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Personal Ressourcen 31. Januar 2018

Flugangst: Einfach einsteigen und entspannen

Immer wieder schreiben uns vereinzelt Leser und Leserinnen, dass sie auch so gerne mal nach Kuba, in die Karibik, die USA oder nach Mauritius reisen würden. Einziges Problem: die langen Flugzeiten und die damit verbundene Flugangst. Aus diesem Grund haben wir uns mit René Liebing unterhalten, der seit 10 Jahren als Pilot arbeitet und seit 2012 für Condor fliegt. Auch wenn die Angst vor dem Fliegen völlig irrational ist, kann es helfen, sich immer wieder bewusst zu machen, dass im Grunde kaum etwas passieren kann. Renés Antworten können Euch hoffentlich dabei helfen, eure Flugangst zu überwinden oder geben Euch zumindest ein besseres Gefühl, sobald der nächste Flug ansteht.

Was bedeuten die verschiedenen Töne an Bord?

Während eines Fluges hört der Fluggast viele unterschiedliche Töne. Ein sehr häufiger Ton ist der, den man hört, wenn die Flugbegleiter und das Cockpit miteinander kommunizieren möchten. Das Ganze ist also nichts anderes als ein Klingelton, bei dem das Cockpit die Flugbegleiter anrufen kann oder umgekehrt. Ein weiterer Ton erklingt, wenn ein Passagier den „Cabin Call“-Knopf drückt.

Ist ein Flug turbulenter bei Regen?

Das muss nicht unbedingt sein. Für Turbulenzen ist maßgeblich der Wind zuständig. Es gibt sogenannte „Clear Air“-Turbulenzen, die bei völlig klarer Sicht stattfinden können. Bei sogenannten „Jet Streams“ ist meistens kein Regen dabei. Als Jetstream bezeichnet man einen starken, bandförmigen Windstrom.

Wo sitzt man im Flugzeug eigentlich am besten?

Dazu gibt es eine interessante Statistik. Laut dieser soll es wohl innerhalb der sechs Reihen zwischen den Notausgängen am besten sein. Für die Leute, denen oft übel wird, könnte es hilfreich sein, im sogenannten „Center of Gravity“ zu sitzen. So heißt der Schwerpunkt des Fliegers, der in der Regel in der Nähe der Tragflächen liegt.

Stellt Nebel eine Gefahr dar?

Wenig Sicht bedeutet immer eine gewisse Herausforderung beim Fliegen, aber grundsätzlich ist es nicht wirklich eine Gefahr. Zum sicheren Landen des Fliegers sollte die Horizontalsicht, also die Sicht nach vorne, mindestens 70 Meter betragen. Das ist wie beim Autofahren auch: Da sollte die Sicht immer mindestens 50 Meter betrage. Dieses Szenario wird ausgiebig im Simulator trainiert und gehört zum Fliegeralltag.

Kann ein Flügel brechen?

Grundsätzlich können Flügel natürlich brechen, aber dafür bräuchte es schon eine wirklich  sehr extreme Belastung. Physikalisch gesehen ist in der Regel eine Belastung von zwischen positiven 2,5 G bis zu negativen 1,0 G möglich. G-Kräfte sind Belastungen, die durch Richtung der Geschwindigkeit auf einen Gegenstand einwirken. Zusätzlich gibt es auf diesen G-Werten 50% safety margin obendrauf. Das macht insgesamt bis zu 3,75 G die möglich wären, und das wäre schon wirklich eine sehr extreme Belastung, die unwahrscheinlich zu erreichen ist.
 
Was muss eigentlich alles passieren, dass es zu einer Notlandung kommt?

Sicherheit hat in der Luftfahrt stets höchste Priorität. So kommt es schon des Öfteren vor, dass vorsorglich eine Zwischenlandung durchgeführt wird. Dies kann mehrere Ursachen haben. Sobald auf unseren Bordinstrumenten eine Fehlermeldung angezeigt wird, gehen wir dieser nach. Wenn der Weiterflug auch nur im Geringsten beeinträchtigt wäre, wird auf einen der nächstgelegenen Flughäfen ausgewichen. Dabei kann es sich auch herausstellen,  dass die Fehlermeldung irrtümlich aufgetreten ist. Eine Zwischenlandung kann natürlich auch eingeleitet werden, wenn ein Menschenleben in Gefahr ist, zum Beispiel bei einem medizinischen Notfall an Bord, wenn ein Passagier ein Herzleiden oder ähnliches aufweist.

Wie hältst Du dich als Pilot fit? 

Ich persönlich mache viel Sport, achte auf meine Ernährung und höre vor allem auf meinen Körper. Man ist als Pilot vielen Klimaunterschieden ausgesetzt. Durch die unterschiedlichen Zeitzonen hat man auch mal einen Jetlag. Allgemein höre ich bewusst auf meinen Körper, und wenn ich müde bin, versuche ich genügend Schlaf zu bekommen.

