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Feuilleton Literatur People 13. Oktober 2015

Literarisches Sixpack mit Airen

»Das Unerträgliche erträglich machen«, beschreibt Airen den Morgen, als er auf einer Afterhour mit drei Unbekannten zu sich kommt, »darum geht es doch im Leben.« Airen hat fünf verschiedene Drogen im Blut, wird sich gleich mit Valium in den Schlaf zwingen und später gefühllosen Sex mit einer alten Bekannten haben. Im Laufe des Buches wird Airen zweimal verhaftet, sitzt elf Tage im Gefängnis, verkauft Drogen auf der Loveparade, nimmt beinahe am Berliner Firmenlauf teil, hat Sex mit Frauen, Männern, Prostituierten und Transsexuellen und arbeitet jeden Tag in einer Unternehmensberatung.

Der Blogger Airen hat zwei Jahre Berlin mitgeschrieben. Eine Zeit, in der sein Leben zwischen Wirtschaftsstudium und Gefängnis, zwischen Beratungsfirma und Darkroom nur zwei Konstanten kennt: Techno und Drogen. Wie lebt es sich im Techno-Fieber? Wie sieht das Leben eines Menschen aus, der nach zwei Tagen Party am Montag wieder zur Arbeit geht? (Quelle: SuKuLTuR)

Vor knapp fünf Jahren habe ich Airens „Strobo“ zum ersten Mal gelesen. Selbst gerade mit dem Abitur fertig geworden eines der ersten Bücher, welches ich sofort lesen musste. Und immer wieder gelesen habe. Nicht immer von vorne bis hinten: sondern in Bruchstücken. Und egal an welcher Stelle des Buches man einsteigt, es zieht einen direkt in die Geschichte. Und ja: sofort bekommt man das Gefühl – sofern man nicht sowieso schon in Berlin lebt – dorthin reisen zu wollen, um sich in das dortige, wilde Nachtleben zu schmeißen. Hemmungslos, ohne Angst vor der Zukunft. Gedankenlos und frei. Mit oder ohne Drogen. Berauscht. Techno ist Berlin und Berlin ist Techno.

© Airen
© Airen

Nun: wenige Jahre sind vergangen. Schon immer faszinierte mich Airen mit seinem direkten, leuchtenden Sprachstil. Wie toll, dass er für Blog Bohèmes „Literarisches Sixpack“ seine sechs „Lieblingsbücher“ aufgeschrieben hat.

1.) Rainald Goetz „Rave“

Rave zum ersten Mal zu lesen war wie ein Erwachen. Die erste Seite verstand ich gar nichts. Die zweite verwirrte noch mehr. Dann dämmerte es mir: Der schreibt Techno! Goetz schrieb nicht über Techno, er schrieb ihn. In einem Kaleidoskop der Afterhourgeschichten, Dancefloormomente, Abfucksekunden… das alles tangierte nur den Leitgedanken, das große übergeordnete Thema – den Bass, der für viele eine Zeit lang das Leben bedeutete. All das war schon zehn Jahre vorbei, als mir Rave in die Hände fiel, aber der Bass bestimmte damals auch mein Leben. Ich habe „Rave“ dann in ganz kleinen Häppchen gelesen, weil ich mir dachte: DAS Buch liest du nur einmal zum ersten Mal.

2.) Pippin Wigglesworth „Viertel nach Handgelenk“

Auch wenn das Werk des Ein-Buch-Projekts „Hungerkünstlerverlag“ nie in den Buchläden stand, kennt so ziemlich jeder, der mit Berlin, Pop und Literatur zu tun hat Pippin Wigglesworth-Weider. Drei, vier Seiten aus seinem Debut und man verspürt den brennenden Drang, sich grandios zu besaufen. Niemand hat Alkohol so entlarvend glorifiziert wie der junge Schweizer Autor, der in dieser Erzählung seine Jahre als feierndes Frontschwein der Jeunesse Dorée dokumentiert. Mit einer glitzernden, unverhohlenen Sprache, deren Nihilismus so überzeugend, verlockend und einladend ist, dass man sich am liebsten gleich selbst mit einem Absolut ins Indo setzen möchte, um sich den Rest zu geben. Klug, extrem, humorvoll und dabei so tief wie ein Blick in den Abgrund des letzten Highballglases.

 

3.) Hunter S. Thompson „Königreich der Angst“

Eine Sammlung von Hunters journalistischen Texten. Bissig, überdreht, grotesk übertrieben und gerade deswegen direkt ins Herzen der Angelegenheit – das nannte man dann Gonzo. Hunter schreibt über die US-Invasion in Grenada, die letzten Tage vor dem Abzug der US-Truppen aus Hanoi und einen trunksüchtigen Staatsanwalt, den er mit ein paar Nutten am Straßenrand aufgabelt. Was in seinen Romanen nach Fear&Loathing immer ein wenig bemüht klang, knallte er in seinen Reportagen bis zuletzt in berüchtigter Bissigkeit aufs Papier.

 

4.) Bret Easton Ellis „Unter Null“

Der Erstling des „American Psycho“-Autors, mit 19 als Abschlussarbeit für ein Literaturseminar verfasst. Der Protagonist, der ständig neben sich steht, abgehoben, entfremdet, und dennoch prickelnd leicht, wie eine Dosis Xanax mit Champagner, sieht auf die Welt mit der verschwommenen Luzidität, die erst der richtige Abstand erlaubt.

 

5.) F. Scott Fitzgerald „Der große Gatsby“

Den Gatsby zu lesen, ist ein bisschen wie eine starke halluzinogene Droge zu nehmen – bunte, tiefenscharfe Bilder flackern vor dem inneren Auge, so schnell und intensiv, dass man sie kaum festhalten kann. Das Sittengemäde der Roaring Twenties erzählt eine tragische Liebesgeschichte, so tragisch, dass sie den Schmalz transzendiert, und so voll funkelnder Textdiamanten, dass man das Buch ganz berauscht zur Seite legt, wenn man es nach ein paar Stunden durch hat.

 

6.) Jörg Fauser „Rohstoff“

Fausers autobiografischer Roman. Angefangen in einem billigen Hotel in Istanbul, in dem sich sein Alter Ego Harry Gelb verstrecktes Heroin spritzt, über das Westberlin der späten Sechziger und besetzte Häuser in Frankfurt, später Malochen als Wachmann und Kofferschlepper am Flughafen. Fauser, der auch unter den Außenseitern eine Randfigur bleibt, treu verpflichtet allein dem Schreiben und dem Suff. Seine Welt sind die Kaputten, Süchtigen und Verlierer, seine Sprache ist klar und nüchtern und desillusioniert und fliegt dann wieder davon in losgelöste Spähren des Rausches. Eine Reise durch das Deutschland der Siebziger von einem, der nie wirklich dazugehörte und gerade deswegen alles so treffend beschreiben konnte.


Airen, geboren 1981, aufgewachsen in Bayern, Abitur 2001, Bachelor of International Business Administration 2006, absolvierte nach dem Studium ein Praktikum in einer Unternehmensberatung in Berlin. Nach zwei Jahren in Mexiko und einem anschließenden Aufenhalt in Berlin, lebt er in Mexiko.

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