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Feuilleton Literatur 19. November 2017

Literarisches Sixpack mit Sina Pousset

„Wer springt, hat zwei Möglichkeiten: schwimmen oder untergehen.“ Sina Pousset hat ihren ersten Roman mit dem Titel „Schwimmen“ veröffentlicht. „Ein Roman voller zarter Melancholie und berührender Bilder, die einen nicht mehr loslassen.“ Uns hat sie ihre sechs Lieblingsbücher verraten, auch wenn ihr eine Auswahl sehr schwer gefallen ist…

Ich hatte als Kind das Glück, eine wunderbare Buchhandlung um die Ecke zu haben, eine bei der man mit den Worten begrüßt wird: „Gut, dass du kommst, ich hab was für dich.“ Die Bücher meiner Kindheit – Der goldene Kompass, Harry Potter und alles von Cornelia Funke – haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich glaube, Lesen ist selten so intensiv, wie als Kind, da man zur Hälfte in der Fantasie lebt. Heute interessiert mich an Büchern besonders die Sprache und Erzählweise, vielleicht weil mich das auch beim Schreiben am meisten interessiert. Ich suche nach allem jenseits von klassischer Erzählung, liebe Virginia Woolf und T.S. Eliot. Sie brechen für mich Genregrenzen zwischen Lyrik und Prosa, was meiner Meinung nach die spannendste Form von moderner Literatur ist. Englische Literatur beeinflusst mich in diesem Punkt mehr, vielleicht auch, weil sie in diesem Bereich schon länger mehr wagt.

Jüngstes Beispiel sind Max Porter und Eimear McBride. Eine Zeit lang habe ich Bücher wieder zugeschlagen, wenn sie im Präteritum geschrieben waren, weil es mir so distanziert und gewollt literarisch vorkam. „Schwimmen“ ist fast vollständig im Präsens geschrieben. Vielleicht, weil ich will, dass Literatur für den Leser etwas unmittelbar Erfahrbares ist, genau wie das Schreiben für den Autor. Wenn wir uns erinnern, erinnern wir uns im Präsens: Ein Geruch, ein Geräusch, ein Moment. Erinnerung funktioniert gleichzeitig. Im Studium habe ich viel über die Begegnung von Leser und Autor im Text  nachgedacht, die Gleichzeitigkeit von Lesen und Schreiben. Ein Roman wächst erst durch den Akt des Lesens über seine Fiktionalität hinaus.

Romansprache sollte deshalb nicht bequem sein, sich nicht auf gewesenem ausruhen, sondern den Geist anregen. Mich stören festgefahrene Formulierungen und Sprachautomatismen, weshalb in „Schwimmen“ damit oft gespielt wird. Ich habe versucht zu überlegen: Wie fühlt sich etwas wirklich an? Wie sieht es wirklich aus? Fühlt sich etwas wirklich an, wie Samt, oder vielleicht eher wie Daunen? Der Leser wird mit seinen eigenen Assoziationsmechanismen konfrontiert und irritiert, als Ergebnis wird er auf das Wesentliche zurückgeworfen: sich und die Sprache. Zurück bleibt die Sprache als das, was sie eigentlich ist: Ein Gefäß, immer wieder neu mit individueller Bedeutung aufladbar.

1.) Cornelia Funke – Herr der Diebe

Mein erstes Lieblingsbuch. Wer es liest, hat das Gefühl, selbst durch Venedigs Gassen zu schleichen und die Abenteuer der Kindheit noch ein bisschen auszudehnen. Ich weiß bis heute nicht: Schreibt Cornelia Funke Kinderbücher für Erwachsene oder Erwachsenenbücher für Kinder? Egal. Niemand beschreibt so schön, wie die Luft schmeckt – und wie es sich anfühlt, ganz nebenbei erwachsen zu werden.

2.) Han Kang – Die Vegetarierin

Lesen, lesen, einfach lesen. Für mich eines der beeindruckendsten Bücher der letzten Jahre. Düster, gewaltig, verstörend, ungewöhnlich.

3.) Susan Sontag – On Photography

Ein Kopf, dem man endlos beim Denken zuhören möchte. Eigentlich geht es um Fotografie, aber eigentlich geht es um alles andere.

4.) Ian McEwan – On Chesil Beach

Niemand lässt Glück so perfekt zerbrechen. Es geht um die Hochzeitsnacht eines Paares, die Handlung ist reduziert, klug, erst leise und dann reißend wie die Flut.

5.) Hubert Selby Jr. – Last Exit to Brooklyn

Ein Buch, dass einen aufsaugt und erschöpft, auf Händen und Knien wieder ausspuckt.

6.) Max Porter – Grief is the Thing with Feathers

Man kann wunderschöne, seltsame, unkategorisierbare Bücher über Trauer schreiben. Dieses Buch ist halb Gedicht, halb Theaterstück, halb Roman, halb Parabel und genau deshalb vollkommen.

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