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Lifestyle Personal Vegetarian / Vegan Food 2. April 2015

Mehr Vielfalt im Supermarkt und weniger Uniformität

Vor einigen Wochen habe ich hier auf Blog Bohème über Foodsharing geschrieben. Vielleicht kann sich ja der ein oder andere noch erinnern? Leider bin ich in letzter Zeit nicht dazugekommen, weitere Rezepte zusammenzustellen. Auch wenn ich immer mal wieder aus „geretteten“ Lebensmitteln etwas tolles gekocht habe. Meinen Gästen und Freunden hat es immer geschmeckt.

Übrigens: natürlich gibt es neben mir noch viele weitere Menschen, die aus geretteten Lebensmitteln wahnsinnig tolle Gerichte kochen. Und das sicherlich viel besser als ich. Valentin Thurn und Gundula Oertel haben das Kochbuch „Taste the Waste“ schon im Jahr 2012 herausgegeben. Mein Geheimtipp sozusagen, wenn es um das Verwerten von Lebensmitteln geht, die zu oft grundlos in der Mülltonne landen.

Hier einige lesenswerte Zeilen über das Buch: „Rebellische Geister am Herd Rezepte für den kulinarischen Widerstand – von Mülltauchern und Spitzenköchen: ein Kochbuch zum Dokumentarfilm »Taste the Waste« und dem Band »Die Essensvernichter« – von Essensrettern für alle, die sich dem Kampf gegen Verschwendung und Geringschätzung von Lebensmitteln genüsslich anschließen wollen.Die Köche und Köchinnen, die an diesem Buch mitwirken, sind für verantwortungsvollen Genuss bis zum letzten Krümel und halten Verschwendung für eine der schlimmsten Unsitten der Wegwerfgesellschaft. Irgendwann ist deshalb jeder von ihnen auf seine Art zum »Essensretter« geworden. Da ist der Aktionskoch Wam Kat, der rettet, was die Bauern sonst liegen lassen, die Fernsehköchin Sarah Wiener, die in ihren Kochkursen Kinder den Wert der Lebensmittel sinnlich erfahren lässt. Die Mülltaucherin Talley Hoban, die eine Tauschbörse für Lebensmittel aufbaut. Die »Mundräuber«, die zur Ernte von herrenlosem Obst aufrufen. Der österreichische Spitzenkoch Tom Riederer, der Delikatessen aus dem macht, was andere für Abfall halten. Der Kräuterkoch Peter Becker, der seine Zutaten auf Wiesen und Bäumen in der Stadt sammelt. Dazu als Fotograf der Künstler Uli Westphal, der den kosmetischen Perfektionswahn im Supermarkt mit seiner Fotoserie »Mutatoes« konterkariert und uns dadurch die Obst- und Gemüsevielfalt wieder nahebringt. Und schließlich unsere Großmütter, die uns ihre Kunst weitergegeben haben, selbst aus Resten wunderbare, neue Köstlichkeiten zu erfinden!“

Cultivar_Series_-_Lycopersicum_III
© Uli Westphal

Wie sicherlich der ein oder andere weiß, gibt es mehrere Gründe, wieso Supermärkte Lebensmittel entsorgen. Zum einen, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Man vergisst dabei jedoch völlig, dass jene Lebensmittel noch problemlos zum Verzehr geeignet sind. Ich würde mir wirklich wünschen, dass diese maßlose Überproduktion endlich ein Ende hat. Zum anderen, weil Obst und Gemüse gewissen Standards (Form, Größe, etc.) entsprechen muss. Vor wenigen Tagen konnte ich meinen Augen nicht trauen: während ich Gemüse und Obst einkaufte, bemerkte ich, wie ein Angestellter des Supermarkts unzählige Früchte, sowie Karotten, Gurken, rote, gelbe und grüne Paprika aussortierte. Der Angestellte ließ mich wissen, dass seine Aufgabe darin besteht, Obst und Gemüse auszusortieren, welches nicht mehr ganz so schön aussieht oder merkwürdigen Standards widerspricht und die ein oder andere kleinere Druckstelle besitzt. Der Großteil davon landet in der Biotonne, ließ mich der Angestellte wissen. Wenigstens geht manches davon an soziale Einrichtungen und an die Tafeln. Eigentlich ist aber fast alles davon noch genießbar.

Cultivar_Series_-_Cucumis_sativus_I
© Uli Westphal

Wieso eigentlich? Sind wir als Verbraucher wirklich so scharf auf Obst und Gemüse, das immer gleich aussieht, makellos und perfekt ist? Also ich nicht. Schmecken muss es. Da sind wir uns einig. Und ich für meinen Teil: mich langweilt diese Monotonie und Uniformität der Supermärkte. Und zunehmend gestaltet sich das auch immer mehr in Bio-Supermärkten. Und die Wegwerfgesellschaft ist sowieso ein Verbrechen.

Immer, wenn ich Zeit habe, versuche ich auf lokalen Märkten einzukaufen. Dort kommt es immer mal wieder vor, dass ich Obst und Gemüse in die Finger bekomme, welches völlig anders aussieht als konventionelles Obst und Gemüse. Aber auch das wird zunehmend seltener. Ein Beweis dafür, wie strikt die Lebensmittelindustrie ist. Außerdem gibt es unzählige Gemüsesorten, die nicht mehr angebaut werden, weil sie nicht den Standards der Industrie genügen. Unfassbar. Mit dieser unreflektierten Entwicklung der Lebensmittelindustrie verlieren wir nicht nur eine spannende biologische Vielfalt, sondern auch ein kulturelles und kulinarisches Erbe.

Cultivar_Series_-_Phaseolus_vulgaris_I
© Uli Westphal

Jenes Thema beschäftigt auch den Künstler Uli Westphal seit einigen Jahren. Seit 2006 arbeitet er an seiner Serie „Mutatoes“ und seit 2010 an den „Cultivar Series“. Seine Fotografien sind der beste Beweis dafür, wie schön Gemüse und Obst ist, welches keinen merkwürdigen Standards entsprechen muss.

„Das Mutato-Archiv ist eine fotografische Sammlung nicht-standardisierter Früchte, Knollen, Pilze und Gemüse die eine schillernde Vielfalt an Formen, Farben und Texturen aufweisen.Die vollständige Abwesenheit botanischer Anomalien in unseren Supermärkten lässt uns die Gleichförmigkeit von dort präsentiertem Obst und Gemüse als natürlich erscheinen. Obst und Gemüse ist zu einem monotonem, hochgradig stilisiertem Produkt geworden.“, wie er selbst sein fotografisches Projekt umschreibt.

Mutatoes_-_Overview
© Uli Westphal

Es ist Zeit endlich darüber nachzudenken, ob wir diese Uniformität überhaupt wollen? Ich auf jeden Fall nicht. Und ganz viele weitere Menschen ebenso, wie zum Beispiel das Projekt „Culinary Misfits“ beweist.


Das Buch „Taste the Waste“ ist bei Kiepenhauer & Witsch erschienen. 

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