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Feuilleton Kunst 19. März 2016

Begegnungen mit Judith Egger

„Sie sind feinstofflich und wollen Ihre Fitness durch individuelles Krafttraining verbessern? Dann sind Sie in unserem speziell für feinstoffliche Wesen entwickelten Kraftraum genau richtig. So lautete die Einladung des KUNSTRAUM BOGENHAUSEN, der  zum „freien Training“ mit der Münchner Künstlerin Judith Egger einlud. Ich selbst begegnete Judiths Arbeiten bei einem Spaziergang im Advent. Dabei staunte ich nicht schlecht, als ich auf meiner gewohnten Runde durchs Viertel über die Installation Fit durch den Advent stolperte: Diese besteht aus zwergenhaften Objekten, die an den Turnunterricht erinnern und temporär in einem ehemaligen Klohäuschen des Münchner Schlachthofes zu sehen war. In der Mitte des kleinen, gekachelten Raumes hing eine trapezähnliche Konstruktion, die wie von Geisterhand hin- und herschwang.

Im Gespräch erzählte uns Judith mehr zu sich, ihrer Kunst und was sie zur Münchner Biennale/Festival plant.

Für Zwerge? Sportmatten, 2015 (Maße: L=14 x 10 x 1,2 cm, M=10 x 7 x 1,2 cm, S=7 x 5 x 1,2 cm) Foto: Walter Bayer
Sportmatten, 2015 (Maße: L = 14 x 10 x 1,2 cm, M = 10 x 7 x 1,2 cm, S = 7 x 5 x 1,2 cm) Foto: © Walter Bayer

Wir wurden an einem Sonntagsspaziergang auf deine Installation „Fit durch den Advent“ aufmerksam. Wie kamst du auf die Idee dazu?

Die Idee hat sich an zwei kleinen Messing-Ringen, die in meinem Atelier herumlagen, entzündet. Zuerst dachte ich an ein Trainingscamp für Zwerge, aber bei einem Atelierbesuch der Philosophin Nika Wiedinger war aus dem Gespräch heraus der „Kraftraum für feinstoffliche Wesen“ entstanden. Diesen Ansatz habe ich dann weiter ausgebaut. Heute kann ich als Gründerin und Geschäftsführerin auf ein äußerst erfolgreiches Pop-up Fitnessstudio mit einem großen Kundenstamm und einer Reihe von speziell entwickelten Geräten stolz sein. Es gibt mittlerweile schon einige Subunternehmer (Franchise)- die den Feinstofflichen eine kleine aber hochwertige Selektion von Trainingsgeräten anbieten, Tendenz steigend. Für die Installation „Fit durch den Advent“ habe ich eigens für den Raum des KloHäuschens an der Großmarkthalle ein Kraftgerät entwickelt, das der vor- und nachweihnachtlichen Entschlackung der feinstofflichen Wesen dient.

Wandbock, 2015 (Maße: 7 x 12 x 10 cm) Foto: Walter Bayer
Wandbock, 2015 (Maße: 7 x 12 x 10 cm) Foto: © Walter Bayer

Mit „Geisterklo“ hattest du ja schon einmal etwas ähnliches gemacht. Was reizt dich an Arbeiten wie diesen?

Richtig, das stimmt! Ich glaube, das Reizvolle bei dieser Art von Arbeit ist der unsichtbare Anteil. Der nimmt dann unter Umständen der Phantasie der BesucherInnen, eine noch viel interessantere Form an.

Nest der unerforschten Arten (permanente Installation 2013) Foto: Judith Egger
Nest der unerforschten Arten (permanente Installation 2013) Foto: © Judith Egger

Die „Parasital Installations“ erinnern mich an den Bio-Unterricht. Spielen Natur und Medizin eine Rolle für deine Arbeit?

Ein großes Thema in meiner Arbeit ist die künstlerische Abbildung und Nachbildung der unbeherrschbaren Lebenskraft, der alles transformierenden „Schwellkraft“ der Natur, der ich erstmals in meinem 2004 gegründeten „Institut für Hybristik und empirische Schwellkörperforschung“ eine größere Installation widmete. Seitdem habe ich an diesem Thema in einer Vielzahl von Installationen, Zeichnungen und Performances weiter gearbeitet.

Shape & Control (Installation Ausschnitt 2013) Foto: Judith Egger)
Shape & Control (Installation Ausschnitt 2013) Foto: © Judith Egger

Welche Kunstform ist deine liebste? Gibt es Themen, die du dir nur in einer der genannten Gattungen vorstellen kannst?

Gute Frage! Hätte ich eine Lieblingskunstform, würde ich mich garantiert nur noch auf diese Weise ausdrücken. Aber bei mir funktioniert es anders: entweder ich stosse auf ein interessantes Material (zB. Fundstücke auf der Straße, Messingringe aus dem Baumarkt, Pilzwucherungen aus dem Wald, etc.) aus dem sich dann eine Idee entwickelt. Oder ich habe plötzliche Einfälle, die aus dem Nichts auftauchen und die dann umgesetzt werden wollen. Oft habe ich das Gefühl, die Angestellte meiner eigenen Ideen zu sein. Sie beuten mich aus und meistens bekomme ich nicht mal die Überstunden bezahlt.

Die Vermessung der Hummel (Objekt 2015) Foto: Judith Egger
Die Vermessung der Hummel (Objekt 2015) Foto: © Judith Egger

Woher beziehst du deine Inspiration? Gibt es andere Künstler, die du bewunderst?

Zum ersten Teil Deiner Frage: Das weiss ich nicht wirklich, – vermutlich entsteht sie aus einem Amalgam aus Alltagserlebnissen und aussergewöhlichen Erfahrungen und Eindrücken, die auch lange zurück liegen können.
Zum zweiten Teil: Natürlich gibt es viele, die ich für ganz unterschiedliche Dinge bewundere. Ein Griff in den grossen Topf? Morgan O´Hara, Agnes Martin, Paul Thek, Martin Kippenberger, Samson Kambalu, Pauline Oliveros, Theaster Gates, Rebecca Horn, Thomas Hirschhorn, Chen Zehn, Fischli & Weiss, Andrea Zittel…

unknown white entity, (Performance 2012) Foto: Manuel Eitner
unknown white entity (Performance 2012, Dauer: 20 Minuten) Foto: © Manuel Eitner

Woran arbeitest du aktuell? Wo und wann können wir mehr von deinen Arbeiten sehen?

Momentan bin ich mit der Vorbereitung für mein neues Performancestück „Hundun“ beschäftigt, dessen Ausgangspunkt eine Parabel aus der chinesischen Mythologie ist. Es wird am 29. Mai 2016 auf der Münchner Biennale/Festival für neues Musiktheater im Muffatwerk uraufgeführt. Dabei arbeite ich mit der Berliner Komponistin Neele Hülcker zusammen, die für die Komposition und das Klangkonzept zuständig ist. Neele und ich untersuchen in einem obskuren Laborraum einen großen unförmigen Körper, der an Gurten von der Decke baumelt. Jede untersucht auf ihre Weise: Neele erkundet die Oberfläche mit hochsensiblen Mikrophonen und geht somit ihre ganz eigenen „Klangwege“ während ich den Körper mit unterschiedlichen Bildgebungsverfahren innerlich sowie äußerlich abtaste – ein synästhetischer Dialog entspinnt sich, wodurch sich ganz neue Assoziationsräume auftun.

Weitere Informationen zu Judith Egger und ihrer Kunst gibt es hier

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