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Feuilleton Kunst 2. Dezember 2015

Gender, Sex und der eigene Körper: Carolee Schneemanns „Kinetische Malerei“

Genderfragen, Sexualität und die Verwendung des eigenen Körpers: so lässt sich ganz grob die Arbeit der Performance Künstlerin Carolee Schneemann, die zu den wichtigsten ihrer Generation gehört, zusammenfassen. Ohne Frage wird ihre künstlerische Arbeit auf die nachfolgenden Künstlergenerationen einen wegweisenden Einfluss haben. Aktuell widmet das Museum der Moderne Salzburg mit einer Ausstellung auf zwei Ebenen Carolee Schneemann (geb. 1939 in Fox Chase, Pennsylvania, lebt in New Platz, New York) eine umfassende Rückschau. „Ich habe vieles gesagt, was nicht populär ist“, stellte Carolee Schneemann zur Eröffnung der ihr gewidmeten Retrospektive über sechs Jahrzehnte fest. Ganz schön bescheiden.

© Carolee Schneemann Eye Body 1963 2
© Carolee Schneemann Eye Body 1963 2
© Carolee Schneemann Eye Body 1963
© Carolee Schneemann Eye Body 1963

Sowohl berühmte Arbeiten und Performances als auch bisher noch nie oder selten gezeigte Werke, die das künstlerische Schaffen Schneemanns in einen neuen Fokus rückt, sind im Museum der Moderne Salzburg zu sehen: frühe Landschafts- und Portraitmalerei aus Mitte der 1950er Jahre, die sich zu objekthaften Gemälden konstruieren. Außerdem untersucht die Ausstellung den Zusammenhang zwischen Malerei in Verbindung mit Schneemanns Performances, Choreografien und experimentellen Filmarbeiten. Und das auf einer Fläche von 1.700 m² mit rund 350 Arbeiten (darunter Leihgaben aus dem Museum of Modern Art, New York, der Tate, London, und dem Schneemann Archiv in den Special Collections an den Stanford University Libraries).

© Carolee Schneemann Early Landscape 1959
© Carolee Schneemann Early Landscape 1959
© Carolee Schneemann Sir Henry Francis Taylor 1961
© Carolee Schneemann Sir Henry Francis Taylor 1961
© Carolee Schneemann Four Fur Cutting Boards 1963
© Carolee Schneemann Four Fur Cutting Boards 1963

Schneemann studierte Malerei am Bard College in Annandale-on-Hudson, NY, an der Columbia University und an der University of Illinois. Wer ihre Arbeiten kennt, weiß, dass sie den Begriff „Painting Constructions“ prägte. Immer wieder integrierte sie in ihre Gemälde Fotografien und Gegenstände aus ihrem Alltag. Mehrere Werke aus dieser Gruppe, in denen sie unter anderem auch Feuer als gestalterisches Merkmal einsetzte, sind in der Ausstellung zum ersten Mal zu sehen.

Anfang der 1960er Jahre zog die Künstlerin nach New York, um sich dort in den avantgardistischen Entwicklungen der Downtown-Kunstszene in Film, Tanz, Happening und Event zu verlieren. Sie war eine der Performerin in Claes Oldenburgs „Store Days“ (1961), choreografierte als erste bildende Künstlerin für das Judson Dance Theater (1962–1964), und trat als Manets Olympia in Robert Morris’ „Site“ (1964) auf. Der Wunsch, die Malerei über die Leinwand hinauszutragen und zugleich Schöpferin und Darstellerin ihrer Bilder zu sein, führte zu einer hybriden Form von Performance und Fotografie in der sie ihren Körper in ihrem Studio mit Werken wie u.a. „Four Fur Cutting Boards“ (1962) einbrachte und damit „Eye Body: 36 Transformative Actions for Camera“ (1963) schuf.

© Carolee Schneemann Interior Scroll 1975
© Carolee Schneemann Interior Scroll 1975

Ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit ist die Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körper im historischen und gesellschaftlichen Kontext und die Untersuchung von Lust und Erotik aus weiblicher Sichtweise. Was hätte wohl Judith Butler, Barbara Vinken oder Simone de Beauvoir dazu gesagt?

