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Allgemein 3. Mai 2015

KCRW – Das beste Radio der Welt #2

Wie versprochen: der zweite Teil von „Das beste Radio der Welt“ auf Blog Bohème. Andrea Vollmer und Michael Kuchinke-Hofer haben ein Interview mit Anthony Valadez geführt. Ohne viel vorwegzunehmen: es ist sau interessant geworden! Viel Spaß beim Lesen.

Was unterscheidet KCRW von anderen Radiosendern?

Unser Motto lautet: „Für die Neugierigen“. Wir sind ein Sender, der neue Sounds und Bands entdeckt, der Dinge erforscht, die abseits der Normalität liegen. Das gilt auch für unsere Nachrichtensendungen: Wir wollen Antworten. Wir wollen wissen, warum die Stadtpolitik so ist, wie sie ist. Warum die Politiker tun, was sie tun. Unsere Zuhörer_innen lieben Musik. Sie wollen aber auch informiert werden und wissen, was in ihrer Nachbarschaft passiert – wir versuchen, ihnen all das zu bieten.

KCRW
Musik auch an der Wand © Andrea Vollmer & Michael Kuchinke-Hofer

Wie ist die Arbeitsatmosphäre bei euch, wie sind die Beziehungen zwischen den KollegInnen?

Wir mögen uns sehr. Das ist nicht gekünstelt sondern echt. Ich höre den Sendungen der anderen DJs gerne zu. Und ich frage sie oder twittere ihnen, welchen Song sie da gerade gespielt haben. Ich höre auch die Nachrichtensendungen, weil ich informiert sein will. Ich interessiere mich für die Entwicklung des Senders als Ganzem. Es fühlt sich nicht an wie ein Arbeitsumfeld, sondern wie eines, in dem wir viel entdecken und erforschen können. Wir haben sehr viele Freiräume, weil es ein freies Radio ist und kein kommerzielles. In meiner Sendung kann ich tun und lassen, was ich will. Wir müssen nicht immer wieder dieselben zehn Lieder spielen wie andere Sender.

Von hier in die Welt © Andrea Vollmer & Michael Kuchinke-Hofer
Von hier in die Welt © Andrea Vollmer & Michael Kuchinke-Hofer

Hast du dich eigentlich auf diesen Job bewerben müssen?

Ich arbeite jetzt seit über zehn Jahren beim Radio. Angefangen habe ich mit einer Hip-Hop-Sendung bei einem College-Radio. Als ich älter wurde, lernte ich Weltmusik zu schätzen. Brasilianische Musik, Soul. Später kam noch Jazz dazu. Ich habe KCRW immer geliebt, schon als kleines Kind, habe aber bei einem anderen Sender gearbeitet. 2008 kam dann der Anruf: „Willst du zu KCRW kommen?“ Und wie ich wollte! Das hier ist der Michael Jordan der Musik. Und es war so, als ob mich dieser Michael Jordan angerufen hätte um zu fragen, ob ich mit ihm Basketball spielen wolle. Ich dachte zuerst, sie hätten mich zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Ich nahm mir also vor, sie von mir zu überzeugen und sie meine Begeisterung spüren zu lassen. Als ich dann ankam, sagten sie nur: „Hier sind deine Schlüssel. Montags oder Samstags nachts, kannste dir aussuchen.“ Und dann ich so: „Ich hab die Sendung schon?!“ Das war sehr aufregend. Wie ein Traum, der wahr wurde.

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Anthony Valadez beim stöbern im Archiv © Andrea Vollmer & Michael Kuchinke-Hofer

 Und wie fühlt es sich an, diesen Traum zu leben?

Das ist komisch. Als 14-Jähriger denkt man: „KCRW-DJ, wie krass!“ Wenn man dann hier ist, denkt man: „Ich will aber mehr.“ Damit will ich sagen, dass ich nicht nur Musik auflegen will: Ich möchte auch auf andere Weise helfen.

Dazu muss man wissen: Dies ist ein sehr einflussreicher Sender, nicht nur in L.A. sondern auf der ganzen Welt. Über das Internet können wir weltweit Menschen erreichen. In Berlin, in Spanien, in England und im Nahen Osten. Ich lege etwas auf und dann schreibt jemand auf Twitter: Ich liebe diesen Song! Das wird dann retweeted.

Eine kleine Band wird dadurch wahrscheinlich nicht so groß werden wie Michael Jackson, aber sie kann schon sehr bekannt werden. Manche Bands, die ich einfach nur aufgelegt habe, weil ich sie mochte, bekamen plötzlich einen Plattenvertrag. Ich denke dann immer: „Wow, wie ist das denn passiert?“ Da hab ich kurz vergessen, was für eine Macht wir haben.

