresco, Fresco“ © Juri Gottschall

Zu Juri Gottschall: Neben seiner Arbeit als freischaffender Fotograf ist Juri hauptsächlich für jetzt.de, das junge Magazin der Süddeutschen Zeitung tätig.

Mehr seiner Arbeiten gibt es hier.

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