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Digitaler Nomade Lifestyle 1. März 2017

Inspired by Sebastian Kühn von „Wireless Life“

Überall auf der Welt arbeiten können. Ständig auf Reisen sein. Und gleichzeitig noch ausreichend Geld verdienen. Der Traum vieler Menschen. Wir haben mit Sebastian Kühn, Autor und Herausgeber von „Wireless Life“ gesprochen, der genau diesen Traum lebt.

1. Es gibt mittlerweile unzählige Artikel und die unterschiedlichsten Meinungen zu dem Thema „Digitales Nomadentum“. Kannst du uns kurz erklären, was es für dich bedeutet, als digitaler Nomade zu arbeiten?

Der Begriff digitaler Nomade wird in Deutschland seit ca. 2012 als Trend von den Medien und auch in der Blogosphäre genutzt, weil er sich einfach gut verkauft. Das mitschwingende Klischee zeigt dann einen entspannten Webworker, der auf einer thailändischen Insel sein Online Business von der Hängematte aus steuert. Die Realität ist natürlich anders und deutlich vielschichtiger. Es sind Selbständige, die ihre Leistung komplett über das Internet erbringen, womit zeitliche und örtliche Unabhängigkeiten geschaffen werden. Genau diese Freiheiten zu haben, das verstehe ich unter dem Begriff digitaler Nomade (oder besser ortsunabhängiger Unternehmer).

2. Wie bist du zu diesem Lebensstil gekommen und was hast du davor beruflich gemacht?

Nach ein paar Jahren im Verkauf und Marketing bei verschiedenen Unternehmen und einem BWL-Studium hat es mich mit meiner Partnerin nach Shanghai verschlagen. Dort hatte ich bis Mitte 2012 meine letzte Festanstellung im Online Marketing. Der Frust über das tägliche Pendeln und die wenige Mitbestimmung hat dann dazu geführt, dass ich mich als Freelancer im Bereich Übersetzungen und Social Media Marketing selbständig gemacht habe. Vom Freelancing habe ich mich in den Folgejahren schrittweise getrennt und verstärkt an eigenen Projekten (Blog, eCommerce, Affiliate Marketing) gearbeitet. Ich hatte immer den Antrieb dafür, nach Alternativen zu suchen, bin dann aber eher da reingerutscht und habe auf dem Weg dazugelernt.

3. Von der Hängematte mit Strandblick aus arbeiten, klingt fast zu schön um wahr zu sein. Die Realität sieht ja oftmals anders aus, denn auch digitale Nomaden haben Deadlines und Kunden, die gut betreut werden wollen. Welche Vor- und auch Nachteile siehst du im digitalen Nomadentum?

Für die meisten digitalen Nomaden steht der Lifestyle im Mittelpunkt. Das bedeutet für mich, dass ich bereit bin auf einen Teil meines Einkommens zu verzichten, wenn ich mir dadurch mehr Flexibilität erschaffen kann. Anstrengende Kunden mit knappen Deadlines möchte ich gar nicht erst bedienen, sondern verfolge ein Geschäftsmodell, das mir möglichst viele Freiheiten bietet. Also ganz konkret: nur sehr wenig direktes Kundengeschäft, dafür vermehrt automatische Auslieferung von digitalen Produkten wie eBooks oder physischen Produkten über Markplätze wie Amazon. Auch bei Offline Veranstaltungen achte ich mehr darauf, dass die Teilnehmer von Workshops und Workations meinen Wunschkunden entsprechen, anstatt den Umsatz auf Teufel komm raus steigern zu wollen. Diese Selbstbestimmung ist für mich der größte Vorteil. Einen Nachteil sehe ich in der ständigen Erreichbarkeit, der ich mich durch Social Media und E-Mail ausgesetzt fühle. Außerdem wurde es für mich irgendwann unbefriedigend, ständig nur vor dem Bildschirm zu sitzen, weshalb ich Offline-Events veranstalte und mir viel Freizeit abseits vom Laptop gönne.