Wie viel Stunden arbeitest Du durchschnittlich?

Mit reinen Flugstunden, Vor- und Nachbereitungszeit, Dienstflügen, Dienstwegen und allem was dazugehört komme ich im Monat auf rund 110 Stunden insgesamt.  Durchschnittlich habe ich dann rund 10 Tage im Monat frei.

Was sind deine persönlichen Lieblingsreiserouten?

Mein absolutes Lieblingsziel ist Kapstadt in Südafrika. Aufgrund des guten Wetters, der geringen Zeitverschiebung und der tollen Freizeitmöglichkeiten fliege ich immer wieder gerne hin. Zudem fliegen wir im Sommer sehr oft Nordamerika an, was mir auch immer sehr gut gefällt. Mein Highlight ist hier Portland, Oregon. Im Mai kommt Phoenix auch noch als neues Condor Ziel in Amerika hinzu. Da werde ich versuchen auf einem der ersten Flüge dabei sein zu können.

Ist ein Flug über dem Meer bzw. die Berge turbulenter als über Land?

Grundsätzlich kann man sagen, dass Flüge über den Bergen oder dem Meer dazu tendieren, turbulenter zu sein. Das hängt damit zusammen, dass der Wind, der über die Bergkämme hinweg bläst, zu Luftverwirbelungen führen kann. Über dem Meer kann es durchaus auch mal turbulenter werden, das beste Beispiel sind Starkwindfelder, sogenannte Jetstreams, über dem Nordatlantik. Über dem Meer steigt außerdem warme Luft auf, die besonders in niedrigeren Höhen Turbulenzen hervorrufen kann. Aber das ist alles harmlos, vielleicht vergleichbar mit einem Schotterweg, das rumpelt auch ein wenig.

Wird die Maschine jedes Mal vor dem Abflug überprüft?

Ein Flugzeug wird vor jedem Flug vom Kapitän höchst persönlich überprüft. Im sogenannten „walkaround“ checkt er das gesamte Flugzeug von außen nach möglichen Schäden, Abnutzungen oder Unregelmäßigkeiten.

Was war dein abenteuerlichster Flug? 

Der Flug nach Funchal in Portugal ist jedes Mal aufs Neue spannend. Durch wechselnde Windbedingungen, die Topografie des Airports und die umherliegenden Berge ist der Anflug eine schöne Abwechslung.

Mit was für Gefühlen gehst du ins Cockpit?

Dadurch, dass ich meinen Job so gerne ausübe, betrete ich das Flugzeug immer mit  einem positiven Gefühl. Im Cockpit fühle ich mich zu 100% wohl.

Umso größer das Flugzeug, umso ruhiger der Flug. Stimmt das?

Das ist grundsätzlich richtig, da ein größeres Flugzeug eine größere Masse hat. Allerdings kann rein theoretisch auch das größte Passagierflugzeug in starke Turbulenzen geraten, da das Wetter immer noch den größten Einfluss hat.

© Condor Boeing 767-300

Stürme, Blitze, Nebel: Wann kann es gefährlich werden?

Wetterphänomene wie starker Wind, Stürme oder hohe Feuchtigkeit, sind natürlich immer eine Herausforderung. Sie gehören aber zur Karriere eines Piloten dazu und wir sind darauf auch sehr gut vorbereitet, durch regelmäßige Trainings. Blitze sind im Flugzeug ungefährlich, da man sich im Flugzeug in einem „Faradayschen Käfig“ befindet. Dieser führt zu einer elektrischen Abschirmung, ähnlich eines Blitzableiters auf dem Haus.

Wieso wolltest Du ausgerechnet Pilot werden?

Ich bin ein völliges Klischeekind: Mein Vater war Pilot und meine Mutter Stewardess. Es war daher schon immer mein Traum, in die Fußstapfen meines Vaters zu treten und Pilot zu werden – und der ist gottseidank in Erfüllung gegangen! Ich liebe meinen Beruf.

Möchtest Du diesen Beruf für immer machen?

Ich kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen und möchte ihn so lange ich kann ausführen.

Hast Du konkrete Tipps gegen Flugangst?

Ein Wundermittel gegen Flugangst gibt es leider nicht. Es hilft aber sich bewusst zu machen, dass alle Piloten und Flugbegleiter aller großen deutschen Airlines sehr gut ausgebildet sind. Wir wissen durch unser gutes und regelmäßiges Training was wir machen und sind Profis darin. Die Fliegerei ist ein sehr sicheres Arbeitsumfeld, in dem sehr viel und oft gewartet und trainiert wird. Dem einen hilft vielleicht ein Flugangstseminar, dem anderen der Gedanke daran, dass wir immer zu 101 Prozent für die Sicherheit an Bord sorgen.

© Condor Boeing 757-300

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