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Personal 10. April 2017

Inspired by Eed be Eed und Ahmad Denno

Mitten in der Diskussion um Integration gründen Journalisten aus Syrien und dem Irak, selbst gerade erst als Geflüchtete nach Deutschland gekommen, in Berlin kurzerhand ein Magazin, das genau dazu beitragen soll. Eed be Eed (deutsch: Hand in Hand) behandelt in arabischer Sprache Themen rund um Alltag und Kultur in Berlin und will eine Brücke zwischen Geflüchteten und Einheimischen bauen. Das Ziel ist kein geringeres als Integration schneller und einfacher zu machen. Gerade ist das Team dabei, den Sprung von einer reinen Onlinepräsenz zum Printmagazin zu machen und über Crowdfunding die erste gedruckte Ausgabe zu finanzieren. Bis zum 15.4. werden über Startnext Unterstützer gesucht. Angestoßen hat das Projekt der 26 jährige Syrer Ahmad Denno. Wir wollten mehr wissen. Zeit für eine neue Folge „Inspired by“.

Ahmad, du bist Anfang 2015 von Aleppo nach Deutschland gekommen. Ein gutes Jahr später warst du schon dabei, ein Magazin für Geflüchtete auf den Weg zu bringen. Wie ist es dazu gekommen?

Als ich Anfang 2015 in Berlin ankam, kannte ich niemanden. Ich wohnte in einer der Notunterkünfte, konnte kein Deutsch. Mein Glück war, dass ich Englisch sprach und mich so in Berlin recht schnell zurechtfinden konnte. Andere Geflüchtete, die nur ihre Muttersprache kannten, hatten da größere Probleme. Dies ging schon bei kleinen Alltagsfragen los: Wie finde ich einen Arzt? Wo kann ich Deutsch lernen? Wie finde ich mich in der neuen Kultur zurecht? Wenn man nichts versteht und nicht weiß, wohin man sich wenden soll, igelt man sich schnell ein. Viele Geflüchtete blieben fast den ganzen Tag in den Unterkünften – sie wussten einfach nicht, wohin sonst. Im schlimmsten Fall endet solch eine Phase mit Frustration und Hoffnungslosigkeit. Um zu helfen, fing ich an, meine Handynummer an andere Geflüchtete weiterzugeben. Irgendwann klingelte mein Handy ununterbrochen. Da wusste ich, dass wir etwas tun mussten. Dies war die Geburtsstunde von Eed be Eed.

Wie wurde aus der Idee ein Magazin?

Allein in Berlin leben zehntausende Flüchtlinge. Es brauchte also eine Lösung, die viele Menschen erreicht. Gleichzeitig mussten wir eine verlässliche Quelle schaffen. Es gab schon damals viele Facebook-Gruppen, über die sich aber auch leicht Gerüchte, veraltete und falsche Informationen verbreiteten. Da durchzusehen, war fast unmöglich. Es sollte auch nicht um eine pure Informationsweitergabe gehen, vielmehr wollten wir Anknüpfungspunkte schaffen, damit die Menschen raus aus den Unterkünften und in Kontakt mit Berlinern kamen. Es war klar, dass es dafür ein Medium brauchte. Durch ehrenamtliche Arbeit kannte ich viele Initiativen und auch Berliner Behörden bereits gut. Außerdem hatte ich Kontakt zu Journalisten aus Syrien und dem Irak, die ebenfalls helfen wollten sowie Webdesignern und Grafikern. Gemeinsam verwirklichten wir ein Onlinemagazin, das Ende 2016 in einer kleinen Version erstmals online ging. Inzwischen haben wir das Angebot weiter verbessert und erhalten tausende Zugriffe. Da in Berlin aber zehntausende Geflüchtete leben und nicht immer alle einen Internetzugang haben, wollen wir das Magazin jetzt drucken und kostenfrei an Geflüchtete verteilen.

Wie kann ein arabischsprachiges Magazin Integration vorantreiben?

Deutsch zu sprechen, hilft enorm. Das Erlernen dauert aber Monate. Was passiert in dieser Zeit? Unserer Meinung nach sollte man wertvolle Zeit bei der Integration nicht wegen Sprachbarrieren verschenken. Viel besser ist es doch, parallel zum Erlernen der Sprache auch immer mehr über das neue Land zu lernen und sich über bestehende Hilfsinitiativen bereits mit Einheimischen zu vernetzen. Dieser Brückenschlag funktioniert am Anfang aber nur, wenn man die entsprechenden Informationen in der Muttersprache weitergibt.

Kaum angekommen solch ein Projekt zu starten, scheint mutig. Hast du in deiner Heimat schon einmal etwas Ähnliches angestoßen?

In diesem Umfang nicht, nein. In Aleppo studierte ich und arbeitete im Marketing für einen Verlag. Diesbezüglich verfüge ich also über entsprechende Erfahrung. Der größte Antrieb, ein solches Projekt zu starten, war aber die Verzweiflung unter den Geflüchteten, die ich sah und der ich begegnen wollte. Ich konnte da nicht daneben stehen, ohne etwas zu tun.

Das alles klingt irgendwie nicht nach einem Teilzeit-Job. Wie viel Zeit steckst du in das Projekt?

Eine 40 Stunden Woche ist das nicht, eher das doppelte. Nicht nur bei mir, auch bei den anderen Teammitgliedern, ist das Arbeitspensum schon oft sehr groß, vor allem, da dies bei vielen ja als Zusatz neben dem regulären Alltag und Job läuft. Aber das Feedback ist enorm! Das motiviert, weiterzumachen, auch wenn es manchmal schwierig ist.

Wo liegen die Herausforderungen?

Da wären zum einen bürokratische und rechtliche Themen, dies ist, neu in Deutschland, nicht immer leicht. Ohne die Unterstützung von deutschen Teammitgliedern, hätten wir beispielsweise die Gründung eines gemeinnützigen Vereins wohl kaum schon geschafft. Zum anderen ist die Finanzierung ein Dauerthema: Das gesamte Team hinter Eed be Eed, das sind über 30 Leute unterschiedlicher Nationalitäten, arbeitet ehrenamtlich. Ausgaben für Technik und Drucke versuchen wir über Spenden und Stiftungsgelder zu finanzieren. Wir wollen die Finanzierung aber insgesamt auf sicherere Füße stellen, um zumindest den Journalisten eine Aufwandsentschädigung bezahlen zu können. Wir wollen ihnen eine Möglichkeit geben, in Deutschland wieder journalistisch zu arbeiten und dadurch auch ein gewisses Einkommen zu erzielen. Das wäre großartig.

Es klingt, als habt ihr viel vor? 

Unbedingt! Neben dem Aufbau des Magazins arbeiten wir auch daran, geflüchtete Journalisten im deutschen Mediensystem weiterbilden zu können. Außerdem planen wir gerade verschiedene Aktivitäten, darunter eine Veranstaltungswoche, die über Kunst und Kultur Berliner und Geflüchtete vernetzen. Und dann gibt es noch einige weitere Ideen. Wir müssen uns hier manchmal selbst bremsen und einen Schritt nach dem anderen zu gehen.

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