5 Gründe, warum JEDER kreativ sein kann

Berlin ist weltweit bekannt für seine Kreativität. An jeder Ecke lauert Inspiration, die Kaffeehäuser sind voll von jungen Menschen, die sich hinter ihren MacBooks verschanzt haben um an der Idee für ein neues Startup zu feilen oder einfach doch nur auf Facebook rumhängen. Berlin kämpft bekanntermaßen wirklich mit zahlreichen Klischees. Vor wenigen Wochen war ich mit Coca-Cola auf einer kreativen Reise durch Berlin. Ich besuchte das Berliner Büro der Firma sygns, die für ihre Neonchriftzüge mittlerweile auch außerhalb von Berlin bekannt sind und die ich übrigens bereits im letzten Jahr für Blog Bohème interviewte.

Eine weitere Station führte mich zu dem Glasbläser Thomas Wendler, der sein Atelier in Kreuzberg hat. Der Auftakt der kreativen Reise durch Berlin startete aber in der DaWanda Snuggery in Charlottenburg mit einem „Design Thinking“ Workshop mit Fried Große-Dunker, Mitgründer der Innovationsagentur Dark Horse.

Berlin Calling! Coca-Cola Event in Berlin am 26.01.2017. Foto: Fried Große-Dunker © Gero Breloer für Coca-Cola

Sein Workshop war so gut, dass ich mir im Nachhinein dachte, dass es großartig wäre, wenn Fried einen Gastbeitrag über Kreativität auf Blog Bohème schreiben würde. Ungefähr drei Wochen vergingen bis zum heutigen Tag. Kreativität braucht eben  Zeit… Ich hoffe ihr habt genauso viel Spaß beim Lesen, wie ich es hatte. „Design Thinking“  ist nämlich eine großartige Sache.


Kreativität — dieses Wort provoziert Bewunderung und Versagensängste so stark wie kaum ein anderes. Kreativität wird oft als eine von Gott gegebene Fähigkeit angesehen. Sie wurde jenen in die Wiege gelegt, die wir heute bewundern: ob technischen Genies wie Steve Jobs, außergewöhnlich begabten Physikern wie Albert Einstein oder talentierten Meistern ihres Fachs wie Pablo Picasso, Vincent van Gogh oder Ludwig van Beethoven.

Aber ist das wirklich so? Oder vielmehr, muss das so sein?

Dabei haben wir alle gleichermaßen angefangen, unser aller Ursprung war doch die Wiege. Als Kinder waren wir noch alle kreativ (wer was anderes behauptet, verleugnet die eigene Kindheit) und haben unsere Eltern mit neuen Lego-Modellen, raffinierten Malstift-Zeichnungen und logisch komplexen Rollenspielen verzückt — zumindest wurde uns das damals glaubhaft gemacht. Kreativität war uns also doch allen irgendwie in die Wiege gelegt. Doch auf dem langen, hoffentlich ereignisreichen Weg ins Erwachsenendasein ging scheinbar irgendetwas verloren. Was das sein soll, darüber streiten sich die Geister. Eine zunächst sehr triviale, aber durchaus einleuchtende Erklärung bietet David Kelley in seinem sehenswerten TED Talk und seinem Buch „Creative Confidence“.

Wir haben schlicht das Selbstvertrauen in unsere eigenen kreativen Fähigkeiten verloren. Und das kam ungefähr so: „Das soll ein Pferd sein? So ein Quatsch!“
„Schaut mal, was der [Kindername] wieder gemalt hat!“, gefolgt von subjektiv ohrenbetäubendem Gelächter der versammelten Kinderschar.
Oder vielleicht auch etwas in der Art von: „Mein(e) liebe(r) Sohn/Tochter [Kindername], vielleicht suchst du dir ein anderes Hobby. So wird das nichts!“ Ein paar dieser Negativ-Feedbacks später und schon kommen wir unweigerlich zu dem Schluss, dass Kreativität mehr Schaden als Nutzen anrichtet, und dass wir dies dann doch lieber „jenen“ überlassen, die wir später als Genies, Künstler oder Talentierte bezeichnen. Unser eigenes kreatives Vertrauen“ in uns selbst – weggespült. Unsere Überzeugung selbst kreativ zu sein – quasi nie vorhanden. Und schon ist der Mythos geboren, dass Kreativität eine Gabe ist, die nur wenigen zuteil wird, ein Stein der Weisen, an dem man sich nur verbrennen kann.

