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Feuilleton Film Musik People 2. Dezember 2015

11 Fragen an Rainer Niermann

„Unser Projekt wird Deutschlands erste Musical-Webserie, das erste Musical, das nur für das Internet entsteht.“ Echte Begeisterung leuchtete in Rainer Niermanns Augen als er mir zum ersten Mal von seinem Projekt Das tote Pferd von Plön erzählte. Zugegeben: Ich bin kein großer Musical-Fan. Rainers Begeisterung und der herrlich absurde Titel steckten mich trotzdem an und wir unterhielten uns ausgiebig zu seinem besonderen Herzensprojekt. Dieses will der in England lebende und arbeitende Regisseur sowie Musical-Experte via Start-Next – die Kampagne läuft noch bis Januar – in mehreren Episoden ins Netz bringen. Und das ist nicht nur etwas für hartgesottene Musical-Fans. „Es wird ein lautes Knall-Bonbon, eine schräge Komödie inspiriert von dem Humor von Monty Python oder Mel Brooks“, wie Rainer betont. Dabei geht es um die Geschichte eines Musical-Groupies, die selbst zum Musical-Star avanciert – und dabei über Leichen geht. Schön schräg wie wir finden. Wir freuen uns, dass uns Rainer mehr über sich, das Projekt und die – von mir oft unterschätzte – Kunstform Musical erzählt.

Trash oder Tatort?
Rainer Niermann: Beides ist toll. Und ist es nicht schön, wenn es da manchmal keinen Unterschied gibt?

Sissi oder Winnetou?
RN: Winnetou. Dem Apachenhäutling verdanke ich einen Großteil meiner Kindheit. Heimlich nachts unter der Decke lesen, gleich mit dem nächsten Buch anfangen, “nur noch fünf Minuten, Mama“… Karl-May und Winnetou waren quasi die Boxsets meiner jungen Jahre.

Plön oder Pisa?
RN: Plön. … ein bildhübscher Ort in Schleswig-Holstein, falls sich jetzt jemand den Kopf kratzen sollte. … und da ich dort geheiratet habe, würde mir meine Frau eine andere Antwort nicht verzeihen…

Eine Ode auf Schleswig-Holstein (c) Play On Films
Eine Ode auf Schleswig-Holstein (c) Play On Films

Wir sind über dein Musical-Projekt „Das tote Pferd von Plön“ gestolpert. Was hat es damit auf sich?
RN: Es geht um Anika Schönhaube – ihres Zeichens großer Musicalfan. Als sie durch Zufall in eine lokale Musicalproduktion in Plön gerät, kann sie es nicht erwarten endlich mit ihren großen Idolen – den Musicalstars dieser Produktion – gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Insbesondere auf ihre Begegnung mit Musical-Superstar Hajo Keller freut sie sich. Aber dann laufen die Dinge anders als erwartet: Die Produzenten haben keine Ahnung, der Regisseur noch weniger und die Stars sind viel lieber mit sich als mit dem Musical beschäftigt. Um „ihr Musical“ zu schützen greift Anika nun zu drastischen Mitteln: Sie bringt nun genüsslich und mit jeder Menge Galgenhumor einen Musicalstar nach dem anderen um die Ecke. Am Ende sind nur noch sie und Hajo Keller zum großen “Sing Off” während der Premiere des Stücks übrig. Jede Folge läuft nach dem Prinzip „Ein Song, ein Mord“. Voller absurder Komik und mit viel Augenzwinkern wird „Das tote Pferd von Plön” so eine parodistische Liebeserklärung an das Genre Musical, in der sich viele echte Musicalstars selbst auf die Schippe nehmen.

Eine interessante Idee. Wie kommt man auf so etwas?
RN: Mein Kollege Florian Richter und ich kommen beide ursprünglich aus dem Musicalbereich. Florian war jahrelang musikalischer Leiter und Dirigent, ich war als Regieassistent und Regisseur unterwegs, bevor wir beide angefangen haben im Filmbereich zu arbeiten. Vor etwa einem Jahr haben wir nun zusammen eine Filmproduktionsfirma in Deutschland gegründet (Wir sind nun Deutsch-British, vorher hatten wir unsere kleine Firma nur in London.) Als unser erstes Projekt wollten wir sehr gerne etwas machen, das uns reflektiert, das unsere individuelle Note ausdrückt – und das uns und den Zuschauern Spass macht. Da lag die Idee Musical mit Film zu verbinden sehr nahe. „Musical / Theater und Film” scheint sowieso eine Art thematischer Leitfaden für uns zu werden. Viele meiner und Florians vorherigen Projekte haben dieses Thema direkt oder indirekt bereits aufgegriffen.

