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Feuilleton Literatur 22. Januar 2018

Literarisches Sixpack mit Maria-Christina Piwowarski

„ocelot, not just another bookstore“. Und ja, diesem Versprechen kann man getrost glauben. Spätestens, wenn man die Buchhandlung in der Brunnenstraße, wenige Meter vom Rosenthaler Platz in Berlin betreten hat. Warum? Die Antwort ist ganz einfach: Bei ocelot hat man sofort das Gefühl, dass hier die ausgewählten Bücher wegen der Liebe zur Literatur verkauft werden. Maria-Christina Piwowarski leitet den Laden. Sie glaubt, dass Literatur durch ihre Adern fließt. Kein Wunder, dass sie ein literarisches Sixpack hat.

1.) Connie Palmen: „I. M.: Ischa Meijer – In Margine. In Memoriam“

Wenn „Jane Eyre“ von Charlotte Brontë mich mit 14 Jahren gelehrt hat, dass man seine Ideale selbst für die langersehnte romantische Liebe nicht verraten darf, hat mich Connie Palmen mit Mitte 30 zum großen Glück vom genauen Gegenteil überzeugt. Die rationale Niederländerin hat 1991 gerade mit großem Erfolg ihren ersten Roman „Die Gesetze“ veröffentlicht, da trifft sie für ein Interview den bereits landesweit bekannten (und berüchtigten) Schriftsteller und Journalisten Ischa Meijer. Die Beschreibung der Liebe, in die diese beiden sehr unterschiedlichen Intellektuellen wie in einen Abgrund fallen, gehört zum Absolutesten und Radikalsten, was ich je gelesen habe. Vier Jahre später stirbt Meijer überraschend – und Palmen zerbricht. Schreibend erschafft sie sich neu und setzt der unvergleichlichen, abgrundtiefen, bedingungslosen, klugen, wuchtigen Liebe ein literarisches Denkmal.

2.) Wsewolod Petrow: „Die Manon Lescaut von Turdej“

Es gibt wenige Prosatexte, die so unfassbar schön sind wie Petrows „Manon“. Geschrieben 1946, wurde der Text erst 60 Jahre später in Russland veröffentlicht und liegt Dank des großartigen Bonner Weidle Verlags seit 2012 auch auf Deutsch vor. Dieses nicht einmal hundertseitige Kleinod ist nahezu prädestiniert dazu, dass sich Liebende die Geschichte unter der Bettdecke vorlesen, zuflüstern, entgegen hauchen. In einer Art Kammerspiel, einem unbestimmten Lazarettzug zwischen nicht näher bezeichneten Fronten, verfällt der namenlose Protagonist – ein nervöser, feingeistiger Wertherleser – der Krankenschwester Vera, die unbändig und sprühend für das Leben selbst stehen könnte. Eine der zartesten und wunderschönsten Liebesgeschichten, die ich kenne.

3.) Nino Haratischwili „Das achte Leben (für Brilka)“

Ich sage meinen KundInnen oft: Wenn ich nur EIN Buch aus diesem Laden mitnehmen dürfte, wäre es dieses hier. Ich zeige auf „Das achte Leben“ und ich meine, was ich sage. Seit dieser Roman 2014 erschienen ist, habe ich nichts gelesen, was sich so in meine Seele geschrieben hat. „Das achte Leben“ ist ein 1200-Seiten-Opus, der einen wirklich meisterhaften, schicksalsgepeitschten Bogen von Georgien um 1900 über das Rote Jahrhundert der Sowjetunion bis in das Berlin der heutigen Zeit beschreibt. Nino Haratischwili schreibt hürdenlos. Dieser Wälzer liest sich so soghaft, dass es scheint, als wiege er nichts. Und schafft es trotzdem, lange, lange im Herzen und im Kopf zu bleiben. Nino Haratischwili hat die schier unglaubliche Gabe, exzellente Recherche der historischen Zusammenhänge mit dem Schönsten zu verbinden, das Sprache kann: Sie kann erzählen! Und zwar ebenso glasklar und filigran, wie fesselnd und mitreißend.  Von starken Frauen im tosenden Sturm der Politik des vergangenen Jahrhunderts.

4.) Heðin Brú: „Vater und Sohn unterwegs“

Guggolz! Seit 2014 gibt es diesen feinen Berliner Verlag, der sich nur Wieder- und Neuentdeckungen vergangener Zeiten aus Nord- und Osteuropa widmet. Mit diesem Buch hier hat meine tief empfundene Begeisterung für die Arbeit von Sebastian Guggolz und seinen ÜbersetzerInnen ihren Anfang genommen. In wunderschönen Ausgaben, mit klugen, aber unaufgeregten Kommentaren und Nachworten versehen, erscheinen hier jährlich vier ganz besondere Bücher, die großartige Weltliteratur vor dem Vergessen bewahren. Mein Lieblingsbuch aus dieser Wunderkammer von einem Verlag ist noch immer „Vater und Sohn unterwegs“ von Heðin Brú, aus dem Färöischen von Richard Kölbl. Erzählt wird die archaische Geschichte des Fischers Ketil, der ein viel zu teures Stück Walfleisch ersteigert und nun mit seinem Sohn Kalvur alles versuchen will, um die Schulden von der Familie abzuwenden. Auf dem Weg über die windumbrausten Färöer-Inseln, erlebt er, dass sich seine vertraute, traditionsreiche Welt bereits im Umbruch zu einer neuen Zeit befindet.

5.) Daniel Schreiber „Zuhause“

Dieser Essay ist das Buch, das ich zu allen möglichen (und unmöglichen) Gelegenheiten all meinen FreundInnen schenke. Und das Buch, in dem ich, so schmal es ist, ständig selbst wieder lese. In „Zuhause“ denkt der Kunstkritiker Daniel Schreiber auf eine ebenso persönliche wie kluge Art und Weise über genau das nach: Über das oft klar benannte Herkommen und das genauso oft unbestimmte Hinsehnen und über den Wandel, den der Begriff „Zuhause“ im Laufe der Jahre erfahren hat. Über diesen Ort, der eher ein Gefühl ist. Das schmale Büchlein ist eine Einladung zum Nachdenken, ein Gesprächsangebot. Essays – was für eine wundervolle literarische Form! Lest mehr Essays! Fangt mit dem hier an!

6. Annie Ernaux „Die Jahre“

Eine Frau schaut mittels Fotos zurück auf ihr Leben, von der Tochter einer Arbeiterfamilie im Nachkriegsfrankreich bis zur gefeierten, soziologischen Schriftstellerin heute. Das könnte leicht pathetisch werden, wäre es nicht die große französische Intellektuelle Annie Ernaux, die mit ihrem Werk nicht nur Didier Eribons Denken und Schreiben geprägt hat. Es geht um Herkunft, um Emanzipation, um Bildung, ums Werden und ums Sein, um Sexualität und Verlust, um Mutterschaft und Abtreibung, um Politik und Geschichte und die Zusammenhänge des ganz Großen im Einzelnen. Ganz sachlich, stets in der dritten Person bleibend, schreibt Ernaux hier ihre Geschichte, die eben durch ihren besonderen Blick auch die Geschichte einer ganzen Frauengeneration ist, die unser aller Geschichte ist.

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