Von wegen!

An dieser Stelle möchten wir selbst einmal »Mythbusters« spielen und diesen Mythos als eine schwache Entschuldigung entlarven, die wir uns damals zurecht gelegt haben, und die wir in der heutigen Zeit gar nicht mehr brauchen.
Richtig gelesen — wir sind der festen Überzeugung, dass jeder Mensch kreativ sein kann und dass jeder kreatives Potential in sich trägt. Wir sind der festen Überzeugung, dass Kreativität eben nicht eine Gabe ist und dass sie nicht (nur) in den Genen liegt — mehr zum Thema Gene im Abspann. In den letzten acht Jahren haben wir bei der Innovationsagentur Dark Horse unzählige Ideen- Workshops, Innovations-Projekte und Innovationskultur-Trainings durchgeführt, die uns in dieser Überzeugung gestärkt haben: Wir alle können kreativ sein!

Und deshalb haben wir unsere FÜNF Gründe zusammengetragen, warum jeder kreativ sein kann:

#1 Sherlock Holmes sein: Input erschafft Output

Unsere Gehirne sind Meister der Informationsverarbeitung. Noch sind sie deutlich schneller als jeder Computer dieser Welt. Allerdings können sie nur das verarbeiten, was auch hereinkommt. Deswegen gilt auch für die Kreativität dasselbe, wie für vieles andere: Der Input bestimmt den Output.  Was bedeutet das jetzt konkret? Zuerst sollten wir uns auf die Suche nach Informationen begeben, bevor wir kreativ sein wollen. Auf gut Deutsch: recherchieren, inspirieren lassen! Das kann doch eigentlich jeder, oder?  Diese Phase der Informationssuche nennen wir bei einer unserer Lieblings- Innovationsmethodiken, dem Design Thinking, ganz lapidar die Sherlock-Holmes-Phase. Bevor wir kreativ werden wollen, werden wir zum Meisterdetektiv: wir recherchieren, wir beobachten, wir gehen Ursachen auf den Grund. Denn nur, wenn wir wirklich verstanden haben, was die Ursache eines Problems ist, und warum sich bestimmte Zielgruppen verhalten, wie sie sich verhalten, nur dann lohnt es sich kreativ zu werden. Oder wie Albert Einstein es einmal so treffend formulierte: „Wenn ich in 60 Minuten ein Problem lösen soll, das mein Leben bedroht, widme ich mich 55 Minuten dem Problem und fünf Minuten der Lösung“.
 Oder wie schlaue Menschen in der Produktentwicklung zu sagen pflegen: „Die meisten Innovationen scheitern nicht daran, das sie schlechte Ideen wären. Sie scheitern, weil sie das falsche Problem lösen.“

Das ist noch nicht überzeugend? Kein Problem, hier ein Gedanken-Kreativitäts-Experiment: Wir überlegen uns ein tolles, besonders kreatives Geschenk für einen Menschen!
Das ist gar nicht mal so einfach, oder? Wo sollen wir nur anfangen? Eben.
Wie wäre es daher mit einem konkreteren Auftrag: „Wir überlegen uns ein Geschenk für einen 40- bis 50-jährigen Mann, der in einer deutschen Großstadt lebt!“ Das klingt schon einfacher, oder? Aber auch das ist hilft uns noch nicht so wirklich. Wir machen es noch konkreter: „Wir überlegen uns ein Geschenk für Werner Müller aus Berlin. Er ist 48 Jahre alt, lebt sehr gesundheitsorientiert und geht zwei mal in der Woche zum Yoga.
Jetzt sollten uns doch viele Ideen kommen, oder?
Genau das bedeutet es, Sherlock Holmes zu sein. Je mehr Informationen wir zur Verfügung haben, desto einfacher kommen wir auf neue Ideen. Input erschafft Output.