Carolee Schneemann & Michael André Ankermüller 2015 Museum der Moderne Salzburg
Carolee Schneemann & Michael André Ankermüller 2015 Museum der Moderne Salzburg

In ihrem sexuell expliziten Film „Fuses“ (1965) portraitierte sie sich selbst und ihren Lebensgefährten, den Komponisten und Musiktheoretiker James Tenney beim Sex. Schneemann enthüllte darin gemeinsame Intimität und untergrub gleichzeitig die Formen gängiger Pornografie. In einer ihrer wohl bekanntesten Arbeit „Interior Scroll“ (1975/1977) bringt Schneemann ihren Körper als Quelle „inneren“ Wissens in Stellung: Sie zieht eine Papierrolle aus ihrer Vagina und liest Zentimeter für Zentimeter einen Text über Sexismus und die Geringschätzung, die Frauen in der Kunstwelt entgegenschlägt, vor.

© Carolee Schneemann Up to and Including Her Limits 1973-77
© Carolee Schneemann Up to and Including Her Limits 1973-77

 

Ein Meilenstein und die wohl bekannteste unter ihren Arbeiten ist ihr „Kinetisches Theaterstück“ Meat Joy („Fleischliche Freuden“, 1964), eine Gruppenperformance als ekstatisch-opulentes Fest aus Sexualität, Popmusik und Fleisch. Als kritische Antwort auf die Malerei des Abstrakten Expressionismus entwickelte Schneemann mit „Up to and Including Her Limits“ (1973–1977) eine Performance-Installation, welche den Körper der Künstlerin als Medium der künstlerischen Markierung hervorhebt. Jüngere Werke wie die skulpturale Installation „Flange 6rpm“ (2011–2013) zeugen von der Intensität, mit der die Künstlerin nach wie vor aktiv ist.

Carolee Schneemann hat es nicht nur geschafft, die Ketten der Leinwand zu sprengen, sondern machte sich selbst zur Leinwand, zum Kunstwerk. So entstanden beispielsweise Assemblagen, angereichert mit persönlichen Gegenständen, während sie zeitgleich an ihren berühmten Filmen und Performances arbeitete. Ihr Ziel: ein Infragestellen von Tabus, Verklemmtsein und Dogmen.

Wer nun keine Zeit hat, die Ausstellung vor Ort zu besuchen, sollte sich schnellstmöglich den Katalog zur Ausstellung organisieren, der kürzlich im Prestel Verlag erschienen ist. Voll von Gefühl, Zeit und Bedingungslosigkeit.

Carolee Schneemann Meat Joy 1964 2
Carolee Schneemann Meat Joy 1964 2

„Unerbittlich und selbstbewusst arbeitet Carolee Schneemann mit ihrem eigenen Körper. Dieser Band gibt eine Gesamtschau über das Werk einer der führenden Vertreterinnen der feministischen Kunst seit den siebziger Jahren und lässt dabei keinen Aspekt ihres Oeuvres unberücksichtig: Malerei, Assemblagen, Performances, Experimentalfilm und Videoinstallationen. Bekannte Arbeiten wie Eye Body, Meat Joy und Interior Scroll werden eingehend gewürdigt und Themen und Motive ihrer Arbeit, vor allem der von ihr geprägte Begriff der „Kinetischen Malerei“, analysiert. Aufsätze zu Schneemanns künstlerischen Strategien, ihren Experimentalfilmen und den bewussten Doppeldeutigkeiten in ihrem Werk schärfen den Blick für die Dimensionen ihrer Kunst. Hier lernt man das Werk einer Künstlerin kennen, die ihre kreative Arbeit als selbstbewussten Akt der Befreiung versteht, der die Zeit überdauern wird. Die Publikation enthält eine Aufstellung aller Einzel- und Gruppenausstellungen und Auszeichnungen der Künstlerin – erstmals in einem Buch veröffentlicht, stellt dies eine unverzichtbare Informationsquelle für alle Interessierte dar.“ (Quelle: Prestel)

Carolee Schneemann
Sabine Breitwieser (Hg.)
Carolee Schneemann
„Kinetische Malerei“, Prestel Verlag

Carolee Schneemann „Kinetische Malerei“, hg.v. Sabine Breitweiser, Gebundenes Buch, 320 Seiten, 49,95 Euro

Die Ausstellung ist vom 21.11.2015 – 28.2.2016 im Museum der Moderne Salzburg zu sehen.

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