4. Das Reisen kann auf Dauer ziemlich anstrengend sein. Die Veränderung der Umgebung und das Anpassen an verschiedene Zeitzonen stelle ich mir schwierig vor. Wie kann man trotzdem effektiv arbeiten? Hast du ein paar Tipps?

Das musste ich auch feststellen. Ziemlich schnell musste ich einsehen, dass ich nicht alle paar Tage den Ort wechseln und dabei produktiv arbeiten kann. Wenn ich heute reise, dann bin ich im Wartungsmodus, arbeite also maximal 2-3 Stunden am Tag. Wenn ich an fremden Orten aktiv ein Projekt vorantreiben möchte, dann bleibe ich dort mindestens einen Monat. Dann kann ich mir vor Ort eine produktive Routine und Arbeitsumgebung schaffen. Genau das würde ich auch allen Lesern raten – wirklich reisen und dabei produktiv arbeiten ist für mich eine Illusion.

5. Was rätst du Leuten, die gerne als digitale Nomaden durchstarten wollen, jedoch handwerkliche Berufe ausüben?

Sich mit der Geschäftsidee entweder auf ein Hobby abseits des Handwerks konzentrieren oder versuchen, aus dem gelernten Handwerk ein Online Business zu machen. Der Tischler kann beispielsweise ein Informationsportal zu den besten Holzsorten für Gartenmöbel aufbauen, ein Dienstleisterverzeichnis für seine Region starten oder Azubis mit verschiedenen Materialien bei der Prüfungsvorbereitung helfen. Auch vorstellbar ist, dass das Tischlerhandwerk leicht verständlich in kurzen Videos für Hobbybastler gezeigt wird. Am besten überlegst du, welche Bedürfnisse und Probleme es in deiner Branche gibt und versuchst dann, eine Problemlösung dafür anzubieten.


6. In Deutschland sind wir ganz schön verwöhnt von unserem hohen Lebensstandard, der in Ländern wie etwa Asien kaum gehalten werden kann. Welche Erwartungen an diesen Lebensstil sollte man mitbringen und wie kann man sich im Voraus darauf einstellen?

Meiner Erfahrung nach wird der Lebensstandard in Deutschland eher beklagt und wenn Leute dann zum ersten Mal nach Asien kommen, sind sie begeistert davon, was sie sich mit wenig Geld alles leisten können. Aber natürlich gibt es auch die ewig Nörgelnden, denen sowieso nie etwas recht ist. Generell sollte man sich in vielen Gebieten Asiens oder auch Lateinamerika darauf einstellen, dass es mit der Hygiene nicht immer so genau genommen wird, der Anspruch an guten Service nicht überall genauso hoch ist und Regeln und Gesetze manchmal eher als unverbindliche Vorschläge gesehen werden. Ich finde es extrem wichtig, sich mal verschiedenen Kulturen auszusetzen, um dann besser vergleichen und das heimische Leben in eine andere Perspektive rücken zu können.

7. Würdest du sagen dass diese Art von Lifestyle nur einen Trend darstellt, weil sich langfristig viele Leute unserer Gesellschaft nach einem Ort sehen, an dem sie sich zugehörig fühlen und zur Ruhe kommen können?

Da würde ich teilweise zustimmen. Für viele Menschen, die ich treffe, ist es ein Abenteuer, was ein paar Jahre lang andauert. Dann sehnen sie sich aber doch nach Stabilität, wollen eine Familie gründen und sich irgendwo niederlassen. Aber ich sehe das Ganze auch nicht so schwarz und weiß. Für mich selbst ist es total wichtig, ein Zuhause zu haben, weshalb ich zur Zeit auch eine feste Wohnung in Singapur habe. Dieses Zuhause bindet mich aber nicht für den Rest meines Lebens. Es ist eher ein mentales Zuhause, als eine Anhäufung von Gegenständen. Alle paar Wochen packe ich dann meine Sachen und fliege nach Vietnam oder Bali. Das Gleiche kann ich mir auch noch in 10 Jahren mit Kindern vorstellen.

