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Feuilleton Fotografie 27. August 2016

Hinter der Fassade: Die Fotografien von Alice Springs

Über zehn Jahre ist es mittlerweile her, dass der Fotograf Helmut Newton an den Folgen eines Verkehrsunfalls in Los Angeles gestorben ist. Seine Fotografien, vor allem die schwarz-weiß Porträts starker Frauen – meistens nackt oder leicht bekleidet – sind bis heute unvergessen.

Doch auch Newton selbst, ist immer wieder auf Fotos zu sehen. Mal mit Richard Avedon in die Leere starrend, dandyhaft mit David Bailey und Don McCullin oder oberkörperfrei und lächelnd mit Luciano Pavarotti. Und da gibt es noch diese eindringliche Fotografie aus dem Chateau Marmont aus dem Jahr 1991, welches Newtons Frau zeigt, die sich im Spiegel fotografiert. Im Hintergrund ihr Ehemann, leicht melancholisch blickend und nachdenklich. Junes Haltung selbstbewusst, die Kamera im Anschlag und ihr Gesicht verdeckend.

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Nicht nur Helmut Newton konnte mit seiner Kamera besonders ausdrucksstarke Motive einfangen, sondern auch seine Frau June. Angefangen hat alles mit einer Grippe ihres Mannes. Als Helmut Newton erkrankte, sprang June Newton ein und fotografierte an seiner Stelle ein Anzeigenmotiv für die Zigarettenmarke Gitanes. Die Aufnahme eines rauchenden Models war die Initialzündung für eine neue Laufbahn: Unter dem Pseudonym Alice Springs fotografierte June Mode, Prominente und die Punkszene in L.A. Diese zeitgleich mit ihrer Ausstellung im Maison Européenne de la Photographie in Paris erscheinende Auswahl ihrer Bilder zeigt die Glamouröseste und die etwas rauere Wirklichkeit rund um die Melrose Avenue in den 1980ern und einige ihrer eindringlichsten Selbstporträts sowie Fotografien von Helmut Newton.

June Newton wurde 1923 in Melbourne, Australien als June Browne geboren. Als junge Frau interessierte sie sich leidenschaftlich für das Theater, trat unter dem Namen June Brunell auf und erhielt den Erik Kuttner Preis als beste Darstellerin im Jahr 1956. Sie heiratete 1948 den Fotografen Helmut Newton und war seit 1970 ebenfalls als Fotografin unter dem Künstlernamen Alice Springs tätig. Ihre Werke wurden weltweit ausgestellt und unter anderem in Vanity FairInterviewElle und Vogue veröffentlicht. Zu den vielen berühmten von ihr portraitierten Menschen zählen William S. Burroughs, Catherine Deneuve, Graham Greene, Roy Lichtenstein, Robert Mapplethorpe, Yves Saint Laurent und Nicole Kidman. (Quelle: TASCHEN)

Cover of the English/ German/ French Edition

Was aber macht ihre Fotografien so besonders?

Es ist erstaunlich, welche Kraft und Empathie ihre Fotografien besitzen. Da gibt es beispielsweise die Fotografie des französischen Schriftstellers Olivier de Kersauson aus dem Jahr 1979, die fast schon hypnotisch wirkt. Sein Gesichtsausdruck kühl, sein Blick starr. Zwischen den Lippen eine Zigarette, in der linken Hand eine Streichholzschachtel, in der rechten Hand ein Streichholz. Alice Springs schafft es, den Menschen ihre Individualität zu lassen und in den Gesichtern der Menschen zu lesen. Oder die Aufnahme der gerade mal zwanzigjährigen Nicole Kidman aus dem Jahr 1988, die mit verschränkten Armen und einem schwarzen Rollkragenpullover ausdrucksstark in die Kamera schaut. Alice konnte eine Sache gut: Sie hat es geschafft nicht nur auf die Fassade, sondern auch hinter die Fassade der Menschen zu schauen. Zeitgleich mit einer großen Ausstellung ihres Werkes in der Helmut Newton Stiftung Berlin ist der Band „Alice Springs: The Paris MEP Show“ im TASCHEN Verlag erschienen.

Cover of the English/ German/ French Edition
Cover of the English/ German/ French Edition

Alice Springs. The Paris MEP Show
June Newton
Hardcover, 21 x 27,5 cm, 112 Seiten (39,99 Euro)
Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch

Ausstellung
02. Juni – 20. November 2016
Alice Springs. The MEP Show
Helmut Newton Foundation, Berlin

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