#2 Die MacGyver-Variante: Kombinieren kann jeder

Kommen wir zum nächsten Mythos. Kreativität bedeutet immer, etwas total Neues zu erschaffen. So wie Albert Einstein mit seiner Relativitätstheorie. Oder Thomas Edison mit seiner Glühbirne. Tatsächlich aber ist ein Großteil der kreativen Ideen und Innovationen von heute, „nur“ eine Kombination bestehender Elemente. Dieses Phänomen kennen wir alle noch gut von unserem Kinderzimmerhelden aus den 1980ern, Angus MacGyver. Sitzt er mal wieder in der Klemme, hat er ruckzuck die Gegenstände um sich herum so kombiniert, dass etwas Neues entsteht. Aus einem Korken und einer Büroklammer hat er sich ein explosives Gemisch gebastelt, das ihn zurück in die Freiheit katapultiert! Oder so.  Auch in uns allen steckt ein kleiner MacGyver. Kombinieren kann jeder. Und in der heutigen, digitalen Welt ganz besonders, denn wenn wir uns nur mal die großartigen Dinge anschauen, die uns umgeben, so stellen wir fest, dass nur ein Bruchteil dessen etwas völlig Neues und Nochniedagewesenes darstellt. Mit dem iPhone etwa wurden nicht Smartphones oder Touchscreens erfunden, beides gab es schon vorher. Apple kam nur als erstes Unternehmen auf die Idee, diese beiden technischen Neuerungen gewinnbringend zu verknüpfen. Dienste wie »Zapier« und »IFTTT« bieten uns sogar an, digitale Elemente zu kombinieren, ohne dass wir auch nur eine einzige Zeile Programmiercode schreiben müssen.

Schmälern solche »Tricks« die Leistung der Innovation? Nein, im Gegenteil! Das kluge Kombinieren von Elementen, die uns umgeben, ist eine Kunst für sich. Ein Puzzle löst schließlich auch niemand einfach mal so.
Und das schöne dabei ist (auf die Gefahr hin, dass wir uns hier wiederholen): Die MacGyver- Variante für innovatives Kombinieren kann jedem gelingen.

#3 Der Geistesblitz ist ein Zufall? Von wegen!

Jeder von uns hatte wahrscheinlich schon einmal einen »Heureka-Moment«. Meistens passiert er am Morgen, wahlweise unter der Dusche, beim morgendlichen Joggen oder auch, ganz profan, auf der Toilette. Plötzlich kommt uns eine zündende Idee, die Lösung für ein Problem. Plötzlich? Falsch gedacht. Der zufällige Geistesblitz ist auch so ein Mythos. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass das Gehirn eine Funktion hat, die man als »Tortoise Brain« bezeichnet. Ein Teil unseres Gehirns verarbeitet Informationen nämlich langsam, aber dafür stetig, wie eine Schildkröte also (daher die englischsprachige Bezeichnung für jenes Phänomen). Das klingt erst einmal nicht nach einer großartigen Erkenntnis. Ist sie aber doch, denn das Tortoise Brain hat die tolle Eigenschaft, dass es ständig arbeitet. Sogar im Schlaf. Es sortiert Informationen im Hintergrund, verknüpft sie neu und verschafft sich so beständig einen Überblick über all sein Wissen. Daher passiert es nicht selten, dass wir plötzlich die Lösung eines alten Problems in der neuen Struktur sehen, die uns das Tortoise Brain geschaffen hat. Und et voila: da ist er, der Geistesblitz!

Im Umkehrschluss heißt das: Je besser wir das Tortoise Gehirn mit Informationen füttern, desto eher erhalten wir die von uns ersehnten Geistesblitze. In der Praxis funktioniert das so: Damit unser Tortoise Brain besonderes effizient arbeiten kann, braucht es zum einen eine Phase der Informationsaufnahme, möglichst geballt und konzentriert. Zum anderen — und diese Phase wird häufig nicht explizit gelebt — braucht das Tortoise Gehirn im Anschluss eine Ruhephase, um all die neuen Informationen verarbeiten zu können. Umgangssprachlich sagen wir auch »Unser Gehirn muss mal abschalten«.Das klappt etwa beim Sport machen, beim Schlafen, bei handwerklichen Tätigkeiten. Was wir machen, bleibt uns überlassen, hauptsache wir lassen unseren Kopfin Ruhe arbeiten.