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Newly Added Recordings © Andrea Vollmer & Michael Kuchinke-Hofer

Wie hat sich die Arbeit als Radio-DJ im Zeitalter von Internet und Streaming verändert?

Mit 14 war ich noch zu jung, um in Clubs zu gehen. Also hörte ich Radio. Ich erinnere mich, wie ich an dem Sender gedreht habe, um die Station zu finden. Bei KCRW hörte ich Jazz und Hip-Hop. Und merkte: Das mag ich! Ich wusste aber nicht, wie die Leute aussahen, die das auflegten. Das war alles sehr geheimnisvoll. Es fühlte sich so an, als ob sie nur zu mir sprächen. Als ob niemand ihnen zuhörte, außer mir. Das war eine abgefahrene Erfahrung. Aber das ist lange her. Wenn ich jetzt einem DJ zuhöre, google ich seinen Namen und gucke auf Facebook, wie er aussieht. Es gibt keine Geheimnisse mehr.

In meiner Sendung muss ich global denken. Ich mag es, Weltmusik zu spielen, weil ich weiß, dass Menschen weltweit zuhören. Ich versuche, nicht: „Hi, L.A.!“ zu sagen, weil es nicht so ist. Es muss vielmehr heißen: „Hi, world!“ Dasselbe gilt für Formeln wie „Gute Nacht!“ Ich bin von Mitternacht bis 3 Uhr morgens auf Sendung, in Europa ist es dann schon Vormittag. Und in Asien haben die Leute bereits Feierabend.

Tanzt du eigentlich manchmal während deiner Sendung?

Ich bewege mich immer, wenn ich auflege. Ich muss die Musik ausfüllen. Es ist schon komisch: Nach Mitternacht gibt es Zuhörer, die wollen relaxen und Zuhörer, die wollen … [er schnippt]. Dieser Umstand ermöglicht es mir, musikalisch in alle Richtungen zu gehen. Ich mag es, Tanzmusik zu spielen, Jazz, Soul und brasilianische Musik. Genauso mag ich es, eine neue Rock-Platte aufzulegen. Ich spiele nicht drei Stunden lang die gleiche Sorte Musik.

Anthony Valadez auf dem Weg zum Sender © Andrea Vollmer & Michael Kuchinke-Hofer
Anthony Valadez auf dem Weg zum Sender © Andrea Vollmer & Michael Kuchinke-Hofer

Was ist die von dir am häufigsten gespielte Platte?

Ich versuche, jede Woche neue Musik zu spielen. Aber es gibt einige Songs, die ich immer wieder spielen könnte. Gerade mag ich das Album „Definitely Now“ von Liam Bailey, einem englischen Musiker aus Nottingham. Der Song „Stun me“ ist wunderschön. Sehr soulig, sehr melodisch. Und sehr cool. Habe ich schon oft in meiner Sendung gespielt.

Hast du einen Lieblingsort im Sender?

Ich mag es, auf Sendung zu sein. Im Studio geschieht das Wunder. Wenn man ins Mikro spricht und Musik auflegt, dann stimmt alles und die Zeit vergeht wie im Flug.

Im Plattenarchiv von KCRW gibt es eine Abteilung, die dafür verantwortlich ist, dass ich mich in den Sender verliebt habe. Und ich hab auch schonmal Remixe gefunden, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt. Vinyl liebe ich über alles.

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Anthony Valadez, auf der Suche nach Musik © Andrea Vollmer & Michael Kuchinke-Hofer

Was bedeutet dir dieser Ort – der Keller des Colleges? Freust du dich auf den Umzug?

Ich bin immer gespannt auf Neues. Und ich glaube, dass sich viele Leute, die hier noch länger arbeiten als ich, sehr auf eine neue Umgebung freuen. Trotzdem mag ich es sehr, hierher zu kommen. Ich mag diesen Geruch, der einem entgegen schlägt, wenn man die Tür öffnet. Ich mag die Platten riechen. Das werde ich vermissen. Dieser Ort hat auch eine großartige Geschichte. All die tollen Bands, die hier gespielt haben: Coldplay, DJ Shadow. Aber ich weiß, dass wir in einem neuen Gebäude neue Geschichte schreiben werden.

You're listening to... © Andrea Vollmer & Michael Kuchinke-Hofer
You’re listening to… © Andrea Vollmer & Michael Kuchinke-Hofer

Fotografie und Interview: Andrea Vollmer und Michael Kuchinke-Hofer. Übersetzung: Ellen Wesemüller

 

Danke für die schöne Zusammenarbeit auf Blog Bohème.

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