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Feuilleton Kunst 2. November 2016

Würdigung und Ablehnung eigener Vorbilder: Die Kunst von Gen Atem

John Lennon sitzt an einem weißen Flügel und spielt vermutlich gerade seinen Song „Isolation“. Die Fotografie ist zur Hälfte mit roter Farbe überstrichen. Es wirkt so, als wäre direkt über der Fotografie ein roter Farbbeutel geplatzt. Bei genauerem Hinsehen nimmt man ein Porträt mit offenem Mund und leicht geöffneten Augen war: Es handelt sich um Muammar al-Gaddafi. Die Fotomontage aus der Reihe „Royal Blood“ aus dem Jahr 2014 stammt von dem Schweizer Künstler Gen Atem. Weitere Arbeiten zeigen Marie Antoinette und Amy Winehouse oder Salvador Dali und Hillary Rodham Clinton.

Meine Lieblingsarbeiten. Die Rede ist von Gen Atems „Ikonoklast Futurism“ oder „Meditated Vandalism“ wie er es nennt. In diesen Arbeiten beschäftigt er sich sowohl mit der Ambivalenz von Würdigung und Ablehnung eigener Vorbilder als auch mit dem Phänomen des kollektiven Götzentums und Shitstormings gegenüber den Popikonen und Pseudo-Selfie-Celebrities der Gegenwart.

„Normalerweise tritt man jemandem in den Hintern, um ihn dazu zu bewegen, etwas zu tun. Ich trete mir selbst in den Hintern, um mich dazu zu bewegen, nichts zu tun – das ist meine Meditation“, so Gen Atem.

Jimi Hendrix, 2013 © Gen Atem
Jimi Hendrix, 2013 © Gen Atem

Seit den frühen 80er Jahren ist Gen Atem als Sprayer aktiv und platzierte seine Werke auf U-Bahnwagen, Wänden und unzähligen anderen Orten und Objekten im öffentlichen Raum in New York und den Städten Europas. Knapp zehn Jahre war der New Yorker Künstler Rammellzee sein Mentor und setzte mit ihm diverse Ausstellungen und Performances in New York und Amsterdam um. In den letzten Jahren realisierte Gen Atem viele Einzel- und Gruppenausstellungen in Tokyo, Istanbul, Zürich, Paris und New York. Ein Thema seiner Arbeit: „Identität“, die stets im Fokus steht. Fragestellungen wie „Weshalb schreibt jemand seinen Namen auf U-Bahnen und Mauern? Wofür steht ein Name? In welchem Verhältnis stehen öffentlicher Raum und privates Eigentum? Wann ist Urban-Art wirklich Kunst und wann Vandalismus?« prägten seine Anfangsjahre.

Tiefergehende philosophischen Auseinandersetzungen folgen. Gen Atem unterbricht Mitte der 1990er-Jahre seine künstlerische Tätigkeit und tritt für sieben Jahre in ein buddhistisches Kloster ein. Als Mönch und Zen-Priester verbringt er seine Zeit mit Meditation und Studien der östlichen Psychologie und Phänomenologie. Als er seine künstlerische Arbeit in den 2000er-Jahren wieder aufnimmt, entstehen eben jene Porträtserien wie „Ikonoklast Futurism“ oder „Meditated Vandalismus“, die (für mich) sein Gesamtwerk so spannend machen.

Africa Bambaataa, 2013 © Gen Atem
Africa Bambaataa, 2013 © Gen Atem

Die kürzlich erschienene Publikation „Meditated Vandalism“ zeigt mehr als 180 Arbeiten der verschiedenen Zyklen Gen Atems und lädt zum Entdecken ein. Begleitende Texte ohne die Gen Atems Arbeit wohl schwierig zu verstehen wäre, geben Anregungen und Hintergrundinformationen.


Gen Atem: „Meditated Vandalism“

Texte von Gen Atem, Rémi Jaccard, Gestaltung von Miriam Bossard

Deutsch, Englisch; 2016. 200 Seiten, 188 Abb. Hatje Cantz

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