Das ist übrigens auch einer der Gründe, warum wir bei Dark Horse eine Vier-Tage-Woche leben. Und warum wir nach ein paar Tagen fordernder Projektarbeit immer eine Pause einlegen, um uns mit anderen Themen zu beschäftigen. Wer einer Vier-Tage-Woche übrigens skeptisch gegenüber steht, dem seien die Argumente hier und hier ans Herz gelegt. Es gibt sogar Geschichten von berühmten Persönlichkieten, die das Tortoise Gehirn so weit „instrumentalisieren“, dass sie sich abends kurz vor dem Schlafengehen eine drängende Frage aufschreiben, in der Hoffnung am nächsten Tag mit der Lösung im Kopf aufzuwachen. Man kann das ja auch mal ganz einfach ausprobieren.

#4 Die Formel »1+1=3« gilt auch bei der Kreativität

Sehr viele Genies und Künstler unserer Zeit, denen wir eine besondere Kreativität zuschreiben, haben eines gemeinsam: Sie sind Einzelkämpfer, oder werden als solche dargestellt. Damit ist ein weiterer Mythos geboren. Kreativ sein kann man nur alleine.
Allerdings gibt es in dieser Sache unzählige Studien, die das Gegenteil beweisen. In der Gruppe ist man deutlich kreativer als alleine. Natürlich gibt es auch Besonderheiten und Ausnahmen, aber dennoch ist es unterm Strich deutlich einfacher, gemeinsam kreativ zu sein. Vor allem, wenn sich alle darauf einlassen. Spätestens jetzt geistert wohl den meisten Lesern die Methodik „Brainstorming“ durch den Kopf. Und mit dem Brainstorming ist das ja so eine Sache. Aus unserer Erfahrung bei Dark Horse wissen wir, dass Brainstorming selten so gut funktioniert, wie es funktionieren sollte. Mal stellt sich eine Person quer, mal will lieber jemand eine Idee tot diskutieren, mal mutet das Brainstorming eher wie ein Ringkampf an, bei dem ein Mutiger seine Idee in die Runde schickt, nur um von den Anderen sofort zu Boden gerungen zu werden. Solche Auswüchse helfen natürlich wenig beim Kreativ sein.

Wenn wir aber diszipliniert sind und die gängigen Brainstorming-Regeln (wie »Masse statt Klasse«, »Keine Kritik« und andere) beachten, können wir uns auch in einem Team aus scheinbar unkreativen Menschen gegenseitig so hochschaukeln, dass wir am Ende mit einer Idee in der Hand dastehen, die kein Teammitglied alleine ersponnen hätte. Diesen goldenen Moment haben wir oft genug erlebt. Ob Brainstorming oder eine andere, artverwandte Methode zur kollaborativen Ideenfindung, es geht allein darum, die geeignete Methode fürs Team zu finden. Gelingt das, können wir als Semi- Kreative gemeinsam zur kreativen Hochform auflaufen.

#5 Kreativität kann man lernen, weil man Methoden lernen kann

Was haben die bisher genannten Gründe, warum jeder Mensch kreativ sein kann, gemeinsam? Genau, sie argumentieren mit Methoden. Sie sind Teil bestimmter Innovationsansätze (wie Design Thinking, Lean StartUp und andere). Und das Tolle an Methoden ist: jeder kann sie lernen.
 Eine Methode hilft dabei, die richtigen Prinzipien anzuwenden, um auf kreative Lösungen und Ideen zu kommen. Kreativität ist nicht mehr diese eine von Gott gegebene Gabe, sondern eine Fähigkeit, die man erlernen kann. So wie berühmte Musiker, berühmte Sportler, berühmte Künstler vor allem deswegen Hochleistungen erbringen, weil sie kontinuierlich üben. Studien zeigen sogar, dass selbst bei Hochbegabten mit der Zeit das „von Gott gegebene“ Talent immer weniger wichtig wird, um in die Spitze aufzusteigen. Allein die Zeit des Trainings zählt.
Das klingt doch ermutigend, oder? Kreativität kann man erlernen. Je mehr wir sie trainieren, desto kreativer werden wir. Mit dem richtigen Training, mit der richtigen Übung, mit den ersten Erfolgen (z.B. im Team), erhalten wir wieder Schritt wir Schritt das, was wir im Kindesalter verloren haben, unser kreativen Vertrauen. Da bleibt wie bei vielem nur noch diese eine, kleine Hürde, die wir alle nehmen müssen: der erste Schritt. In diesem Sinne: Auf gehts!


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