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Personal Vegetarian / Vegan Food 27. Januar 2015

„Junked Food“: aber bitte nicht in den Müll!

Es ist kurz vor 17 Uhr an einem verregnetem Sonntag. Schon einige Monate her. Ich bin auf dem Weg zu einer sogenannten „Foodsharing“ Ausgabe. Jeder ist willkommen. Ein bisschen merkwürdig fühle ich mich trotzdem auf dem Weg zur Essensausgabe. „Essensausgabe“: wie das schon klingt. Schließlich bin ich ja nicht bedürftig. Aus der Ferne sehe ich eine lange Warteschlange von Menschen vor dem Gebäude, die sich sowohl durch ihre Nationalität, als auch durch ihre mitgebrachten, buntfarbenen Einkaufstaschen der bekannten Discounter und geflochtenen Einkaufskörben unterscheiden. Manche scheinen bedürftig zu sein. Andere wiederum tragen Markenbekleidung und unterhalten sich über ihre anstehende Abschlussarbeit an der Universität, sowie über politische und gesellschaftliche Dinge: Arbeitslosigkeit, Hunger, Überfluss.

Nicht jeder, der hier Lebensmittel abholt, will unbedingt die Welt retten. Das ist mir klar. Auch ich nicht. Dafür ist die Welt einfach zu komplex. Aber die Tatsache, dass wir in einer verdammten Überflussgesellschaft leben, die Lebensmittel nicht mehr wertschätzt, ist zum schreien. Ich tippe auf meinem Smartphone rum, mache die Musik ein wenig leiser, damit ich den Unterhaltungen vor mir weiter lauschen kann. Unterhalten möchte ich mich trotzdem gerade nicht. Dafür geht mir zu viel durch den Kopf.

An der Tür des Gebäudes steht eine kleine, aber kräftige Person, die immer zwei Personen in die Wohnung bittet. Wahrscheinlich, damit nicht alle Lebensmittel auf einmal mitgenommen werden. Es soll ja für alle reichen. Mittlerweile hat es aufgehört zu regnen und die Sonne ist fast untergegangen. Nur noch zwei Personen vor mir, dann bin ich an der Reihe. Etwa 25 Minuten sind vergangen. Das Gute ist, dass es zwar einen Türsteher gibt, aber jeder reingelassen wird. Mittlerweile sind acht Personen mit prall gefüllten Taschen an mir vorbeigelaufen. Kann das wahr sein, denke ich mir, während mir der Mann an der Tür auf die Schulter klopft, sich mit dem Namen Stephan vorstellt und mich in das Gebäude schiebt, nachdem zwei weitere Personen an mir vorbeigegangen sind und sich verabschieden. „Nimm so viel mit, wie Du tragen und essen kannst!“, ruft Stephan fast schon drohend.

Eine weitere Tür, die aber bereits offen steht, führt zur Essensausgabe. Ich bin sprachlos und kann meinen Augen nicht trauen. Zwei riesige Kühlschränke, die man besser aus Diskotheken kennt: gefüllt mit unzählige Lebensmitteln: Milch, Joghurt, Frischkäse, Wurst, Käse, Sahne, Pudding, Salat, abgepackte Sandwiches und Kuchen. Hier herrscht fast das gleiche Überangebot wie im Supermarkt. In einem weiteren Raum stehen Biertischgarnituren mit Obst und Gemüse. Und Brot: kiloweise Brot. Alles über dem Mindesthaltbarkeitsdatum, mal zwei oder drei Tage. Manchmal auch eine Woche. Die Lebensmittel haben nie eine Tonne von innen gesehen. Sie wurden von ehrenamtlichen LebensmittelretterInnen bei verschiedenen Supermarktketten davor abgeholt.

Nach knapp zehn Minuten bin ich schon auf dem Weg nach Hause. Mit einer gefüllten Tasche versteht sich, denn ich sollte ja soviel wie möglich mitnehmen… In was für einer Welt leben wir eigentlich?