8. Die Werte unserer Gesellschaft sind stark im Umbruch. Wir suchen nach einer Arbeit, die uns erfüllt, einen Sinn hat und wenn sie nicht existiert, dann schaffen wir sie uns selbst. Wie denkst du, werden wir in der Zukunft arbeiten?

Ich denke das genau hier der Trend des digitalen Nomadentums weiter zunehmen wird (ob sich der Begriff in ein paar Jahren noch hält, sei mal dahingestellt). Es werden immer mehr Menschen außerhalb von klassischen Büros und Bürozeiten arbeiten, davon bin ich überzeugt. Firmen werden ihren Mitarbeitern immer mehr Freiheiten einräumen müssen, denn anders bekommen sie die gut ausgebildeten Millenials gar nicht mehr dazu, für sie zu arbeiten. Der Wunsch nach Individualität und Sinnhaftigkeit wird sicher auch weiter zunehmen, was an sich ja auch eine sehr positive Entwicklung ist. Kritisch sehe ich jedoch, dass sich vor allem junge Menschen aufgrund der Vielzahl an Optionen gar nicht mehr entscheiden können oder wollen. Es fehlt oft die Ausdauer, da das “next big thing” immer an der nächsten Ecke lauert.

9. Wie pflegst du die Beziehungen zu deinen Freunden und deiner Familie, wenn du oft unterwegs bist?

Viele Freundschaften haben sich in den letzten Jahren verloren, was aber auch okay ist. Heute habe ich weniger Beziehungen, die dafür sehr intensiv sind und auf gemeinsamen Interessen und Werten basieren (anstatt auf Postleitzahlen). Die wenigen Menschen, die mir wirklich wichtig sind, sehe ich heute viel öfter, da wir die Freiheiten haben, uns jederzeit überall auf der Welt zu treffen. Ähnlich ist es mit meiner Familie, die ich natürlich weniger sehe, mit der ich dafür aber mindestens zweimal pro Jahr eine sehr intensive Zeit während Heimatbesuchen oder gemeinsamen Urlauben verbringe. Diese „Quality Time“ hatten wir damals im geschäftigen Alltag selten.

10. Gibt es für dich ein danach, nach dem Nomadenleben?

Da mache ich mir ehrlich gesagt keine Gedanken zu. Es gibt in meinem Kopf weder ein typisches Nomadenleben, noch eine Zeit danach. Ich versuche für mich eine gute Balance aus Stabilität und Freiheit zu finden. Das wird ziemlich sicher auch immer so bleiben. Alles andere kann sich jederzeit verändern, was das Leben ja auch spannend macht. Vorstellen kann ich mir heute, dass wir in zehn Jahren an zwei bis drei Orten in der Welt eine kleine Eigentumswohnung haben und dort je nach Lust und Laune leben.

11. Mal angenommen, man entscheidet sich für ein Leben als digitaler Nomade. Würdest du zuerst auf Kundenakquise gehen, bevor du das Land verlässt, oder hast du Erfahrungen mit Jobs vor Ort sammeln können?

Wichtig finde ich es, dass man sich zuerst als Unternehmer versteht. Digitaler Nomade ist ein Lifestyle aber nichts, mit dem man Geld verdient. Zuerst bist du selbständig, dann kann diese Selbständigkeit in einen Rahmen verpackt werden. Sobald das Business einmal läuft ist es viel leichter, auch von unterwegs aus zu arbeiten. Das gleichzeitige Reisen und der Aufbau der Selbständigkeit kann eine ganz schöne Doppelbelastung werden. Als Alternative für all die Leser, die den Lifestyle einfach mal testen wollen, würde ich empfehlen, sich mal für ein paar Monate an Orten wie Chiang Mai oder Bali eine günstige Wohnung zu mieten, dort fokussiert zu arbeiten und sich mit anderen digitalen Nomaden zu vernetzen. Dann wird man ziemlich schnell merken, ob das ein befriedigendes Lebensmodell ist.


