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Feuilleton Literatur 26. März 2017

Literarisches Sixpack mit Andreas Altmann

Manchmal ist es überhaupt nicht leicht zu schreiben. Noch schwieriger wird es, wenn man über jemand schreibt. Beispielsweise über den Reporter und Autor Andreas Altmann, der seit knapp 30 Jahren die Welt bereist. Seine Biographie liest sich abenteuerlich: Studienabbrüche, unzählige Gelegenheitsjobs, Leben in einem buddhistischen Zenkloster in Kyoto, Studium am Mozarteum in Salzburg, wenige Jahre später Studium an der New York University, Umzüge nach Mexico City, zurück nach Deutschland und Paris, wo Andreas Altmann derzeit lebt.

Hinzu kommt eine beachtliche Anzahl (20!) an Büchern, die Andreas Altmann in den letzten zwanzig Jahren schrieb. Davon fünf ein Bestseller. Sein neuestes Buch „Gebrauchsanweisung für das Leben“ erschien vor wenigen Tagen und ist bereits Platz 2 der Spiegel-Bestsellerliste. „Eine sinnliche und sprachgewaltige Liebeserklärung an das Leben“, steht in fettgedruckten Buchstaben auf der Seite des Verlags.
In seinem neuen Buch umkreist er in zentralen Begriffen das, was das Leben ausmacht. Es geht um nichts weniger als Liebe und Schmerz, um Abenteuer und Freundschaften, Einsamkeit, Religion und den Tod, um Heimat und Sprache. Und um das Reisen und die Erlebnisse, die Altmann auf der ganzen Welt gesammelt hat.

Wir haben Andreas Altmann nach seinen sechs (aktuellen) Lieblingsbüchern gefragt, wohin er uns folgendes schrieb: „Das Format ist vorgegeben, sechs Bücher von sechs Leuten? Hm, denn die Bücher, die ich lese, sind meist französisch und
eher nicht bekannt in Deutschland, ob das die Leser begeistert? (…)  Unsere Antwort: „Natürlich! Und selbst, wenn es die Leser nicht interessieren sollte. Mich interessiert es umso mehr.“ Viel Spaß beim Lesen einer neuen Folge des „Literarischen Sixpacks“ mit Sprachvirtuose Andreas Altmann.

„Da ich in Frankreich lebe, lese ich meist französische Bücher. Ich lese seit vielen Jahren keine Romane mehr. Ich bin Reporter und will von der Wirklichkeit erfahren, sprich, ich lese ausschließlich „Sachbücher“ und Gedichte. Zudem, täglich, die internationale Presse. Ich will wissen, was in der Welt los ist.“ Andreas Altmann

Maryse Wolinkski: Chérie, je vais à Charlie

Maryse Wolinski ist die Witwe von Georges Woilinski, einem berühmten französischen Zeichner, der am 15. Januar 2015 in den Redaktionsräumen von Charlie Hebdo, dem Satiremagazin, von islamistischen Kleinkriminellen erschossen wurde. Als 80-Jähriger. Elf weitere Mitarbeiter wurden zur selben Stunde hingerichtet. Der Titel sind die letzten Worte, die sie an diesem Morgen von ihrem Mann, als Abschiedsgruß, gehört hat: „Liebling, ich geh zu Charlie“. Maryse schreibt über ihr Leben, jetzt ohne Georges. Das Buch schneidet dem Leser das Herz auf.

Frankfurter Anthologie – Band 39

Jedes Jahr bringt der Suhrkamp Verlag als Sammelband jene Gedichte heraus, die das Jahr zuvor in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen sind. Plus Interpretation der Gedichte. Gestartet hat das Unternehmen Literaturfürst Marcel Reich-Ranicki. Ich liebe Gedichte, obwohl ich selbst kein einziges geschrieben habe. Alle 39 Bände habe ich gelesen und beim Lesen lerne ich Deutsch, sprich Klarheit, Knappheit, die Kunst, sich auf das Entscheidende zu konzentrieren. Das sollte Pflichtlektüre werden, wenn man bedenkt, wie viele uns mit ausufernder Geschwätzigkeit Lebenszeit stehlen.

