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Feuilleton Literatur 12. Februar 2018

Literarisches Sixpack mit Valerie Fritsch

Anja Kümmel schrieb auf ZEIT Online über Valerie Fritschs „Winters Garten“ folgendes: „Eines kann man (ihrem) Suhrkamp-Debüt „Winters Garten“ schon mal nicht vorwerfen: Mittelmäßigkeit. Bereits die ersten Seiten des schmalen Romans beschwören die ganz großen Themen: das Schicksal, die Liebe, den Tod, den Lauf der Gezeiten.“ Zwei Jahre hat es nun gedauert, dass wir Valerie für unser „Literarisches Sixpack“ gewinnen konnten. Denn was gut werden soll, braucht seine Zeit.

1.) Swetlana Alexijewitsch: Der Krieg hat kein weibliches Gesicht

Es sind die Geschichten, Erinnerungen, Biographien und Fragmente der einen Million sowjetischer Mädchen und Frauen, die im zweiten Weltkrieg an der Front waren, aufgesammelt von der Autorin über viele Jahrzehnte. Fünfzehnjährige, die ihre langen Zöpfe abgeschnitten zurückließen zu Hause und in riesenhafte Soldatenstiefel stiegen, als Krankenschwestern am Oberschenkel amputierte Beine aus dem Operationssaal trugen halb so groß wie sie selbst, die unter Beschuss Männerkörper aus brennenden Panzern bargen, die ihr eigenes Körpergewicht dreimal überstiegen, und jedem Sterbenden noch einmal sagten, dass sie ihn liebten, sahen sie ihn auch zum ersten Mal. Ein Buch, das sagt, „dass man ohne den Gedanken an den Tod nichts im Menschen verstehen kann“, eines, das man jedem ungefragt in die Hand drücken möchte und ihn dran weinen lassen will, ein Buch, dem man das Unmögliche, einen Zaubertrick, zutraut: jeden zum Menschen zu machen, jeden zum Frieden zu erziehen.

 2.) Jopseh Roth: Radetzkymarsch

Ich liebe die organischen Welten Joseph Roths, Universen bewohnt von Trinkern und Helden, herzhaften Melancholikern und beunruhigenden Frauen, Offizieren, Kaisern und Bezirkshauptmännern, voller Tage, an denen es niemals eine Gelegenheit gibt, keinen Schnaps zu trinken. Ein Kosmos stets umrahmt von Zerfall und dem liebenswerten Niedergang der Monarchie, Alkohol und Spielsucht, und einer Schönheit, die man oft mit Traurigkeit, und einer Traurigkeit, die man oft mit Schönheit verwechselt.

3.) Herta Müller: Mein Vaterland war ein Apfelkern

Ein Gesprächsband, in dem Angelika Klammer und Herta Müller Worte wechseln. Über das Schreiben als Widerstand und innere Rettung, über den Schmerz der Herkunft und die Genese der Poesie, über Sprache, der man begegnet wie einem Fundstück in sich selbst. Über Rumänien unter Ceaușescu und die darauffolgende Welt, durch die man verwandelt geht, den Blick geschärft an der Diktatur, immer Ausschau haltend nach Freiheit.

4.) Erwin Moser: Katzenkönig Mauzenberger

Kinderbuch aus frühen Tagen, zerlesen, bemalt, angebissen, zerfetzt, mit losen Seiten und klebrigem Einband, mit Papierwellen von Badewannenunterwasserlesungen und Meeressand in der Heftung. Die große Erzählung über einen schwermütigen Katzenkönig, der nicht mehr König sein möchte, aber gerne frühstückt, sich zum königlichen Geburtstag eine Torte wünscht, die nicht wie eine Torte aussieht, ein Pferd und eine Gewittermaschine, denn nichts ist so schwer zu ertragen, wie eine Reihe schöner Tage.

5.) Elias Canetti: Das Buch gegen den Tod

Rebellion, Trotz und Auflehnung gegen den Skandal des unvermeidlichen Sterbens und Gestorben-Seins. Die ein Leben lang gesammelte gedankliche Essenz Canettis aus der Auseinandersetzung mit dem Tod. Als Geschenk löst das Buch verschiedenartige Reaktionen aus.

6.) T. C. Boyle: Wassermusik

Ein schweres Werk, das es, auf der Küchenwaage gewogen, auf achthundert Gramm bringt. Und vom Afrikareisenden Mungo Park und seiner aberirrwitzigen Suche nach dem Anfang und Ende des Nigers erzählt, der sein wechselvolles Schicksal gänzlich über alle Grenzen aus- und überlebt. Ungeheuerlich und furios und so fiebrig, dass man auf er Stelle selbst die Koffer packen möchte, um begeistert ins Verderben aufzubrechen.

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