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Feuilleton Literatur 19. Juli 2016

Literarisches Sixpack mit Linda Rachel Sabiers

Ein Dreiklang aus Melancholie, Zynismus und Liebe zum Detail. So schreibt und beschreibt die Autorin und Kolumnistin Linda Rachel ihre Kurzgeschichten und Momentaufnahmen, die fern von Urteil, jedoch immer nah am Leben sind. Berlin, ihre Wahlheimat, dient oft als unerschöpfliche Inspirationsquelle und urbaner Schauplatz eines Lebens zwischen finden und gefunden werden.

Linda Rachel Sabiers, geboren 1984, studierte Kommunikation und Marketing in Köln und lebt, nach Stationen in den USA und Tel Aviv, seit 2009 als Texterin, Kolumnistin und Autorin in Berlin. Neben Lesungen aus ihrer Kurzgeschichtensammlung „Superbia – Berlin kommt vor dem Fall“ aus dem Jahr 2014 und aktuell „030 – Berliner Geschichten“ und ihrer Autorentätigkeit beim Berliner Online-Magazin „Mit Vergnügen“, schreibt sie aktuell an ihrem ersten Roman. Darüber hinaus erschienen zwei ihrer Kurzgeschichten in den Anthologien „Schlaflos im Ellington“ des Berliner Ellington Hotels und in „Unbehauste“, ein Buchprojekt für die Flüchtlingsinitiative von Alexander Broicher und dem Nicolai Verlag.

Zeit für eine neue Folge „Literarisches Sixpack“ mit Linda Rachel Sabiers.

1.) Erich Kästner: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten

Ich wohne seit sechs Jahren in Charlottenburg und kann mir, zum Wohnen, keinen schöneren Ort in Berlin vorstellen. Kästners Fabian habe ich vor wenigen Monaten in einem Atemzug und an Originalschauplätzen durchgelesen. Es mag an meiner jüdischen Herkunft liegen, an meiner Sucht nach Berlin, dem Interesse an der Weimarer Zeit oder an einem Mix aus allem: Aber Kästners naiver, neugieriger, neurotischer und nüchterner Protagonist „Fabian“, der das deutsche Gesellschaftsbild weniger Stunden vor Hitlers Machtergreifung beschreibt, gehört zu meinen absoluten Lieblingen der Literaturgeschichte.

2.) Ernst Haffner: Blutsbrüder

Habe ich vorwiegend in der S-Bahn gelesen. Auch heute riecht es am Alex, an einigen Ecken am Hackeschen Markt und an der Haltestelle Oranienburger Straße nach Pisse und Endstation. Das war quasi Literatur in 4D. Haffners Roman über eine verwaiste Jungenclique, die am Rande der Existenz und des eigenen Wahnsinns durch die Hauptstadt-Slums der 20er-Jahre streunt, hat mich gepackt, zum lauten Lachen gebracht und oft mitgenommen.

3.) Deborah Feldman: Unorthodox

Motto: „Wenn aus lesen Liebe wird“. Ich habe Feldmanns Bestseller-Autobiographie zufällig in einem Buchladen in Ventura, Californien entdeckt und, wie bei so vielen Büchern, die mich packen, in drei Tagen gelesen. Ihre Lebensgeschichte als Aussteigerin einer jüdischen Sekte gehört für mich in die Kategorie „Heldinnen des Alltags“. Ich schrieb sie nach dem Lesen auf Facebook an, sie antwortete. Heute sind wir Freundinnen. So müssen Bücher enden.

4.) Dorothy Parker: Alles (kein Buchtitel, wirklich „alles“)

Eine Freundin empfahl mir eine Biographie über Dorothy Parker, als wir am See lagen. Die Sonne brannte, während ich bereits online alles bestellte, was ich von ihr in die Finger bekam. Parker, eine der Pionierinnen der amerikanischen Feminismus-Szene und erste Redakteurin bei Vogue, Vanity Fair und The New Yorker, ist eine tragisch-geniale Frauengestalt der 20er-Jahre und definitiv eines meiner literarischen Vorbilder. Ihre Kommentare, Gedichte und Kurzgeschichten sind so scharf und gnadenlos, dass ich erst den Mut entwicklen muss, mich literarisch an ihr Niveau heranzutrauen.

5.) Angelika Schrobsdorff: Du bist nicht so wie andere Mütter

Eine gestörte Familiengeschichte, Weimarer Berlin, Berlin überhaupt, bisschen jüdisch, bisschen hoffnungslos, bisschen geil. Schrobsdorffs Roman aus den Augen einer Tochter, die sich gnadenlos ehrlich an ihre Mutter richtet, müsste hier eigentlich an erster Stelle stehen. Denn er ist quasi die Basis all dessen, was ich selber gerne schob geschrieben hätte. Nun versuche ich mich daran.

6.) Charles Bukowski: Factotum

Wer dieses Buch noch nicht gelesen hat, der weiß nicht, was „abgefuckt“ wirklich bedeutet. Kann und sollte man lesen, wenn man denkt, dass es nicht mehr tiefer geht. Dann sieht man: Oh doch. Es geht immer dunkler, schrecklicher und ehrlicher. Bukowski wusste es aus eigener Erfahrung. Und das merkt man seiner Schreibe an.

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