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Europa Travel 16. Mai 2017

Ein (noch) nahezu unberührtes Stück Erde in Europa: Die Balkanhalbinsel Montenegro

Es ist mal wieder ziemlich früh an diesem Sonntagmorgen, als ich mich auf den Weg zum Flughafen Berlin Schönefeld mache. Während ich noch dabei bin, wach zu werden, trinkt eine Gruppe partywütiger Touristen mit massenweise Glitzer im Gesicht neben mir in der S-Bahn ihr vermeintlich letztes, eher unwahrscheinlich erstes Dosenbier. Sichtlich angewidert von dem Geruch, der sich durch den Wagon zieht, beginnt plötzlich mein Sitznachbar mit sich selbst zu reden, während er mit seinem rechten Zeigefinger tief in der Nase bohrt. „Berlin ist so asozial. So asozial. So asozial.“ Immer wieder wiederholt er diesen Satz, bis ich erleichtert an der Endhaltestelle aussteige.

Mein Flug nach Podgorica ist bereits angeschrieben: Estimated 08:05. Bereits in der Warteschlange am Check-In Schalter wird mir klar, dass Montenegro bisher immer noch gänzlich unbekannt in Europa ist. Hinter mir in der Reihe wird über die aktuelle Währung des Landes diskutiert. Vor mir, ob Montenegro nun eigentlich zur EU gehöre und ob das Land überhaupt sicher sei? Das kann ja heiter werden, denke ich.

© Rale Pavicevic

Knapp zwei Stunden später setzt das Flugzeug mit einem lauten Krach auf der Landebahn in Podgorica auf. Aus den hinteren Reihen des Flugzeugs ertönt Applaus. Anstatt zu klatschen, bin ich bereits beim Landeanflug von der unfassbaren Schönheit Montenegros fasziniert: Die Küste Montenegros lässt sich nur erahnen, kahle und unfassbar grüne Berge ragen in den Himmel. Die Sonne scheint.

© Rale Pavicevic

Montenegro ist zwar nur knapp 14.000 Quadratkilometer groß und belegt damit gerade mal Platz 156 in der Liste der größten Staaten der Welt. Dafür führt das 650.000 Einwohner zählende Land die Tabelle der weltweit am schnellsten wachsenden Reiseziele schon seit Jahren an – mit jährlichen Steigerungsraten der Besucherzahlen von stabilen 30 Prozent. Und es hat weitere Superlative zu bieten: die längste und tiefste Schlucht Europas, den längsten Sandstrand der Adria, den südlichsten Fjord Europas.

© Rale Pavicevic

Am Ausgang des Flughafens wartet bereits Rale, mit dem ich mich vorab über Instagram verabredet habe, auf mich. Rale arbeitet als Jurist in Podgorica, wo er auch studiert hat. Seine Leidenschaft sei jedoch das Reisen und die Fotografie, lässt er mich wissen, bevor wir in sein Auto steigen. Wir unterhalten uns über sein Land, die unberührte Natur, über Deutschland, über unsere Träume und Ziele, während wir immer wieder den unzähligen Schlaglöchern der schmalen Straße rund um den Skutarisee ausweichen.

© Rale Pavicevic

Die Natur ist gewaltig und die Aussicht von „Pavlova strana“ auf den Skutarisee wohl das Schönste was ich den letzten Jahren gesehen habe. Immer und immer wieder komme Rale hierher, um der Sonne beim Untergehen zuzusehen, sich zu erholen. Er wird nie genug von dieser Aussicht bekommen, schmunzelt er. Unsere Reise geht weiter. Vorbei an dem kleinen Fischerdorf Karuç, einer verlassenen Festung mit dem Namen Žabljak Crnojevića und der städtischen Siedlung Virpazar. Ein Ort ist schöner als der andere, auch wenn die unzähligen verlassenen, teilweise in katastrophalen Zustand zerfallenen Häuschen einen etwas negativen Beigeschmack haben.

Rale und ich unterhalten uns über den NATO-Beitritt Montenegros, über monatliche Durchschnittsgehälter und die steigende Attraktivität Montenegros als Reiseziel. Ein „Monaco des Ostens“ soll das Land werden, ausländische Investoren bauen um die Wette, Luxushotels, Spa und Wellness sind Begriffe der neuen Zeit im Balkanland. Noch gibt es unberührte Landschaften, wie man sie selten in Europa findet. Man kann eigentlich nur hoffen, dass Montenegro von diesem Aufschwung in vielerlei Hinsicht profitieren wird, ohne dass das Land zu einem seelenlosen Urlaubsort in den nächsten Jahrzehnten verkommt. Ich würde es mir wünschen, sagt Rale, nachdem wir uns verabschiedet haben. Dem kann ich nur zustimmen.

© Rale Pavicevic

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