Matthieu Ricard: L‘art de la méditation

Der Autor ist eine französische Intelligenzbestie, Wissenschaftler, seit 1978 befasst er sich mit Tibet und Meditation, arbeitet u.a. als Dolmetscher und Übersetzer des Dalai Lama. Bald habe ich das Buch ernüchtert weggelegt, uff, ich mag keine Texte, in denen etwas als Allerheilmittel angepriesen wird. Hier eben Meditation. Das sagt einer, der selbst meditiert. Aber das Leben ist zu komplex und zu kompliziert, als dass man von „Der Kunst des Meditierens“ allseitige Rettung erwarten dürfte. Dieser hochheilige Anspruch nervt. Vermutlich saß Ricard zu lange in Himalayahöhlen, hat irgendwann den Alltag der Welt aus den Augen verloren.

Schmidt-Salomon, Michael: Die Grenzen der Toleranz. Warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen.

Schmidt-Salomon ist eine deutsche Intelligenzbestie, er ist Philosoph, Autor und Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung. Er ist Humanist und erfrischend gottlos, „Gottes Wort“, vermute ich, hält er für Hokuspokus, er kämpft für die Menschenrechte. In seinem letzten Buch geht es wieder einmal um die Erzfeinde des menschlichen Geistes, um Religionen. Jeden Tag wollen sie uns in die Steinzeit zurückkommandieren und uns zum Götzendienst – ob nun für den Herr Herrgott oder Herrn Allah oder Herrn Jahwe – verführen. Dagegen tritt Salomon-Schmidt an, gut so, denn grenzenlose Toleranz ist etwas für Pussys. Wer für die Freiheit des Menschen eintritt, muss aufstehen und streiten. Sonst landen wir wieder beim Glaubensterror. Europa kann davon ein Jahrhunderte langes, so schauriges Lied singen.

Frans Timmermans – Fraternité: Retisser nos liens Frans Timmermanns

Ex-EU-Kommissar und Ex-niederländischer Außenminister hat ein intelligentes Buch abgeliefert: Brüderlichkeit / Verbindungen neu knüpfen. Ein Appell an uns alle, die wir Europa lieben, ein Appel an Menschenfreundlichkeit und Humanismus, ein Appel an uns: auf dass wir gegen die Europahasser aufstehen und verhindern, dass der rechtsaußen Mob unsere Hirne vergiftet mit seinen Tiraden gegen Fremde, gegen Weltoffenheit, gegen die grandiose Idee eines Europas, das nach Jahrhunderten blutiger Zwietracht und blutiger Religionskriege beschlossen hat, dass Vernunft unser aller Leben bestimmen soll.

Fethi Benslama – Le surmusulman: Un furieux désir de sacrifice

Fethi Benslama ist ein in Tunesien geborener Psychoanalyst und Professor an einer Pariser Universität. Er gilt als einer der Spezialisten zum Thema „Radikalisierung zum (terroristischen) Islamist“. Der Titel des Buches auf Deutsch: „Eine blindwütige Sehnsucht, sich zu opfern: der Übermuslim“. Der Bericht ist keine klinische Abhandlung, sondern der Text eines Praktikers, in dessen Sprechstunde auch Leute kommen, die sich von dieser Versuchung angesprochen fühlen. Benslama weiß, wovon er spricht. Die Grundthese ist, soweit ich sie verstanden habe: Die bereits psychisch Gefährdeten driften ab in Kriminalität, in Drogen, Diebstahl, Körperverletzung und sind überaus dankbar, wenn man ihnen eines Tages die „Lösung“ all ihrer Probleme anbietet: den Islam, sprich, den gotteskriegerischen, den mörderischen, den, der vorgibt, die Welt und die Weltbewohner von allem Übel zu befreien. Zudem verspricht man den Jugendlichen, meist zwischen 18 und 25, die ultimative Gewalt, den ultimativen Rausch, einen Menschen töten zu dürfen, ja, eine Art Stellvertreterkrieg für ihren Herrn Allah zu führen.

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