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Feuilleton Literatur 27. Oktober 2015

Literarisches Sixpack mit Benedict Wells

Für einige meiner Freunde war er der Film des Sommers: Mit Stars wie Christian Ulmen und Eugene Boateng begeisterte der Spielfilm Becks letzter Sommer tausende deutsche Kinozuschauer und durfte dieses Jahr in keinem Open-Air-Kino fehlen. Was viele nicht wissen: Der Film basiert auf dem gleichnamigen Debüt-Roman des jungen Autors Benedict Wells und ist bereits 2008 erschienen. Beim renommierten Diogenes-Verlag unter Vertrag zählt Benedict zu den vielversprechendsten Literatur-Newcomern der Bundesrepublik. Das ZDF bezeichnete ihn bereits als „Ausnahmetalent in der jungen deutschen Literatur“. Es folgten die Bücher Spinner (2009), Fast genial (2011) sowie die Erzählung Amsterdam (2011), die in mehreren Sammelbänden erschienen ist. Aktuell arbeitet Benedict an seinem neuen Buch, das in wenigen Monaten erscheinen wird.

Becks letzter Sommer

Soll es das schon gewesen sein? Diese Frage stellt sich der Lehrer Robert Beck, als er eines Tages vor seiner Klasse steht. Er ist der Stereotyp einer (vorgezogenen) Midlife-Crisis: Ende dreißig, angeödet von seinem Leben und gefangen in amourösen Verstrickungen mit einer jüngeren Frau. Fahrt nimmt sein Leben erst wieder auf, als er den Schüler Rauli kennenlernt. Dieser ist ein Musikgenie und der Lehrer fasst den Plan, ihn als Manager groß rauszubringen. Natürlich geht es ihm dabei auch nicht zu knapp um die Erfüllung seiner eigenen, bereits aufgegebenen Träume. Eine Story wie ein Road-Movie nimmt ihren Lauf…

Die Zeit schrieb damals: „Das interessanteste Debüt des Jahres. Einer, der sein Handwerk versteht und der eine Geschichte zu erzählen hat.“

Benedict Wells - Becks letzter Sommer © Diogenes Verlag

Umso mehr freuen wir uns, dass Benedict heute mit uns teilt, wer für ihn ganz persönlich die besten Geschichten erzählt. Viel Spaß mit einem Literarischen Sixpack, das neben guten Büchern, auch einen besonderen jungen Autoren vorstellt, von dem wir sicher bald noch einiges lesen und hören werden:

John Irving „Das Hotel New Hampshire“

Mit diesem Buch fing alles für mich an. Ich war fünfzehn und hatte einen eher vagen Begriff von Literatur. Ich weiß nur noch, dass es mir als Teenager bei all der Schullektüre so vorkam, als müsse ein Buch offenbar langweilig sein, als würde kaum Wert auf Handlung und mitreißende Figuren gelegt. Dann fiel mir Irvings Wunderroman in die Hände und die Welt war nicht mehr dieselbe. So konnte man auch schreiben? Die Geschichte war voller Witz und Tragik, ich habe die Figuren geliebt und atemlos jede Zeile gelesen. Manchmal auch im Unterricht. Bei einer Stelle mit dem ausgestopften Hund Kummer musste ich so laut lachen, dass es dem Lehrer auffiel und ich eine Strafe bekam. Seitdem waren Irving und ich partners in crime. Was der Zaubertrank für Obelix war, waren seine Bücher für mich. Ich las eines nach dem anderen und war davon so begeistert, dass ich auch schreiben wollte. Es gehört für mich deshalb zu den schönsten und unbegreiflichsten Fügungen in meinem Leben, dass ich nun beim selben Verlag bin wie Irving und ihn vor einigen Jahren kennenlernen durfte.

Ottfried Preußler „Krabat“

Ich war noch ein Grundschüler, als die Erzieherin im Heim uns jeden Montagabend aus diesem Buch vorlas. Die Geschehnisse auf der geheimnisvollen Mühle am Koselbruch haben mich sofort gepackt, aber damals war mir das mit den Raben und der dunklen Magie auch ein bisschen unheimlich. Mit zwanzig las ich das Buch dann erneut und war einfach nur begeistert, wie unglaublich gut die Geschichte komponiert ist. Schon nach einem Kapitel hängt man am Haken, will unbedingt wissen, wie es weitergeht. Jede Zeile wurde mit Bedacht geschrieben, die Figuren sind einem sofort nah. Auf schlussendlich nur 280 Seiten wird hier eine epische Geschichte erzählt, für die andere Autoren sicher dreimal so viel Platz gebraucht hätten. Am meisten begeistert hat mich dabei Krabats Entwicklung vom Schüler zum Meister, vom Jungen zum Mann. Selten habe ich das so gut beschrieben gesehen wie hier.