Kerstin Dietrich als Anika (c) Play On Films
Kerstin Dietrich als Anika (c) Play On Films

Wie wir herausgefunden haben, versammelt einige bekannte Gesichter, wie beispielsweise Kerstin Dietrich und Uwe Kröger, der deutschsprachigen Musical-Szene. Wie konntest du solche Kaliber von deinem eher unkonventionellem Vorhaben überzeugen?
RN: Uns schlug eine große Lust entgegen, etwas Neues und Verrücktes auszuprobieren. Es ist mal etwas ganz Anderes als bereits bekannte Stücke auf der Bühne zu interpretieren. Zudem hat hier jeder mal die Gelegenheit sich ordentlich selbst durch den Kakao zu ziehen – und unsere Musicalstars sind alle wirklich wundervolle Darsteller, die sich gerne auch mal nicht ernst nehmen. Und man hat ja nicht oft die Gelegenheit “Schwachsinn auf hohem Niveau” zu zelebrieren. Und dann müssen wir uns natürlich bei unserem Komponisten Marc Schubring, Texter Heiko Wohlgemuth und Uwe Kröger (einer der etabliertesten Namen im deutschsprachigen Musical, er spielt mit viel ironischer Selbstreferenz Anikas Idol und Gegenspieler Hajo Keller) bedanken: Ursprünglich dachten wir, dass wir vielleicht fünf oder sechs Musicalstars gewinnen können, aber nachdem diese drei zugesagt hatten, standen uns viele Türen offen. Nun haben wir so viele echte Musical-Stars, die in der Serie um die Ecke gebracht werden wollen, dass wir uns für die Geschichte der Serie wirklich was einfallen lassen müssen… das wird wohl mehr als ein Mord pro Folge werden… ein schönes Luxusproblem.

Als Crowdfunding-Projekt ist das „Tote Pferd“ auf die Unterstützung der Öffentlichkeit angewiesen. Wen habt ihr dabei im Auge und was bietet Ihr euren Unterstützern?
RN: Natürlich ist unser Projekt besonders für die spannend, die Musicals in Deutschland schauen und die Namen, die wir anbieten, vielleicht sogar kennen. Allerdings ist unser Projekt nicht nur für Musicalliebhaber gedacht: Die Geschichte platzt vor schrägem Humor und erlaubt einen ironischen Blick hinter die Kulissen einer Musicalproduktion. Gleichzeitig ist es die Geschichte einer Frau, unserer Anika Schönhaube, die sich immer mehr in der Fantasiewelt eines „idealen Musicals” verliert und dabei mehr und mehr den Bezug zur Realität aus den Augen verliert. Sie wird am Ende zu einer tragischen Figur, die zwar “ihr Musical” gerettet, aber dabei alles andere, was wirklich im Leben Bedeutung hat, verloren hat. Unsere Serie zielt also auch auf Komödienliebhaber, die eine gute Geschichte mögen – die hier eben als Musical erzählt wird. Auf unserer Crowdfunding-Webseite findet man viele tolle Dankeschöns, die als Gegenleistung für eine Unterstützung anbieten. Da ist für jeden etwas dabei – von einem Paket mit allen Songs bis hin zur Möglichkeit selbst in die Geschichte einzugreifen (“Bestimme eine Mordwaffe”) haben wir hier eine große Bandbreite. Wir sind für jeden Beitrag, und wenn er auch noch so klein ist, sehr dankbar!

Ein Musical fand bisher seine Umsetzung entweder auf einer Theaterbühne oder auf der Leinwand. Warum habt ihr euch für das Internet entschieden?
RN: Theater, die Bühne, live performances und auch das Kino werden nicht verschwinden – diese Art von Erlebnis kann das Internet nicht ersetzen. Allerdings ist das Internet heute DAS Medium, durch das wir kommunizieren und konsumieren. Wir haben zum Beispiel zu Hause seit Jahren keinen Fernseher mehr und schauen Serien und Filme über Netflix, Amazon Prime oder vergleichbares. Wir wollen daher gerne den Versuch wagen, das Genre Musical für diese Medium unserer Zeit umzusetzen.

Ich persönlich bin ja nicht so der Musical Junkie. Was verpasse ich und welche Einstiegsdroge empfiehlst du Musical Muffeln wie mir?
RN: Auf der Bühne in Deutschland kann man sich sehr gut “Chicago” als erstes Stück anschauen. Das ist immer ein tolles Theatererlebnis, das durch seine Kombination von Tanz, Gesang und Schauspiel mit toller Musik alle Herausforderungen des Musicals präsentiert. Und um zu sehen, dass Musical aber eben nicht immer nur heiter und/oder sentimental ist, einfach mal “Cabaret” anschauen oder aktuell “Gefährliche Liebschaften” (von unserem Komponisten Marc Schubring am Gärtnerplatztheater in München, gerade mit dem Preis der Deutschen Musicalakademie als “Bestes neues Musical” ausgezeichnet), basierend auf dem gleichnamigen Roman. Ansonsten kann ich auch sehr ein paar Klassiker empfehlen: “West Side Story” oder “Jesus Christ Superstar” erzählen ebenfalls komplexe Geschichten und tragische Figuren in sehr unterschiedlichen Musikstilen. Als Musicalfilm unbedingt “Moulin Rouge” und die Adaption von “Chicago” anschauen. “Die Schöne und das Biest” oder “Der Froschkönig” (als letztes handgezeichnetes Musical) von Disney sind ebenfalls großartig. Und als dunkles Musicalfilm-Experiment: “Dancer in the  Dark” von Lars von Trier mit Björk in der Hauptrolle.