Nach einer Studie der Universität Stuttgart aus dem Jahr 2012 und gefördert durch das Bundesministerium, wirft jeder von uns pro Jahr durchschnittlich 82 Kilogramm Lebensmittel weg. Das entspricht etwa zwei vollgepackten Einkaufswägen. Aufs ganze Land hochgerechnet ergibt das einen gewaltigen Berg von 6,7 Millionen Tonnen. (Quelle: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft) Und eigentlich sollte doch jeder wissen, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht bedeutet, dass man die Lebensmittel sofort in die Mülltonne schmeißen muss. „Das Mindesthaltbarkeitsdatum gibt den Zeitpunkt wieder, bis zu dem ein Lebensmittel unter angemessenen Aufbewahrungsbedingungen seine spezifischen Eigenschaften behält. Nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums ist die Ware nicht automatisch verdorben.“ (Quelle: SGS Institut Fresenius GMBH)

Wer sich dafür mehr interessiert, kann im Internet viele gut recherchierte Informationen zum Thema nachlesen. Mir persönlich ist das Thema seit einiger Zeit sehr ans Herz gewachsen. Ich möchte nicht, dass Supermärkte aus allen Nähten platzen und es von jedem Produkt x-beliebige Ausführungen gibt. Mit (unter anderem) der Folge, dass am Ende knapp 40 Prozent der hergestellten Lebensmittel in der Tonne landen. Das ist doch krank! Und ich weiß sehr wohl, dass ich das Problem nicht lösen werde, wenn ich Lebensmittel vor dem Wegwerfen rette. Das Problem ist ein anderes, das sicherlich darüber hinaus zu kompliziert für einen einzigen Blogpost ist.

Auf Blog Bohème gibt es ja eine eigene Kategorie „Vegetarian / Vegan Food“. Und da ich in den letzten Wochen festgestellt habe, wie unfassbar gut man mit Lebensmitteln kochen kann, die eigentlich für die Tonne bestimmt sind, gibt es hier ab sofort meine Rezepte dazu. Das erste Pasta Rezept „Fussili alla tonna“ ist zu fast 100 % aus „junked food“, d.h. weggeworfenen Lebensmitteln gekocht worden…

Rezept: „Fussili alla tonna“ 

  1. Zwiebeln und Knoblauch klein hacken (Wer dabei weinen muss, kann ja jemand anderen dazu verdonnern. Alleine kochen macht sowieso nicht soviel Spaß!)
  2. Olivenöl in einer Pfanne erhitzen und Zwiebeln und Knoblauch anbraten
  3. Gehackte Tomaten dazugeben (1 Dose – ich glaube, dass Dosentomaten nie schlecht werden?)
  4. Mit Chili, Pfeffer, Salz und Gartenkräuter ordentlich würzen
  5. Fussili bissfest kochen (eh klar)
  6. Nudeln mit Soße vermengen
  7. Rucola als Garnitur (Rucola landet eigentlich immer in der Tonne, wie ich das festgestellt habe. Parmesan hingegen leider nicht so oft. Muss aber ja auch nicht zwingend sein.)
  8. Guten Appetit

 

Übrigens: Die Dokumentation „Taste the Waste“ von Valentin Thurn ist sehr empfehlenswert.

Film: © Valentin Thurn

 

5 Comments

  1. Claudia Claudia

    Ein wichtiges Thema und wirklich gut geschrieben. Bin ganz zufällig gerade auf Blog Bohème gestoßen, werde ab jetzt aber öfter mal vorbeischauen.

    • Hallo liebe Claudia.

      Danke für dein Feedback. Wie bist Du denn auf Blog Bohème gekommen? In Zukunft kommen immer wieder Themen, die sich um „Nachhaltigkeit, Konsum, Überfluss, Minimalismus etc.“ drehen. Liebe Grüße, Michael

  2. […] Noch einmal zurück zum Bauern Willi und seiner vermutlich nachvollziehbaren Wut auf billige Lebensmittel. Lebensmittel können manchmal auch billiger werden und es ist doch ein tieferer Sinn in der Preisentwicklung, und zwar dann, wenn man sie damit vor dem Müll rettet. Herrlich kompliziert, das alles – andere Produkte müssen nämlich bekanntlich viel teurer werden, damit es alles sinnvoll bleibt oder wieder wird. Wie es sich anfühlt Lebensmittel einzusammeln, die bereits im Sinne des Handels entwertet, aber noch nicht im Müll sind, kann man hier nachlesen. […]

  3. […] Noch einmal zurück zum Bauern Willi und seiner vermutlich nachvollziehbaren Wut auf billige Lebensmittel. Lebensmittel können manchmal auch billiger werden und es ist doch ein tieferer Sinn in der Preisentwicklung, und zwar dann, wenn man sie damit vor dem Müll rettet. Herrlich kompliziert, das alles – andere Produkte müssen nämlich bekanntlich viel teurer werden, damit es alles sinnvoll bleibt oder wieder wird. Wie es sich anfühlt Lebensmittel einzusammeln, die bereits im Sinne des Handels entwertet, aber noch nicht im Müll sind, kann man hier nachlesen. […]

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