John Green „Eine wie Alaska“

Vor Ewigkeiten las ich in einem Interview, wie John Green über das Erwachsenwerden sprach. Seine Antworten fand ich so schön, dass ich unbedingt mal was von ihm lesen wollte. Den Anfang machte der großartige Roman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, es folgte „Margos Spuren“, den ich sogar noch besser fand. Besonders gefiel mir, wie fein dort das Thema Tod in den Text hineingewoben war. Und so las ich gleich noch „Eine wie Alaska“. Selten hat mich ein Buch so umgehauen wie dieses. Vielleicht, weil ich selbst ein Internatskind war. Wahrscheinlicher ist aber, dass es einfach daran lag, dass diese Geschichte so magisch gut erzählt ist, mit pointierten Dialogen, authentischen Gefühlen und vielen tollen Ideen. Es gibt nicht viele Jugendromane, die mich ähnlich begeisterten, vielleicht noch „Tschik“ von Wolfgang Herrndorf oder „Luke und Jon“ von Robert Williams. Doch „Eine wie Alaska“ ist mein Favorit. John Green kann das Schöne und den Schmerz der Jugend auf eine Weise festhalten, die beinahe wehtut, weil sie so wahr ist. Figuren, die man als Freunde haben möchte. Geschichten, die man selbst erleben will.

Kazuo Ishiguro „Alles, was wir geben mussten“

Kazuo Ishiguro ist für mich neben Irving und Green der wichtigste Autor, den ich bisher gelesen habe. Er hat mich als Schriftsteller erzogen, durch ihn habe ich gelernt, dass das Stille oft stärker wirkt als das Laute und wie wichtig Konsequenz ist. Man fängt dieses Buch an und versteht erst nicht, woher das flaue Gefühl in der Magengegend kommt, das stetig wachsende Unbehagen. Man liest die klaren, schönen Sätze, findet aber nichts. Ishiguro ist der Meister der kaum wahrnehmbaren, aber umso wirkungsvolleren Frequenzen, der subtilen Zwischentöne. Behutsam entfaltet das Buch seine Wirkung, bis man am Schluss aufgewühlt da sitzt und nicht weiß, was mit einem geschehen ist. Selten hat mich eine Geschichte so mitgenommen und bewegt wie diese. Ishiguros Bücher haben mich inspiriert, danach wollte ich mich als Autor weiterentwickeln und verändern. Sie waren mit ein Grund, warum ich mir bei meinem nächsten Roman sieben Jahre Zeit genommen habe.

John Steinbeck „Jenseits von Eden“

Da viele von mir bewunderte Autoren von John Steinbeck schwärmen, hatte ich mir schon länger vorgenommen, mal ein Buch von ihm zu lesen. Die Wahl fiel schließlich auf „Jenseits von Eden“. Was hat mich dieser Roman begeistert! Eine epische Familiengeschichte über mehrere Generationen hinweg, unbeschreiblich gute und vielschichtige Figuren (Lee! Cathy Ames! Samuel Hamilton!) und dabei immer spannend und tief. Ein absolutes Meisterwerk, das beim Lesen eine fast archaische Wucht entwickelt und einen auch danach noch tief berührt. Dagegen schrumpfen sogar andere geliebte Familienromane wie etwa Jonathan Franzens „Freiheit“ ein winziges bisschen.

John Williams „Stoner“ / Harry Mullisch „Das Attentat“

Beim letzten Buch habe ich lange überlegt. Was lustiges, zum Beispiel „Kill Your Friends“ von John Niven und die genialen Hörbücher von Heinz Strunk? Oder doch eher was ernstes? Ich habe dann lange geschwankt zwischen „Das Attentat“ von Harry Mulisch und „Stoner“ von John Williams. Am Ende konnte ich mich nicht entscheiden. Beide sind überragend und schaffen es, auf wenigen Seiten eine unglaublich dichte Atmosphäre zu kreieren. Während Mulisch ein spannendes und schlaues Psychogramm erstellt, wird Williams‘ Buch immer emotionaler, aber beide liebe ich gleichermaßen. Obwohl die Romane tief sind und ein anspruchsvolles Thema haben, wälzen sie ihr Gewicht nicht auf den Leser ab und kommen leichthändig daher. Sehr zu empfehlen.

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