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Best Of Europa Travel 14. Juni 2017

Montenegro, die Stadt Kotor und die Herausforderung des Tourismus

Nur wenige Meter von dem Eingang der Sankt-Tryphon-Kathedrale entfernt, steht ein Straßenmusiker, der ein Lied anstimmt. Massenweise Touristen strömen an Ihm vorbei, um die größte noch erhaltene romanische Kirche der östlichen Adriaküste in Kotor zu besichtigen. Manch einer wirft etwas Kleingeld in den Gitarrenkoffer, der vor Andrej, so der Name des Musikers, steht. Andere hingegen huschen mit ihren teuren Spiegelreflexkameras an Ihm vorbei, um möglichst schnell ein Erinnerungsfoto zu knipsen, bevor es für jene wieder zurück auf das Kreuzfahrtschiff geht, das nur wenige Meter vom Stadttor vor wenigen Stunden angelegt hat. 

Der englische Dichter Lord Byron schrieb einst: „Als unser Planet entstand, muss sich die schönste Begegnung zwischen Meer und Land an der montenegrinischen Küste zugetragen haben.“ Andrej stimmt ein weiteres Lied an: Od druga do druga“, so der Titel, wie er mich wissen lässt und von seinem größten musikalischen Vorbild Miladin Šobić im Original stammt. 

Kotor ist, so wie auch das Land Montenegro ein wahrlich zauberhafter Ort auf dieser Welt. Eng stehen die Häuser der Altstadt nebeneinander. Maximal zwei Meter breit sind die namenlosen Gassen, die sich zu etlichen unregelmäßigen Plätzen, die nach den Geschäften heißen, die in alten Zeiten dort betrieben wurden, öffnen: Salzplatz, Holzplatz, Mehlplatz, Waffenplatz. Vier Stockwerke reichen die aus Kalksteinquadern gefügten Fassaden von Bürgerhäusern und kleinen Stadtpalästen hoch. Zahlreiche Katzen streunen durch die Gassen und schenken den Gruppen an Touristen, die sich durch die Gassen schieben, kaum Beachtung.

2000 Stufen später, blicke ich vom heiligen Iwan, jener Berg über dem Ort Kotor auf die „Boka Kotorska“, die Bucht von Kotor und verstehe allmählich, was Lord Byron wohl gemeint haben muss. Eine smaragdgrüne Wasseroberfläche liegt mir zu Füßen, schroffe, steile und grüne Felsenwände, die typisch orangefarbenen, venezianischen Dächer der Altstadt Kotors. Und ein riesiges Kreuzfahrtschiff, das den Blick auf die Natur zugegebenermaßen etwas trübt. Allmählich leuchtet mir auch ein, weshalb Lonely Planet Kotor auf die Liste der Top Städte bzw. Destinationen im vergangenen Jahr setzte.

Knapp zwei Stunden später begegnete ich wieder Andrej, der unweit des Hotel Marija immer noch auf seiner Gitarre spielt und „If you see her, say hello“ von Jeff Buckley singt. Wir trinken gemeinsam eine Tasse Kaffee und er erzählt mir mehr über sein Land. Stolz lässt er mich wissen, dass Kotor 1979 zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Er erzählt mir, dass jedes Jahr mehr Touristen kommen und er Angst davor hat, dass Kotor seinen Charme verlieren könnte. Andererseits Montenegro aber vom Tourismus, sofern er nachhaltig gedacht wird, nur profitieren kann. Wir sprechen über die unfassbare Schönheit des Landes, über die zahlreichen Traumstände, den bergigen Norden, das gute und üppige Essen und über die Tara, die zweittiefste Schlucht der Welt nach dem Grand Canyon.

Andrej zieht einen Zettel aus seiner Tasche und schreibt mir seine Telefonnummer sowie sein Lieblingslied auf: „Kad bi došla Marija“ von Miladin Šobić. Wir umarmen uns. Montenegro ist nicht nur ein wunderschönes Land, sondern auch ein Land mit unfassbar herzlichen Menschen.

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