12. Wie sieht ein „gewöhnlicher“ Tag in deinem Leben aus?

Ziemlich unspektakulär. Wenn ich in Singapur bin, dann arbeite ich meist den halben Tag in einem Coworking Space, treffe mich zum Mittag mit Freunden, arbeite nachmittags noch etwas im Home Office weiter und verbringe den Abend mit meiner Partnerin. Im Durchschnitt bin ich ca. 4-5 Monate im Jahr unterwegs, wo es dann wenig Routinen gibt. Dann nehme ich auch ganz bewusst nicht viel Arbeit mit, sondern bin eher im Wartungsmodus (E-Mails beantworten, wichtige Skype Calls machen, …).

13. Das digitale Nomadentum ist in unserer Gesellschaft noch nicht wirklich verbreitet. Für viele Menschen ist diese Art von Lifestyle sicherlich kaum vorstellbar und eventuell auch schwer nachzuvollziehen. Wie also schafft man den Absprung ohne sich als Ausreißer aus der Gesellschaft zu fühlen?

Auch hier kann ich wieder nur raten, dieses Lebensmodell nicht so absolut denken. In meinen Augen gibt es nicht den einen oder anderen Weg. Ich muss kein Rebell werden, der die Arbeitnehmergesellschaft verflucht, sondern kann beispielsweise als Familienvater ganz einfach mein Online Business vom Home-Office aus betreiben und trotzdem noch zum wöchentlichen Stammtisch gehen. Jeder sollte sich genau die Puzzlestücke aus verschiedenen Modellen zusammensuchen, die für die eigene Lebenssituation passen. Je stärker man sich mit anderen digitalen Nomaden vernetzt, desto mehr wird sich zwangsläufig das eigene Umfeld verändern. Das muss man akzeptieren, wenn einen dieser Lifestyle glücklich macht.

14. Welche Ereignisse haben dich während deiner Reisen am meisten geprägt und wie hat sich dein Werte-System verändert?

Anfangs war es ein rein finanzielles Überleben. Als ich nach einem Jahr ein gutes Grundeinkommen hatte, konnte ich meine Prioritäten etwas verschieben. Ich mache mir heute sehr viele Gedanken darüber, mit wem ich zusammenarbeiten möchte (Kunden, Partner), wie nachhaltig mein Business ist und welchen Mehrwert ich schaffe. Ich hinterfrage viel mehr Dinge als früher, anstatt Idealen hinterherzurennen, die von anderen Menschen vorgelebt werden. Geprägt haben mich dabei immer wieder Menschen, die ich unterwegs getroffen habe – andere Online Unternehmer aber auch Einheimische in Asien, die mir durch ihre Geschichten immer wieder bewusst machen, dass ich im Leben nicht durch das ständige Streben nach mehr glücklich werde.

15. Du triffst sicherlich eine Vielzahl an Menschen, die die gleiche Lebenseinstellung mit dir teilen. Ist es schwierig für dich, zurück in die Heimat zu kommen und die typisch deutsche Mentalität zu spüren?

Ich fühle mich nach wie vor sehr stark mit Deutschland verbunden und schätze viele der Werte und Möglichkeiten, mit denen ich aufgewachsen bin. Nach ein paar Jahren im Ausland habe ich gelernt, dass die Mentalität in anderen Ländern an der Oberfläche zunächst angenehmer erscheinen mag, wenn man aber erstmal ein paar Jahre in einem Land lebt, dann lernt man mehr Schattenseiten kennen. Genauso ist das mit der Bürokratie in anderen Ländern, die als Tourist so furchtbar unkompliziert erscheint, was aber ein Trugschluss ist, wenn man sich dort wirklich niederlässt. Mir gefällt ein Mix aus den hohen deutschen Ansprüchen und dem „sorgenfrei in den Tag leben“, das man in Asien oder Lateinamerika spürt.

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