Uwe Kröger und Kerstin Dietrich in Action (c) Play On Films
Uwe Kröger und Kerstin Dietrich in Action (c) Play On Films

Mir gefällt an eurer Produktion besonders das selbstironische Element. Inwiefern denkst du, dass diese Herangehensweise dem Genre gut tut?
RN: Um hier mal Loriot aus seiner Jodelschule zu zitieren: “Da regt mich ja die Frage schon auf.” Die Frage impliziert leider eine Sichtweise auf das Genre, das heute in Deutschland leider noch oft vorherrscht, nämlich dass es oft flach und kitschig ist und so dem Schlager näher steht als dem Drama. Dem ist natürlich manchmal so, aber eben nicht immer. (Siehe auch Empfehlungen oben.) Musical hat Rohrkrepierer und gelungene Meisterwerke wie jedes andere Genre. Der Unterschied besteht eben in der Erzählweise: Musik, Gesang und manchmal auch Tanz sind hier Teil einer dramatischen Welt. Wie in jedem anderen narrativen Genre geht es immer darum, eine Geschichte zu erzählen, die ein Publikum berührt, unterhält, zum Nachdenken anregt, aufregt… – nur dass, die Mittel eben spezifisch sind. Wenn man heute manchmal den Feuilleton liest oder mit politisch Verantwortlichen spricht, merkt man, dass wir in Deutschland immer noch wie im 19. Jahrhundert unterscheiden zwischen “E” und “U”, zwischen “ernster” und “unterhaltender” Kunst. Sprechtheater und klassische Musik zum Beispiel gelten dabei oft als “E” und Musical, bestimmte TV-Serien oder ähnliches als “U”… Dabei wird “U” dann oft nicht richtig ernstgenommen, weil es ja “nur Unterhaltung” ist. Erst gestern lass ich einen eigentlich wohl wollenden Artikel in einer Zeitung, der die Hauptdarstellerin einer großen Musicalproduktion vorstellte und dabei überraschend zur Erkenntnis kam, dass es “echte Schwerstarbeit” sei. Der Autor wollte sicher respektvoll mit der Darstellerin und dem Genre umgehen, aber wieso überrascht ihn das? Wie jedes andere künstlerische Medium ist natürlich auch Musical Schwerstarbeit. Ich denke also, “E” und “U“ ist die falsche Herangehensweise. In Großbritannien zum Beispiel wertet es niemand, wenn (Oscar-Preisträger) Sam Mendes als Regisseur zuerst Hamlet inszeniert, dann zwei James Bond Filme dreht und danach bei “Mathilda – Das Musical“ im West End Regie führt. Wichtig ist nur, dass die individuelle Geschichte mit den entsprechenden Mitteln des Genres gut erzählt ist. Um die Frage zu beantworten: Das selbstironische Element tut dem Genre Musical sicher sehr gut, aber nur insofern, wie es jedem anderen Genre ebenfalls gut tut. Es ist immer wichtig, über sich laut lachen zu können.

Regisseur Niermann mit Haupdarsteller Uwe Kröger am Set (c) Play On Films
Regisseur Niermann mit Haupdarsteller Uwe Kröger am Set (c) Play On Films

Schaltet man den Fernseher an, ist einem mit Blick auf das aktuelle Weltgeschehen zum Heulen zumute. Musicals und Komödien könnten einem vor diesem Hintergrund als absolut weltfremd und naiv erscheinen. Wie siehst du das?
RN: Seit Anbeginn nutzen Menschen Geschichten als ein Mittel der Kommunikation. Oft reicht eine einfache Beschreibung nicht aus – die Form einer Geschichte kann komplexe Emotionen, Vorgänge oder Handlungen besser beschreiben. Musicals und Komödien sind nur eine Art Geschichten zu erzählen, sie haben daher erstmal die gleiche Daseinsberechtigung wie jedes andere Genre. (Insbesondere, da nicht jedes Musical naiv und nicht jede Komödie weltfremd ist!) Die Frage ist nur, welche Geschichte erzähle ich und auf was beziehe ich mich damit. Die Komödie und das Musical können auf ihre Art sicher zum Verständnis auch unserer aktuellen Welt beitragen: Egal ob zum Beispiel Ben Stillers Komödie „Zoolander” unseren verschwenderischen Konsum satirisch auf die Kinoleinwand bringt oder “Anatevka” als Musical von Generationenkonflikten, religiöser Diskriminierung und Vertreibung erzählt: Auch – oder vielleicht gerade – diese Genres erlauben uns, unsere Welt zu erfahren, zu hinterfragen und sie ein Stück weiterzuträumen.

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