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Best Of Travel 6. Februar 2018

Leipzig oder Hypezig?

Vergangenes Jahr titelte die Berliner Tageszeitung: „Der Hypezig-Boom: Warum Leipzig das bessere Berlin ist.“ Doch bereits seit einigen Jahren erscheinen immer wieder seitenlange Liebeserklärungen an die Stadt Leipzig, dessen kreatives Potenzial und der bis heute immer noch gut bezahlbare Wohnraum. Sogar die New York Times betitelte Leipzig als „New Berlin“.

Vor wenigen Tagen stieg ich selbst in den Zug, um ein mögliches Gefühl davon zu bekommen, wieso Leipzig so angesagt sein soll?  Wer sich etwas mit der Stadtentwicklung Leipzigs auskennt, wird garantiert schon mal folgendes gelesen haben: „Heute zählt Leipzig zu den dynamischsten Städten in Europa und weist die am schnellsten wachsende Einwohnerzahl von ganz Deutschland auf.“ Laut der Online-Plattform Mashable ist Leipzig sogar weltweit die Destination Nr.1 für junge kreative Städter.

Nur wenige Minuten zu Fuß vom Bahnhof entfernt, liegt in der historischen Altstadt Leipzigs das Hotel Fregehaus, ein liebevoll eingerichtetes Boutique-Hotel mit 20 Zimmern hinter den Fassaden eines historischen Kaufmannshauses. Nur wenige Schritte vom Hotel entfernt, befindet sich das Museum der bildenden Künste, zumindest für mich eines der schönsten Kunstmuseen Deutschlands. Seit August 2017 leitet Direktor Dr. Alfred Weidinger das Museum, der zuvor in Wien für das bedeutende Kunstmuseum im Schloss Belvedere als Kurator für die klassische Moderne verantwortlich war sowie das von ihm gegründete Research Center des Belvedere leitete. Ich bin sehr gespannt auf die Weiterentwicklung des Museums.

Der historische Stadtkern von Leipzig ist schön. Die alten Renaissance- und Jugendstilbauten sind liebevoll restauriert, nur wer sich in der ein oder anderen Seitenstraße besonders abseits des Stadtkerns verläuft, spürt einen Hauch davon, wie es wohl zu DDR-Zeiten hier ausgesehen haben muss. Ich spaziere durch die Mädler Passage, in der sich neben unzähligen kleineren Boutiquen und Cafés der weltberühmte Auerbachs Keller aus Goethes Faust befindet. Doch so schön der Stadtkern von Leipzig ist, kann dies nicht der Grund sein, weshalb Leipzig das neue Berlin sein soll, denke ich.

Ich mache mich auf den Weg in die Südvorstadt, die Anfang der Neunziger eine Hochburg für Club-Kultur und Hausbesetzer war. Davon ist leider heute kaum noch etwas zu spüren, muss ich ernüchternd feststellen. Doch ich verstehe, wieso einige Journalisten und Autoren Leipzig mit Berlin in einen Topf schmeißen. Die Umgebung der Karl-Liebknecht-Straße erinnert irgendwie an den Prenzlauer Berg. Aber eigentlich auch nur die Architektur, ein paar junge Familien und weniger die ortsansässigen Restaurants, Geschäfte und Bars. Doch auch Leipzigs Südvorstadt ist schön, gemütlich und weniger aufgeregt als Berlin. Das Nachtleben findet hier aktuell vor allem im Institut für Zukunft und in der Distellery, berühmtes Urgestein unter den House- und Technoclubs der Welt und zugleich ältester Technoclub Ostdeutschlands.

Noch nicht völlig der Gentrifizierung erlegen, ist der Westen Leipzigs. „In den Vierteln Plagwitz und Lindenau wohnen zahlreiche Kreative der Stadt. Das Umfeld der Spinnerei und des Tapetenwerks versprechen aktuell noch bezahlbare Mieten“, so Kristina, die vor wenigen Jahren als Musikern von Jena nach Leipzig gezogen ist.  „Vor allem die bekannte Karl-Heine-Straße und die Spinnerei ist der „Melting Pot“ der freischaffenden Leipziger Kultur- und Kunstwelt“, so Kristina. „In den angesagten Vierteln von Berlin wie Kreuzberg, Mitte, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain könnte ich vermutlich nicht mehr so entspannt wohnen und mir das leisten, wie hier.“, fährt Kristina fort. Ich nicke mit dem Kopf.

© Daniel Köhler

Leipzigs Vielfalt ist nicht einfach zu beschreiben. Doch die Stadt Berlin gegenüberzustellen, macht meiner Meinung nach nur wenig Sinn. Berlin ist einzigartig. Genauso, wie Leipzig dabei ist, eine wahnsinnig spannende Stadt in Deutschland zu werden. Oder ehrlicherweise bereits eine interessante Stadt ist. Das Gefühl Berlins habe ich in Leipzig dennoch nicht gefunden. Und das ist auch gut so…

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Die Fotografien stammen von Daniel Köhler. Daniel Köhler arbeitet als Fotograf und lebt in Leipzig. Hier geht es zu Daniels Instagram Account.

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